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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1893-03-11 · Heft 8 (11.3.1893) · page 1

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 8 (11.3.1893)
Date
1893-03-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Als die Untersuchungen über dieselbe in Schwung kamen, erschrak man förmlich darüber, als sich diese Krankheit des Gesichtssinnes sehr häufig hei Bahnbesieiisteteii vorfand,,welchedie rothe und die grüne Farbe nicht kannten, während doch die Signale bei Eisenbahnen roth und grün sind. Trotz dieses Sinnesinangels verrichten sie pünktlich ihren Dienst. Wie dies kam l Nun, die farbenblinden Bahnbeamten sahen das Signal allerdings nicht als rothes oder grünes Licht, aber sie sahen in den ihnen grau erscheinenden leuchtenden Scheiben eine bestimmte Leuchtkraft, die sie als roth und grün bezeichueten; die meisten von ihnen ahnten ihre Farbenblindheit nicht. Der musikalische Mensch unterscheidet selbst Einzeltheile desselben Tones, erkennt sofort die Tonart eines Musikstückes, erfasst den Bau desselben, indem er den logischen Zusammenhang seiner Elemente versteht, er denkt in unmittelbar auftretenden, kräftigen Tonvorstellungen, während der Unmusikalische nur mit Hilfe von gewissen Bewegungsvorstellungen sich in der Tonkunst zurechtsindet Ueber diesen seelenkundlich sehr bedeutsamen Vorgang gibt Dr. C. G. Kunn in der ״Wiener Medieinischen Wochenschrift" (S. Nr. 13. 1892, und ״Jllustr. Musik-Zeitung Nr.!',) einen wichtigen Aufschluss. Wird die Sprache auf ihre Fähigkeit, Vorstellungen auszudrücken, geprüft, so springt sofort die auffallende Bevorzugung des Gesichts- und Tastsinnes und ihrer Verbindung, des Raumfinnes, in die Augen. Da vermag die Sprache allen Eindrücken eine besondere Wortbezeichnung zu geben und damit Vorstellungen und Begriffe zu beleben. Man verwendet Wortbezeichnungen der Gesichtswahrnehmungen auch für Vorstellungen aus anderen Sinnesgebieten, indem man von ״Klangfarben", von einem ״rauschenden Farbenmeer", von ״wohllautenden Linien" u. s. w. spricht. Das, was die Sprache hier thut, ist nichts anderes als ein Uebertragen von Bezeichnnngen aus einem Sinnesgebiete in das andere. Die Sprache übergibt da jenen Vvrstellungsgebieten^ denen es an selbstä^sgen BezesHH^ngen mangelt, Ausdrücke a^V^st'ellunczskrebsen/welche einen hinlänglichen Wortvorrath besitzen. Fü?! Gehörsem^firzdungen gibt es weniger sprachliche Ausdrücke .als' Zur'-Ge- MchMwaHrnehmungen, für Vorstellungen des Geschmacksinns-. WodborräH gering, für Niechvorstellungen gibt ־• ed* gar leine Oe--* sonderen Bezeichnungen. Wo diese fehlen, hilft man sichreben 'Mit Z . der Beziehung auf bekannte ähnliche Empfindungen. * ''־*' ־■*! _ Sicht man von den. drei Begriffswozten Ton, KlanL^^!^ und vÜN oeren Ableitungen ab, so must man das völlige Unvermögen der Sprache eingestehen, Tonempfindungen wiederzugeben. Hier kann sich die sprachliche Daistellung nur durch Ersetzungen (Substitution) oder durch Nennung der herkömmlichen Musikzeichen helfen; man kann auch die einfachste Melodie nicht beschreiben, welche man als musikalischen Gedanken nur in einer einzigen Sprache ausdrücken kann, in jener der Töne. Wie der Maler in Farben, denkt der Musiker in Tönen. Die Tongedanken sind ein Gebiet für sich, und kurzsichtig sind jene Musiker, welche noch immer von der vorgefassten Meinung ausgehen, dass man einen! Tonstück die Darlegung von Gefühlen und Handlungen zumuthen und deshalb instrumentalen Tonwerken bestimmte Texte unterlegen dürfe, die mit denselben in einem inneren Zusammenhänge stehen. Dem Umstande, dass für Vorstellungen aus verschiedenen Wahrnehmungsgebieten im Wege der Ersetzung dieselben Worte gebraucht werden, steht insofern etwas Aehnliches zur Seite, als Tonvorstellungen durch Bewegungsvorstellungen hervorgerufen werden. Es gibt unmusikalische Klavierspieler, bei welchen die mechanische Bewegung der Finger die Hauptsache ist; sie sehen die Notenschrift, schlagen die betreffenden Taster an und hören endlich den Ton, bei welchem Processe die Tonvorstellung durch Auge und Hand im Gehirn entsteht. Der Musikalische hört nur beim bloßen Ansehen der Note auch schon den Ton und schlägt dann erst die Taste an. Dr. Kunn liebt, wie viele seiner Fachgenossen, fremde Ausdrücke und gebraucht sie dort, wo er sehr leicht deutsche Worte gebrauchen könnte. Er sagt;. B.: ״Ter musikalisch veranlagte Mensch hat primäre oder native Tonvorstellungen (warum nicht unmittelbare oder der Naturanlage entspringende Tonvorstellungen?) der Unmusikalische hat sie, nicht und substituirt ihnen, wenn er eine Tonvorstellung erzeugen will, Bewegungsvorstellungen aus

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