Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 7 (1.3.1893)
- Date
- 1893-03-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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0. 3/ L' Nr. 7. Vesterreichisch-ungarische LantorewAeitung. Gerte 8. ordnung bestätigt, wobei den Gouverneuren aufgetragen wurde, \ Maßregeln zu treffen, dass in Zukunft die Vorschriften betreffs des Wohnrechtes der Juden außerhalb des Rayons genau befolgt werden. Indem ich den Zeitpunkt für gekommen erachte, besagte Rundschreiben meiner Vorgänger aufzuheben, bitte ich Eure Excellenz, ohne eine allgemeine Controle der Wohnrechte der Juden vorzunehmen, dafür Sorge zu tragen, dass solche Juden, die das Wohnrecht außerhalb des Rayons nicht besitzen, in die Gouvernements zurück übersiedeln, die ihnen als Wohnort zugewiesen sind. Um eine allmählige Vollstreckung dieser Vorschrift zu ermöglichen und zur Vermeidung des Ruins der auszuweisenden Juden, wollen Sie sofort den in Ihrem Gouvernement unrechtmäßig wohnenden Juden von ihrer Ausweisung Mittheilung machen, und wollen Sie Jedem einen Termin von nicht weniger als vier Monaten bestimmen, nach dessen - Ablauf sie das Gouvernement zu verlassen haben. Die eben erwähnte viermonatliche Frist kann nach Ihrem Dafürhalten verlängert werden, jedoch nicht länger als bis zum 1. November d. I. Solchen Juden aber, die ein Geschäft betreiben, Immobilien besitzen,' einer bestimmten Beschäftigung nachgehen, mit einer zahlreichen Familie belastet sind rc., nur unter der Bedingung, dass zum Beginne des Winters die Auswanderung beendet ist und dass in ihrem Gouvernement nur solche Juden wohnen bleiben, denen das Gesetz es gestattet. Diese Maßregel hat selbstverständlich keinen Bezug aus solche Juden, die vor Ablauf der ihnen bewilligten Frist sich Documente verschafft haben werden, die ihnen, gemäß dem Gesetze das Wohnrecht außerhalb des Rayons gewähren. Wollen Sie mir über die von Ihnen in dieser Sache ergriffenen Maßregeln genauen Bericht erstatten mit Angabe der Zahl der auszuweisenden Juden und der ihnen bewilligten Termine."' Wie uns berichtet wird, schätzt man die Zahl der Juden, welche infolge dieses Erlasses nach Ablauf einer vier- bis achtmonatlichen Frist nach dem Ansiedlungsrayon getrieben werden sollen auf mehr als 60.000, in Cur- und Lievland allein aus 5000. Da ihnen in diesem Rayon der Aufenthalt nur in den Städten und Marktflecken gestattet ist, die ohnehin überfüllt sind, wo die massenhaft ansaffigen Juden jetzt schon einen furchtbaren Kampf ums Dasein zu führen haben, so ist das Elend, dem die Masse obdachloser, zumeist aller Mittel entblößter Geschöpfe entgegengeht, kaum zu ermessen." Wien. Anlässlich der in letzter Nummer der ״Cantoren- Zeitung" berichteten Erörterungen im preußischen Abgeordneten- Hause über den Talmud und die Talmudkenner Dr. Ecker, Zu st u s (B r i m a n) und Prof. N o h l in g ist es außerordentlich zeitgemäß, auf einen schon im vorigen Jahre erschienenen Sonderabdruck der in den ״Mittheilungen des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus" erschienenen bezüglichen Aufsätze unter dem Titel ״der Proceß Rohling contra Bloch" noch einmal hinzuweisen. Die kleine Brochure (Verlag von Mar Hosschläger) schließt mit folgenden Sätzen: ״Die Art wie das Dreiblatt Ecker—Briman— Rohling zusammen gearbeitet und sich gegenseitig unterstützt hat, ist der Handlungsweise von Meineid banden zu vergleichen. Sie zeigt,. bis zu welchen Tiefen der Fanatismus führen kann. In der traurigen Geschichte des Antisemitismus ist sie das traurigste Capitel." Wien. Die neueste Nummer des ״Freien Blatt" enthält einen Bericht über eine Unterredung mit dem Superintendenten der evangelischen Gemeinden H. C., Herrn Pfarrer Otto Schack in Wien, der die antisemitischen Ausschreitungen umsomehr verurtheilte, als sich diese Ercesse gegen alle Juden ohne Ausnahme, gegen die Juden im Allgemeinen richten. Ueber die Leiter der antisemitischen Bewegung machte Superintendent Schack folgende zutreffende Bemerkung: ״Es ist eine ganz besondere Erscheinung des Antisemitismus, dass von allen diesen Leuten Niemand wirklich mit den Waffen des Geistes zu kämpfen im Stande ist, dass im Gegentheile die Rohheit der Massen und die innerliche Roheit der ganzen Bewegung auch auf die wenigen gebildeten Führer, wie den Prinzen Lichtenstein beispielsweise ansteckend gewirkt. Auch von Stöcker war es ein grober Fehler, nach Wien zu kommen und sich hier im Dienste dieser Leute in die Politik eines andern Staates zu mengen. Bei ,solchen ״freundnachbarlichen" Einfällen ist es am besten, dem Einfallenden bei Zeiten die Thüre zu weisen." Wien. Verdis erstes Instrument, ein armseliges Spinett, trägt in seinem Innern ein wahrhaft klassisches Zeugnis der armseligen Jugendzeit, welche dieser Meister, heute der Stolz Italiens, verlebte. Im Jahre 1813 in Noncole, Fraktion der Gemeinde Bussetto, als Kind armer Eltern geboren, zeigte Verdi schon mit sieben Jahren solch unbezähmbare Lust zur Musik, dass sein Vater, arm wie er war, sich dennoch entschloß, ihm ein altes, ausgedientes Spinett zu kaufen. Dieses schien nicht kräftig genug, um den Griffen des Knaben Widerstand zu leisten und gieng — in Brüche. Der kleine Giuseppe eilte verzweifelt nach Bussetto um Hilfe, und die noch immer jenes Instrument zierende Inschrift gibt Kunde vom Erfolge seiner Pilgerfahrt. Die Urkunde lautet nach der Wiener ״D. Ztg.": ״Von mir Stefano Cavalletti wurde neu verfertigt dieser Mechanismus und frisch beledert; ich fügte auch das Pedale hinzu, welches ich herschenkte, wie ich auch unentgeltlich obgenannten Mechanismus machte. Indem ich den guten Willen sehe, welchen der Knabe Giuseppe Verdi zeigt, dieses Instrument spielen zu lernen, genügt mir dies, vollständig zufriedengestellt zu sein. Anno Domini 18'’! 1." Wien. Wie wir seinerzeit zu berichten in der Lage waren, hat das Comite für den Bau eines Tempels für den polnischjüdischen Ritus in der Leopoldsgasse Nr. 29 einen entsprechenden Baugrund angekauft. Das auf demselben stehende alte Gebäude ist bereits demolirt und mit Eintritt der besseren Witterung wird mit dem Bau begonnen werden, so dass zu den hohen Feiertagen der Tempel seiner Bestimmung übergeben werden wird. Wie wir hören, findet Sonntag den 5. März die feierliche Grundsteinlegung statt, zu welcher das Comite Einladungen versendet. Holics (Ungarn). Unser Gesangsverein stellte sich am 26. Februar dem hiesigen kunstsinnigen Publicum zum erstenmale vor und hat die Feuerprobe glänzend bestanden. Dass so Vortreffliches in verhältnismäßig kurzer Zeit von Seiten des Vereines geboten werden konnte, ist in erster Linie das unbestrittene Verdienst des Vereinspräses, unseres allseitig geehrten Herrn Obercantors M. Balogh. Seine musikalischen Fachkenntniße, vereint mit seinem organisatorischen Talente brachten das wirklich Staunenswerthe zustande. Hm Obercantor Balogh hat sich durch die Gründung und Leitung des Vereines nicht nur als Künstler hervorgethan, sondern hat sich besondere Verdienste als Jude erworben. Ihm ist es gelungen, unsere Societät, welche der Antisemitismus seit Jahren zersprengt hat, neuerdings zu vereinigen und er hat in dem Gesangsvereine einen neutralen Boden geschaffen, wo alle anständigen Menschen ohne Unterschied der Confession miteinander in Berührung kommen. Das Neinerträgnis dieser ersten Liedertafel betrug 200 fl. Belovar. Anlässlich des schmerzlichen Verlustes, welchen der Begründer und Präses unserer Cultusgemeinde durch das Ableben seines hochverehrten Vaters, Herrn L. Fleischmann, Cantor der israelitischen Gemeinde in Domboritz, erlitten hat, wurde am Todestage unseres Lehrers Moses ein Trauergottesdienst veranstaltet, bei welchem die Mitglieder der hiesigen Cultusgemeinde vollzählig erschienen waren. In der überaus rührenden Rede des Herrn Rabbiner Tauber, ist der Verblichene, welcher mehr als 50 Jahre im Dienste der Religion stand, mit Recht als ein Diener^ Gottes genannt worden und muß ein solcher Verlust allen fühlenden Herzen nahe gehen. Den gesanglichen Theil der Feier executirte der hiesige Obercantor L. Mirsky. Trieft. Der jüdische Kaufmann Balleli in Korfu, der vor Jahren hier ansässig war, begegnete in Korfu auf der Straße zwei. Griechen, von denen der eine mit einem Revolver, um Balleli zu erschrecken, in die Luft schoß. Sein Genosse rief ihm indeß zu: I ״Wozu in die Luft schießen? Strecke doch den Juden nieder!" Der Erstere feuerte daraufhin nochmals, und Balleli sank ins Herz getroffen todt nieder. Trier. Unsere Stadtbibliothek ist eine seltene Fundgrube alter werthvoller Handschriften. Von dem Bibliothekar Keuffer aufmerksam gemacht, fand Herr Oberrabbiner Dr. Baßfreund auf den Deckeln einer großen Zahl von Jncunabeln, welche alle aus Everhardt's Klause herrühren, die theilweise noch sehr gut erhaltenen Bruchstücke von hebräischen Pergament-Handschriften. Der größte