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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1893-03-01 · Heft 7 (1.3.1893) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 7 (1.3.1893)
Date
1893-03-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Gesterreichisch.ungarische LantorewZeitung. Nr. t Gerte 4. schimpfliche Bezeichnung auf die römischen Christen an, die er der Niederbrennung Roms zu dem Zwecke bezichtigte, um den Verdacht von sich selbst abzulenken, ein Verdacht, der heutzutage so fest begründet ist, dass bei Jedermann der Kaiser Nero als der Brandstister von Rom gilt. Von den Cbristen sagt Tacitus, ״dass sie wegen Schandthaten verhasst seien", ihre Religion nennt er einen ״verabscheuungswürdigcn Aberglauben". So urtheilt Tacitus von den Christen, an welche Paulus ben Brief an die Römer schreibt, die um der Liebe Willen alles erduldet haben! Herr Stöcker verschanzt sich nun, wie es so seine Art ist, hinter dem Historiker Heinrich v. Treitfchke, der die Tacitusstelle eben so wie er aufgefasst habe. Wo es gilt, den Juden auf Kosten der geschichtlichen Wahrheit eins auszuwischen, da ist der Geschichtsschreiber Treitschke immer dabei. Es war im Jahre 1880. Damals schrieb Herr von Treitschke in den Preußischm Jahrbüchern seine Brandartikel gegen die Juden, und in einem derselben kommt. folgende Stelle vor, auf die sich Stöcker, am Sonnabend im Abgeordnetenhause stützte: ״Eine Kluft zwischen dem abendländischen und semitischen Wesen hat vor Jahren bestanden, seit Tacitus einst über das odium generis humani klagte". Hören wir, was der jüngst gestorbene Professor Dr. Paulus Cassel, Prediger an der Berliner Christuskirche, zu dieser Geschichtsfälschung des Herrn von Treitschke sofort nach ihrem Bekanntwerden sagte. Professor Cassel schrieb in seiner Broschüre ״Wider Heinrich von Treitschke" zu der hier in Frage stehenden Stelle aus Tacitus Annalen: ״Wie gelehrt klingt das! (die obigen Worte des Herrn von Treitschke) aber was ergibt sich? Jedermann glaubt wahrscheinlich, dass Tacitus von den Juden redet, indem er vom ״odium generis humani", dem Hass des menschlichen Geschlechtes spricht — aber die Christen sind gemeint." Und nach weiterer Begründung, die im Wesentsichen mit der unserigen oben übereinstimmt, fährt der Prediger der Christuskirche also fort: ״Tacitus, wie Heinrich von Teitschke meint, ״klagt" auch gar nicht, sondern er richtet. Es ist der große Geschichtsschreiber den Christen gegenüber ein unbarmherziger, beschränkter Römer, welcher den Märtyrergeist der Zeugen an der Tiber weder versteht noch würdigt und in seinem Vorurtheil gegen sie soweit geht, dass er den elenden Nero mehr schont als sie. Also Tacitus ״klagt" nicht über das odium gsnsris humani der Juden, sondern der Christen, was doch Heinrich v. Treitschke sicher nicht billigt, und hoffentlich — da er dem neuen Testamente fo fern nicht steht — für eine hässliche Verirrung des Tacitus und seiner Römer hält — aber wie steht es nun mit der ״Kluft zwischen abendländischem und semitischem Wesen", die sich in diesem odium generis humani zeigt? War es etwa eine ungerechte Kluft? Sollte sie nicht bestehen? Was wäre aus dem Christentum geworden, wenn es zwischen sich und den römischen Sitten und der unter einer schwachen Bildungsfirnis furchtbarm, moralischen Verderbnis keine Kluft errichtete! Dmn mit dem Tadel Juvenals, der über die Sünde spottet, war nichts ausgerichtet, sondern nur mit der Entfernung und Läuterung von ihr. Freilich richtete Paulus eine Kluft auf zwischen seiner Gemeinde und dem Römertum, dem ״abendländischen Wesen", wie er es im Römerbriefe Kap. 1 schildert. Gott sei Dank, dass das ״Semitentum" nach Nom und Europa gekommen ist. Juvenal klagt, dass das Wasser des Orontes alle Sünden Asiens nach Nom gebracht habe; durch den Apostel ist der Jordan, in dem Johannes der Täufer taufte, in den Tiber eingeströmt. Europa ist gereinigt worden durch das Semitentum des Propheten und Apostels.... Professor "Cassel, dessen' Schrift einen leider noch immer aktuellen Gegenstand behandelt, kommt dem schwachen Gedächtnis des Historikers Treitschke noch dadurch entgegen, dass er von ihm vermuthet, er habe die Stelle aus Tacitus-Annalen mit einer anderen in den Historien (5,. 5) verwechselt, wo Tacitus in Wirklichkeit von den Juden spricht und ihnen ״Hass gegen alle Anderen" vorwirft. Aber wer von uns (meint Dr. Cassel) wird diesen Hass, wie er ihn selbst schildert, nicht billigen. ״Sie' hassen die Anderen", das heißt auf römisch, sie nehmen nicht Theil an den Gelagen der Römer, sie verachten die Götter (das Heidentum), sie hielten gegen ihre Religion selbst Väter und Familie gering. ״Sie knieten nicht vor den Bildsäulen, sie beteten nicht den Kaiser an, sie haben keine Bilder zur Verehrung, sie kennen nur einen Gott im Geist. Sie beten einen Gott an, der ewig, unveränderlich und unvergänglich ist!" Ich meine, dass, wenn diese Lehren die Kluft sind, welche auch die Juden als Semiten von den Römern schied, wir (Christen) gerade so vor ihr stehen; wäre nur in unseren Tagen die Kluft so unübersteiglich, wie sie zwischen dem Gesetz Mosis sammt der apostolischen Lehre — und dem heidnisch-modernen Unzuchtstaumel sein sollte." So Professor Cassel, der Prediger der Christusgemeinde, der seine Schrift mit der Mahnung zur christlichen Liebe schließt, die dem Nächsten nichts Böses thut (Römer 13, 10). Aber Stöcker und Nächstenliebe! Wahrlich, eher kommen Feuer und Wasser zusammen. Zur Mttstkbeilage. Sämmtliche in der heutigen Musikbeilage enthaltenen Piecen sind dem jüngst von Seite des Vorstandes des österr.-ungarischen Cantoren-Vereins empfohlenen Werke ״Hamnazeach“ des Collegen M. Woda k in Wien entnommen. Herr Wodak, in collegialen Kreisen bestens bekannt, musste in Folge eines Leidens den Cantorberuf aufgebm und in dem Erträgniße seines Werkes liegt seine ganze Hoffnung. Er verdient umsomehr die Unterstützung und Förderung von Seite der Collegen, als sein Werk bis jetzt einzig dasteht und sämmtliche Necitative für das ganze Jahr mit Zugrundelegung des betreffenden Chasonus enthält. Das Werk erscheint in zwölf Heften und kann auch Heftweise, per Heft 1 fl. ö. W., subscribirt werden. Kleine Chronik. Wien. Ueber Wunsch des kaiserlich-ottomanischen Botschafters am Wiener Hofe findet Montag den 6. März anlässlich des allerhöchsten Geburtstages Sr. Majestät des Sultans im Tempel der hiesigen türkisch-israelitischen Gemeinde ein Festgottesdienst statt, zu welchem die gesammte Botschaft sowie zahlreiche Honorationen angesagt sind. Wien. Der ״Neuen Fr. Presse" wird aus Petersburg berichtet: ״Den Juden in Rußland steht in der Reihe der von der Regierung gegen sie ergriffenen Maßregeln eine neue Grausamkeit bevor. Bekanntlich wurde im Jahre 1888 durch den damaligen Minister des Innern, Makow, den auch ohne besondere Bewilligung außerhalb des sogenannten Ansiedlungs-Nayons wohnenden Juden unter der Bedingung, dass sie ihre Unbescholtenheit und eine ständige Beschäftigung Nachweisen, der fernere Aufenthalt in ihren Wohnorten gestattet. Diese Erlaubnis wurde von dem Minister des Innern, Grafen Tolstoj, durch einen Erlaß vom 21. Juni 1892 erneuert. Nunmehr aber sollen auch diese Juden aus ihren Wohnsitzen vertrieben werden. Wie uns aus Petersburg berichtet wird, ist im Januar dieses Jahres der folgende Erlaß des gegenwärtigen Ministers des Innern an die Gouverneure ergangen: ״Am 3. April 1880 sud Nr. 30 beauftragte das Ministerium des Innern die Herren Gouverneure, bis auf weitere Verordnung im Ausweisen derjenigen Juden einzuhalten, die ohne die dazu erforderlichen Wohnrechte zu besitzen, in ihren Gouvernements ansässig wären. Am .21, Juni 1892, sud Nr. 1656 wurde diese Ver-

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