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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1893-03-01 · Heft 7 (1.3.1893) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 7 (1.3.1893)
Date
1893-03-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Ü •'Ä £־׳. - Nr. 7. Gesterreichisch-unzarische Lantoren-Aeitung. ־TlT S«itr 3. Wer Response«. bringt Nichts mit — es ist oft dem Religioslehrer schwierig, was und wo mit diesem׳ zu beginnen. Ich könnte wahrlich traurige Bilder aufrollen in dieser Beziehung — wie z. B. zwei Knaben von 11 Jahren ins Gymnasium eintraten, die kein Wort von der Religionslehre, kein Jota vom hebräischen Lesen verstanden, — sie kamen eben aus der ossenlichen, katholischen Schule! — Das religiöse Gefühl userer Jugend muß zu allererst und zunächst gehoben werden. Von der Wurzel beginnt die Pflanze zu wachsen, aber nicht vom Stamme. Wenn das jüdische Mädchen seine Religion kennen und dieselbe'lieben und achten lernt, wird es dieser auch als Jungfrau, Gattin und Mutter treu bleiben und ihre Kinder selbst im Geiste derselben erziehen, und wir werden dann keine künstlichen Mittel zur Hebung des religiösen Gefühles bedürfen. Dass dies Herr'Professor Kaufmann übersehen, ist ausfallend; freilich, wenn wir' bedenken, dass der Herr Professor erwachsene intelligente'junge Leute zu Seelsorgern heranbildet, also mit der eigentlnhen Jugend wenig oder in gar keine Berührung kommt, wenn wir ferner bedenkendass ihm sowohl als Herrn Ritter von Gutmann die Verhältmße der Großstadt vvrschweben, mag dies als Entschuldigung dienen. Wie will denn Herr Professor Kaufmann das ^veschinantom levonecho oder vehigadto levincho erklären, wenn er einen Einfluss der Jugend auf die Eltern in religiöser Hinsicht anstrebt? Bei der Erwähnung des früher in jeder Familie sich Vorgefundenen Zeeno ureno erlaube ich mir dem Herm Professor in Erinnerung zu bringen, dass er wahrscheinlich der Volksbibel von I. Kohn vergessen, die sich mindestens dem Zeenö ureno würdig an die Seite stellen kann, oder die Bibel von Cassel u. s. w. Wir erwarten eine Hebung des religiösen Gefühles von ganz anderenvon Außen, kommenden Einflüssen. Ich erlaube mir kurz auf eine Talmudstelle hinzuweisen, wo Israel mit einer von Fettstrotzenden Gans verglichen wird, die aber ihr Fett erst durch einen Druck von Oben abgibt. Die Stimme der Prediger verhallt wie-die Stimme des Rufenden in der Wüste. Man kommt in den Tempel, um hie und da den schönen Gesang und die Predigt zu hören, geht aber weg — wie man gekommen. Ueber Liiteratur ließen sich unzählige Seiten vollschreiben. Wer aber je ein Buch für Israeliten geschrieben und so unvorsichtig war, es im eigenen Verlage herauszugeben, kann ein Liedchen über den Jndisferentismus unserer Glaubensgenossen singen, das nicht sehr ermuthigend klingt. Für ein jüdisches Buch haben unsere Glaubensgenossen kein Geld, wie auch Herr I. Singer in Paris unsere Geldaristokraten in der Gemeindezeitung apostrophiert, es sind schöne Worte,, fromme Wünsche! — Solange die Reichen nicht selbst vom Antisemitismus direct betroffen werden, halten sie ihre Cassen gesperrt. Schreiber dieses hat sich der Aufgabe unterzogen und eine Geschichte der Israeliten in 2 Theilen in böhmischer Sprache herausgegeben, die in erster Reihe für die israelitische Jugend der böhmischen Bürger- und Mittelschulen bestimmt ist und vom hohen k. k. Ministerium für Cultus und Unterricht genehmigt wurde; es ist das einzige und erste Lehrbuch in dieser Sprache und sollte auch der czechischen christlichen Bevölkerung zeigen, was unsere Jugend lernt. Die czechischen Zeitschriften brachten lange und sehr schöne Recensionen über das Buch; aber unsere Glaubensgenossen, die sich auf die Patrioten par excellence spielen, sandten nach 3 bis 4 Monaten ein ihnen zur Ansicht gesandtes Exemplar^uneröffnet retour. So werden Bestrebungen unterstützt! Wenn man ein richtiges Urtheil über die Bedeutung eines Gottesdienstes haben will, dann braucht der Hörer seine Aufmerksamkeit nur jenen Tonstücken zuzuwenden, welche selbst beim Vorhandensein der vielbestrittenen Orgel ohne deren Begleitung,, also vocal, gesungen werden. Zu den Responsen möchten wir rechnen: ״Boruch hu uworoch schemo”, *״Kadisch” und ״Olenu”. Leider wird selbst in größeren Gemeinden jede Response mit mit Orgelbegleitung gesungen, und zwar in einer Weise, die häufige beleidigend auf den musikalisch Gebildeten wirkt. So ist mir ein Chor bekannt, dessen Responsen in A-dur notirt sind, mag die Recitation des Cantors in welcher Tonart immer gehen, der Organist beantwortet prompt und stereotyp in A-dur. Die Mühe, zu untersuchen, in welcher Tonart der Cantor singt und mit der transponirten Response zu antworten, nimmt sich der Herr Organist natürlich nicht. Es bedarf keines Hinweises, wie schleppend ein Kadisch, ein Waanachnu durch das Mitgehen der Orgel wird; ebensowenig soll die Schwierigkeit verkannt werden; die präcis und Nuancirt gesungene vierstimmige Responsen mit sich bringen. Sie sind mir ein Prüfstein für jeden Chor, der Anspruch auf Bedeutung erhebt. Wer hat es nicht schon miterlebt, dass ein vorwitziger Chorknabe immer das Amen zu früh singt, oder dass einer der unergründlichen Bässe regelmäßig nachbrummt. Responsen können nur dann genau gehen, wenn sie dirigirt werden, oder wenigstens der Einsatz und das Aufhören bestimmt markirt werden. Die Responsen sollen stets so gesetzt sein, dass sie sowohl nach der Höhe wie nach der Tiefe um einen oder zwei Töne transponirt werden können, d. h. dass der Cantor, der im Laufe Recitation höher geworden ist, nicht nöthig hat, des Chores wegen in eine wildfremde Tonart umzusatteln, um in die Tonart zu kommen, in der die Responsen gehen. Wenn der Cantor oder der Dirigent einen Chor so weit gebracht hat, dass dieser aus dem Auslassen des Cantors sich sogleich die vier Stimmen zurechtlegen kann und die Responsen rein singt, nach Erfordemis den Ton auch an- und abschwellen kann, dann hat der Cantor oder der Dirigent eine That zu verzeichnen, auf die er sich etwas zu Gute halten kann. Denn die wohlthätige Orgel deckt selbst bei größeren Nummern Vieles mit dem Mantel ihrer Liebe und Kraft zu. Erst beim Vocalgesang zeigt es sich, ob gründlich und gewissenhaft studirt wurdet Reschif. Meint Taettns mit dem ״odium generis human!“ die Juden oder die Christen? Vor: einem unserer Mitarbeiter, der sich die Mühe nicht hat verdrießen lassen, den Tacitus noch einmal nachzulesen, wird uns geschrieben: Es gehört die Keckheit eines Stöcker dazu, auch in der letzten Abgeordnetenhaus-Sitzung am Sonnabend, den 18. d. M., wieder die Behauptung aufzustellen, dass der römische Historiker TacituS die Juden mit dem Kosewort ״odium generis humani“ zu deutsch: der Hass des menschlichen Geschlechtes oder, wie Stöcker übersetzt: Abschaum der Menschheit, belegt hat. Nein, nicht den Juden, sondern den Christen gibt Tacitus dieses schmückende Beiwort! Der Ausdruck kommt in den Annalen 14, 44 vor. Es ist dort die Rede vom Brande Roms. Kaiser Nero wandte diese

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