Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 6 (21.2.1893)
- Date
- 1893-02-21
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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- ©äte 6. Oesterreichisich-untzarische (Lantoren-Zeitung. - d!d. 6.' selben dre erhabenen Lehren der Liebe, Humanität und Gerechtigkeit schöpfen. Die Rede, die bei ״Leykam" in Graz in Druck erschienen ist, erweckt nicht nur als Gelegenheitsrcde vorübergehendes Interesse sondern ist auch durch den großen Gedankenreichtum und durch ihre beredte Eloquenz von dauerhaftem Werthe. .. Im Berlage von I. Kauffmann, Frankfurt a. M., sind soeben zwei ebenso zeitgemäße als lehrreiche Broschüren erschienen. Die eine, betitelt ״Das reine Menschentum im Lichte des Judentums" von Direktor Mendel Hirsch, Frankfurt a M., versucht den Vorwurf der engherzigen Erclusivität, der dem Judentum in unserer Zeit so oft gemacht wird, zu entkräften, und führt den treffenden Nachweis, dass gerade das Judentum der^Boden ist, auf welchem der Begriff des reinen Menschentums seinen eigentlichen Ursprung hat. Sowohl der Pentateuch als auch die Schriften der Propheten enthalten hiefür unzählige Belege. — Die zweite Vroschüre, ״Die rituelle Schlachtmethode der Juden vom Standpunkte der Kritik und der Geschichte", von Simon, Sanitätsthierarzt zu Rathenow a. d. H. ist eine eingehende Widerlegung der vielfachen Angriffe gegen das rituelle Schächten. Nachdem der Autor nachgewiesen, dass das Schächten vorzüglich auf dem Verbot des Blutgeuusses, somit.auf einem hohen moralischen Grunde beruhe, wird eine stattliche Reihe von Gutachten angeführt, die' sich alle in befürwortendem Sinne für das Schächten aussprechen. — Beide Broschüren seien unseren Lesern bestens empfohlen. Kleine Chronik. Wien. In der Plenarsitzung des Curatoriums der Baron Hirsch-Stiftung wurde, auf Antrag des Vice-Präsidenten Herrn Dr. Arnold v. Nappaport, an Stelle des verstorbenenen Herrn Ritter v. Fürth Herr David Nitter v. Gutman per acclamation als Präsident gewählt. Das Curatorium stattete hierauf Herrn Dr. v. Nappaport für die interimistische Führung der- Geschäfte den Dank ab und sprach zugleich den Wunsch aus, dass sich derselbe auch ferner an der Seite des Präsidenten so verdienstlich wie bisher an der Leitung der Geschäfte des Curatoriums betheiligen möge. Obevhollabrnnn, 18. Februar. Im Saale ״zum goldenen Adler" fand heute Abends die erste der von dem deutschfortschrittlichen Candidaten Geheimrath Freiherr v. Czedik für den Städtewahlbezirk Oberhollabrunn-Stockerau und Korneuburg cinberufene Wählerversammlung statt. Nach einer Begrüßungsanspräche des Bürgenneisters nahm Freiherr v. Czedik zu seiner Candidatenrede das Wort und wies die Behauptungen, der Antisemiten, dass er ein Streber sei, entschieden zurück. Mehrmals sei ihm ein Portefeuille angetragen worden, er habe es nicht angenommen aus Parteidisziplin. Auch jetzt strebe er nur ein Mandat an und nicht mehr, und nicht, wie behauptet wurde, die Würde eines Landmarschalls. Ich werde, sagte Czedik weiter, meinem deutschösterreichischen Programm treu bleiben, entschieden und fest in der Ferm, ruhig, nicht provozirend meine Ansicht vertreten. Ich bin nicht deutschnational, aber noch viel weniger antisemitisch. (Stürmischer Beifall.) Mit den Deutschuationalen kann ich mich auseinandersetzen, mit den Antisemiten aber nie und nimmer. (Erneuerter Beifall.) Der Antisemitismus geht weit über das hinaus, was das Wort sagt. Er begnügt sich nicht allein, die Juden zu bekämpfen, er ist auch ein Feind des Capitals, der gesellschaftlichen Einrichtungen, mit einziger Ausnahme eines fürstlichen Parteigenossen. (Heiterkeit und Beifall.) Es wird endlich die Zeit kommen, in der die Selbstsucht der leitenden Personen durchschaut werden wird. Die Hauptgönner der antisemitischen Partei sind jene von würdigen Priestern selbst verurtheilte Ausläufer der klerikalen Partei. Was haben diese Heren, die da behaupten, sie haben den Schutz und Schirm des kleinen Mannes gepachtet, bis jetzt gethan? Ich bin ein alter Achtundvierziger. Damals galt die Glaubensfreiheit als oberster Grundsatz, jetzt sind wir, was unsere Personen betrifft, um Jahrzehnte, was die Behandlung der Sache betrifft, um Jahr- Hunderte zurück. Es ist mir ein Näthsel, warum die Herren immer schimpfen und nie einen Antrag auf Aendcrung der Staatsgrundgesetze einbringen. So' lange diese Gesetze bestehen, so lange besteht auch der Antisemitismus nicht zu Recht. Redner erklärt schließlich entschiedenst, für die Volksschulgesetze eintreten zu wollen und gab die Versicherung ab, im Falle seiner Wahl seine besten Kräfte dem Wohle des Landes zu opfern. (Lebhafter, andauernder Beifall.) Die Versammlung genehmigte sodann unter Hochrufen über An-. regung des Bürgermeisters Schreiner einstimmig die Candidatur des Freiherrn-v. Czedik. ■ ־ Stampfen. Aut 8» d. M. verschied hier nach 45jäl)riger, segensreicher Wirksamkeit - der ehrwürdige Herr Rabbiner ׳L a-z a r Winter im'82. Lebensjahre. Der Ursprung seines Leidens ist aüf die Ningtheater-Katastrophe, der auch sein Hoffnungsvoller Sohn ־ Max zum Opfer fiel, ' zurückzuführen, doch trotzdem oblag er bis nach den letzten hohen Feiertagen strenge seinen Verufspflichten. Die Verehrung und Liebe, die dieser seltene Priester infolge-seiner großen Gelehrsamkeit und seines friedliebenden Wesens genoß, manifestirte ׳ sich auch bei dem Leichenbegäugniße, an welchem zahlreiche Trauer-. gäste, darunter die katholische Geistlichkeit, der Bürgermeister, die Honorationen der Gemeinde, die Beamten, der Lehrkörper der israel. * und christlichen Schulen, viele Rabbiner und Vertreter der umliegenden Cultusgemeinden, Obercautor Lazarus aus Budapest u. A. theilnahmen. Die Trauerreden, gehalten vom Mälaczkaer greisen Rabbiner Dr. Pißko, dem hiesigen Nabbinatöverweser Samuel Gestettner,. dem Preßburger Nabbiuatsverweser Donath, dem Herrn Jacob Soß, Friedmann sen. und jun., Brezowa und Marienstein, Moriz Arnstein, sowie das vom Obercantor Adolf Lazarus recitirte Trauergebet waren von tief ergreifender und lief - erschütternder Wirkung. Bielih. Am 5. Februar d. I. feierte die hiesige Chevvra Kadischa die 25. Jahreswende ihres Bestandes durch ein in dem schönen geräumigen Prüfungssaale des israel. Schulgebäudes veraustaltetes Festbanket, bei welchem von den nahezu 200 Mitgliedern des Vereines 110 anwesend waren, die durch Jutellegeuz, Besitz und Lebensstellung bic• Elite' dieser Cultusgemeinde würdig Präsentirten. Der hochverdiente Gemeinde- und Cultusrath, Hu׳r Salomon Pollak, begrüßte als Vereinspräses die-Anwesenden, besprach die rasche Entwickelung der hiesigen Cultusgemeinde, die sich von kleinen Anfängen bis zur größten Cultusgemeinde österr. Schlesiens emporrang, und erwähnte eine interessante Episode aus der Lebensgeschichte der österreichischen Juden und die Wandlungen ihres Geschickes bis zur glorreichen Negierungs-Aera unseres allergnädigsten Kaisers Franz Josef, dem er mit patriotischer Begeisterung und unter hundertstimmiger Begleitung ein dreifaches Hoch ausbrachte. Alle Anwesenden sangen hierauf stehend die Volks- Hymne, was einen imposanten Anblick bot. Der zweite Redner, Sr. Ehrwürden Herr Dr. H o r o w i tz, sprach mit gewohnter Elo-, quenz und betonte, dass nebst der Wohlthätigkeit, welche hier mit' seltener Munifizenz geübt wird, auch noch andere jüdische Tugenden cultivirt werden müssen, soll anders die hiesige Gemeinde ihren Ruf als Mustergemeinde erhalten. Der Gemeinde- und Cultusrath Dr. jur. W. Münz erörterte in schwungvoller Rede, warum unter allen Verbänden und Vereinen, an welchen das jüdische Gemeindeleben altersher so reich ist, einzig und allein der Chewa Kadischa' dieses Attribut der Heiligkeit zucrkannt und beigelegt wird. Weil diese fromme Verbrüderung durch uneigennützige, werkthätige Bruderliebe die Qualification besitzt 2c. Diese mit Verve und in vollendeter Form vorgetragenen Auseinandersetzungen fanden lebhafte Acclaniation. Diesem Vortrage folgte ein passendes Tafellied, gesungen vom Tempelchor mit Clavierbegleitung. Hierauf trug der hier sehr beliebte Obercantor Herr Sg. Gold mann Mit seiner' schönen sonoren Barytonstimme die Heinische Ballade ״Belsatzar" —- Musik von N. Schumann — vor, welcher als Zugabe die ״Uhr", Ballade von C. Locwe folgte. Sein I2jähriges liebes Töchterchen besorgte die Begleitung am Piano. Diese Vorträge riefen enthusiastischen Applaus hervor. * Der greise hochverehrte Gemeindcpräses, Herr Ad. Brüll, toastirte auf den Fortschritt und die Prosperität der Cultusgemeinde. Ferner sprach Herr Gemeinderath Dr. Marcusfeld in sanftfließendcr, mit liebenswürdigem Humor gewürzter Beredtsamkeit; Herr Architekt Carl K o r n brachte dem hiesigen Schuldirector und dem Lehrkörper in Würdigung ihrer ersprießlichen Leistungen ein Hoch aus. Der Cassier des Handwerkervereines, Herr Nud. Koste!, ließ den wackeren Herrn Ober? Cantor hoch leben. In mehreren Reden wurden auch Tagesfragen berührt und besprochen. Die Theilnahme war eine vorzüglich rege