Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 6 (21.2.1893)
- Date
- 1893-02-21
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/1304829-3453273-3453279--3672-3458052- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
:! 11 K% i i Nr. 6, Desterreichisch-ungarifche Lantoren-Aeitung. Seite S. Kunst und Wteratur. In dem vorzüglich besuchten Bösendorfer Concertsaale veranstaltete Herr Joses Sulz er, Solocellist des Hofoperntheaters, am 15. d. M. eines seiner Concerte, welche bereits zu den distinguirtesten der Residenz zählen. Das mit kundiger Hand trefflich gewählte Programm, Bach, Haydn, Schumann, Dawisoff, Barjanski, Popper rc. bot in seiner Mannigfaltigkeit nicht nur dem Zuhörer wohlthuende Abwechslung, sondern dem Concertgeber auch Gelegenheit, die Vielseitigkeit seiner Kuust documentiren zu können. Das große Publicum verlangt leider in erster Reihe Virtuosenstücklein selbst auf dem Cello, welches Instrument so weitab von der Heerstraße dieser Kunstrichtung liegt, und Herr Sulzer spendete seine Triller, Arpeggien, Flageolettöne, Doppelgriffe rc. wie ein Fürst im Reiche mit vollen Händen; doch wenn der Spuck vorüberrauschte uud Ruhe einkehrte, da zeigte sich der Künstler erst auf seinem eigentlichen Gebiete. Wer ein Adagio auf dem Cello so spielt wie Sulzer, verdient ein Meister seines Instrumentes genannt zu werden, und das zahlreiche Publicum spendete dem Concertgeber, wie seinem trefflichen Partner am Clavier, Herrn Saphier, stürmischen Applaus. Auf die Mitwirkung einer zwar stimmbegabten, aber vollständig unreifen Sängerin hätte jeder der Anwesenden gern verzichtet. Unsere Zeit scheint eine Freistätte für schlechten Gesang werden zu wollen; man sollte doch in der Wahl der Mktwirkenden etwas rigoroser sein. Freitag den 10. d. M. fand im großen Musikvereinssaale die zweite Zöglingsproduction des Conservatoriums mit Orchester unter Leitung des k. k. Hofoperncapellmeisters Prof. I. N. Fuchs statt. Wir hatten diesmal Gelegenheit, die Leistungen dieses Kunstinstitutes auch nach einer Richtung hin beurtheilen zu können, die sich bisher der Öffentlichkeit entzogen hatte. Den Dank hiefür zollen wir Prof. Fuchs, der eine .Symphonie seines Schülers, Herrn Alexander von Zem lins z ky, zur ersten Aufführung brachte. Die Leistung des Orchesters war unter dem. wohlbekannten Dirigentenstabe" unseres genialen Hofoperncapellmeisters eine Mustergiltige, und dieser hatte — unbeschadet des wirklich bedeutenden Talentes Zemlinszy's — an dem Erfolge großen Antheil. Er konnte mit Beruhigung den jungen Componisten der Öffentlichkeit als seinen Schüler vorstellen.-Zwei Hörner mit gehaltenem A, dann schwermüthig sinnende Bratschen lassen leise das Hauptthema des ersten Satzes (D־moll) erklingen. ״Ein trüber Schatten auf der Stirne des Unglücklichen." Aufstrebendes Orchester führt das Thema weiter: ״Wühlender Schmerz, Hasten nach Ruhe jagen in des Verzweifelnden Brust." Da täuscht ein Trugbild seine Sinne — zart singen Geigen das weiche F-dur-Thema, begütigend, gleichsam Ruhe verkündend, doch der ersehnte Friede will nicht Einkehr halten; in verzweifelnder Ergebung klingt der Schlusssatz aus.-Von Neuem beginnen die Kämpfe. Das Hauptthema erscheint wiederholt (wie ein verfolgender Gedanke) abwechselnd mit Motiven aus dem Schlusssätze in Hörnern, Geigen und Clarinetten bei immerwährend sich steigerndem Orchester. ״Die Schmerzen mehren sich, Gewissensbisse foltern des Leidenden Gedächtnis." Da bringen Posaunen gewaltig erschütternd das Hauptthema: ״Wildeste Verzweiflung, dämonisches Gelächter und Höhnen der- Geigen über seinem Haupte. — Ein heftiger, schwerer Orchesterschlag, dann kurze, zitternde Horntöne: ״Gebrochen sinkt er aufs Lager." Da erheben die Geigen süße Klage, weich erklingt das Gesangsthema in O-dur. ״Schöne Bilder, angenehme Erinnerungen, sie tauchen gaukelnd vor seiner Seele auf." Wieder zerrt im Schlußsätze ein heftiges Sforzando der Bratschen ihn aus dem Lande der Träume hernieder; rauh berührt ihn die Hand der unabwendbaren Wahrheit. Immer stiller wird's. — In sanftem D-dur klingt der Satz ruhig aus. ״Süßes Hoffen."-Jetzt springt munter und neckisch das Scherzo (F־dur) auf, ein angenehmer Gegensatz zu dem stürmischen ersten Satze. Wie erfrischend wirkt es durch die feine Jnstrumentation. Es führte uns herab aus den Armen der fantasiereichen Göttin auf unsere liebe Erde, wie wir uns mit Fröhlichen freuten und mit Glücklichen kosten und sangen. — Liebessehnen athmet der dritte Satz (L-dur-Andante). Wer wie die Jugend fühlt und liebt, wird ihn verstehen. Weg mit der kalten kritisirenden Vernunft. — — ״Finis coranat opus” riefen wir beim letzten Satz. Wahrlich krönt dieser letzte Satz das Werk und der brillante, effectvolle Schluß diesen letzten Satz. Glückauf junger Schüler, werde Meister, an Talent fehlt es Dir nicht und Arbeiten hast Du gelernt. — Von den anderen Schulen, deren Zöglinge wir hörten, seien erwähnt: Herr A. Fröhlich, der das Violinconcert von Molique mit warmer Empfindung, schönem Ton und sicherer Technik vortrug; ferner bemerkten wir mit Vergnügen das sehr musikalische Spiel des Herrn Oscar Malata, sowie die brillante Technik des Herrn Mooshammu. Von den drei Sängerinnen sei des Frl. Josefine Grindling, Schülerin des k. k. Kammersängers und Professors Gustav Walter, Erwähnung gethan, die mit schöner Stimme und gutem Geschmacke Mascagni's ״Blumenorakel" zum Vortrage brachte und hiefür allgemeinen Beifall fand. 3. 1. Aus Temesv a r wird uns geschrieben: In der gegenwärtigen Opernsaison ist der Barytonist, Herr Sigi Szengery, (Sohn des Obercantor Singer, Wien) der erklärte Liebling des Publicums, dessen Gunst er sich im Sturme erobert hat. Jede Vorstellung gibt dem jugendlichen Künstler Gelegenheit, fein hervorragendes Talent im neuen Lichte zu zeigen, und selbst von der strengsten Kritik werden seine Leistungen einmütig anerkannt. So schreibt z. B. die ״Temesvarer Zeitung": ״Ernani, eines der ersten Werke Verdi's, wurde gestern vor dicht besetztem Zuschauerraum im Abonnement zur Aufführung gebracht. Im Vordergründe dieses Opernabends stand die glänzende Leistung des Barytons Sigi Szengery, dessen fchmelzreiches, kräftiges, in allen Lagen wohlthuend ausgeglichenes und namentlich in den höheren Lagen imposant wirkendes Organ in der Rolle des Königs zur vollen Geltung kam und dem jungen Sänger, der jetzt sein erstes Engagement absolvirt, rauschenden Beifall eintrug. Nach diesem Erfolge, den er nebst seiner herrlichen Stimme auch seiner Erscheinung, und seinem trefflich geschulten, maßvollen und doch dramatisch lebhaftem Spiele verdanken kann, ist an der ruhmvollen Zukunft , .Szengery's nicht zu zweifeln. Er wurde in offener Scene wie nach den Aktschlüssen mit einer Wörme gerufen, welche wir bei unserem kühlen Publicum nur selten beobachten." Der gute Ruf Szengery's ist jedenfalls schon in weitere Kreise gedrungen, da ihm für die nächste Saison bereits Anträge für hervorragende Bühnen, wie Hannover, Bremen und Braunschweig gestellt wurden. Wir erlauben uns, die geehrten Collegen und Fachkreise auf das bereits in voriger Nummer angekündigte, demnächst erscheinende Werk ״Mathe Ahron” von Musikdirektor A. Grün zweig in Arad nochmals aufmerksam zu machen und die rechtzeitige Subscription desselben zu empfehlen. Die sehr verbreitete ״Neue Musik-Zeitung" (Stuttgart, Carl Grüninger), welche ihrer Aufgabe, die musikalische Kunst volkstümlich im guten Sinne zu machen, gerecht wird und treu bleibt, bringt in den uns vorliegenden 3 ersten Nummern des neuesten (XI V.) Jahrganges Biographien mit treuen Porträts von Rosa Hochmann, Paul Geisler und Marie Wolfs-Kauer, eine fein geschriebene, sehr spannende Erzählung mit ungarischem Localkolorit ״Romantisch" von Klaus Schmoll, sowie eine kleinere, liebenswürdige Novelle ״Glück" von Müller-Rastatt. Hieran reihen sich instructive und unterhaltende Artikel, aus denen wir einen über ״Tontaubheit", das Ergebnis interessanter Beobachtungen, sowie einige andere: ״Urtheile des Malers Cornelius über Musik und und Musiker", ferner ״Zelia Trebelli-Bettini", ״Die Volkspoesie der Littauer", ״Ein geheimnisvoller Musiker", ״Das Zusammenspiel im häuslichen Kreise" rc. rc. hervorheben. Den Schluss bilden graziöse und gehaltvolle Klavierstücke von F. Zierau und H. Bendix, stimmungsvolle Lieder von R. Winkler und Th. Grieben, sowie die Fortsetzung der Ertra-Beilage von William Wolfs Musik- Aesthetik, auf welche wir die Aufmerksamkeit jener Musikfreunde lenken, welche nach geistvollen Analysen großer Tonwerke forschen. Anlässlich der Einweihung der Synagoge in Graz, des ersten israelitischen Gotteshauses in der Steiermark, ist von Herrn Nabbiner Dr. Mühsam eine Weihrede gehalten worden, die das Thema ״Es gibt nur einen Gott und nur eine Menschheit" in ebenso geistreicher als formvollendeter Weise behandelt. Von zwei Gedanken — führt der Redner aus — soll der Andächtige beim Eintritte in das Gotteshaus sich beherrschen lassen, der Gedanke an Gott und der Gedanke an das Menschentum, und aus denk.