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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1893-02-21 · Heft 6 (21.2.1893) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 6 (21.2.1893)
Date
1893-02-21
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Säte 4. Gesterreichisch ungarische <Lantoren^eitung. Nr, 6. , Aus de« Mrrkstatte« der -ruße« Tsudtchter. ' Von Benedict Singer, Jungbunzlau. - (Schluss.) War/bei Haydn der tieffromme Sinn die mnere Flamme, an der sich sein Genie entzündete, so war für Mozart das ganze. Universum mit seinem realm Leben und Treiben ein Bild, welches er.im Erschauen in eine musikalische Gewandung brachte, indem eine rückhaltslose Hingebung und eine reiche Empfänglichkeit für alles Schöne sein eigenstes Wesen erfüllte; dabei von einer Schaffenskraft, welche den schwachen Körper unter der Wucht der geistigen Arbeit vor der Zeit zusammenbrechen ließ. Mozart wählte gewöhnlich die Nacht als beste Zeit zum Componiren, weil der Tag theils mit Theaterproben, theils mit Unterricht ausgenützt war. Seine liebenswürdige Persönlichkeit zog magnetisch an, und so kam es, dass er, nachdem er seiner Kapellmeisterpflicht genügt hatte, im Kreise guter Freunde den Abend spät im Gasthaus verbrachte und sich dann erst, wenn zu Hause alles schlief, ans Componiren machte und bis in den grauenden Morgen seine Gedankenüberfülle zu Papier brachte. Oft traf es sich, dass sein gutes Weibchen Constanze mit dem Frühstück zum Bette kam, während der . Meister noch wach, unablässig schrieb. Sie drängte dann freilich in ihn, sich ein wenig auszuruhen, aber mehr als 2—3 Stunden durfte er nicht schlafen,' da ihn sein Beruf wieder ins Theater rief. Viel componirte Mozart auch auf Reisen. Von den Opern, welche er in den verschiedenen Städten aufzuführen hatte, componirte sr die letzten Partiturreste in'den Stellwägen, die ihn an den Ort seiner Bestimmung brachten. So wurde ״Jdomeneo" aus dem Wege von Salzburg nach München vollendet. Nachdem ״Don Jouan" in Prag mit Begeisterung ausgenommen ward, schrieb er für ״die lieben Prager" die Oper ״Titus", welche anlässlich der Krönungsfeierlichkeiten Kaiser Leopold II. daselbst aufgeführt werden sollte. Halb im Wagen, halb in den Gasthäusern, welche er während einer 18tägigen Fahrt paffirte, arbeitete er an der Partitur, und schon in Prag angekommen, legte er in dem Gasthause am Karlplatze die letzte Feile an diesem Werke an. Ein^ große Aehnlichkeit mit Mozarts Natur 'hatte Carl Maria von Weber. Von ihm schreibt Philipp Spitta in der ״Deutschen Rundschau": ״Ein Hauptmerkmal Webers Natur scheint mir jene begeisterte Hingabe an die Welt zu sein, welche alle Sinne öffnet, um die Eindrücke des Lebens aufzunehmen. Aus Bruchstrichen eines Romans, den er hinterlassen hat, und aus Mittheilungen seines Sohnes wissen wir, wie merkwürdig die Erscheinungen der Außenwelt auch auf seine musikalische Phantasie wirkten. Dieselben setzten sich unmittelbar in Tonbilder um. Eine Gegend, die er durchfuhr, spielte sich in seinem Innern ab: vermittels der Tonstücke, das in seinem Gedächtniße haftete, konnte er sich oftmals erst wieder auf das Geschehene besinnen." Auch die Jugendzeit Webers isi gleich Mozarts von einer ruhelosen Wanderschaft und Kunstreisen mit seinem Vater ausgefüllt. Was er sang, wenn er etwa nach einem Coneert, wo er eine auserlesene Gesellschaft durch sein prachtvolles Clavierspiel und feine Gabe der freien Phantasie hingerissen hatte — wenn er dann mit den Studenten Heidelbergs durch die nächtlichen Gassen zog, Serenaden zur Guitarre improvisirend, oder wenn er bei ihren Gelagen tüchtig Bescheid thuend in ihrer Mitte saß, oder wenn er in Darmstadt vor Soldaten und ihren Mädchen auf den Tisch sprang und Schelmenlieder hören ließ, oder wieder wenn er in Baden Baden mit dem Kronprinzen von Bayern, dem spätem König Ludwig!.,ganze Nächte hinurch die Zither im Arme umherschweifte — was er da sang, das hat meistens wol der Wind verweht, wie der Augenblick es gebar; aber die Art dieser Gesänge ist erhalten geblieben in jenen einfachen Strophenliedern, wie er sie mit Benutzung von Volksliedertexten gemacht hat. Auch Felix Mendelssohn zeigt mit Mozarts Art zu arbeitm viel Aehnlichkeit. Auch er componirte viel auf Reisen; nur wamr diese nicht zum Zwecke des Broterwerbes, sondern,׳ da er üi glücklichen Verhältnißen aufgewachsen, zum Vergnügen unternommen worden, wobei er Eindrücke sammelte, deren Wirkung seinem Geist bildungsfähiger, seine Phantasie reicher machte. So verdankt die Hebriden-Ouverture ihre Entstehung einerv Reise nach Schottland, und seine berühmten ״Reiselieder" und ״Lieder ohne Worte" sind Früchte, welche er am classischen Boden Italiens gepflückt. Wie componirte Beethoven? Nicht auf weiten Reisen erweckte ihm der Genius seine Gebilde. Das trauliche Wien hielt ihn gefesselt, als wollte es seinen Liebling nicht von sich lassen. Das Schicksal brachte ihn in seinem 12. Jahr nach der österreichischen Residenzstadt, wo er sich unter Mozart in Clavier und unter Albrechtsberger im Contrapunkt ausbildete. Während dieser Zeit und auch später hat er nur zweimal diese Stadt verlassen, und zwar einmal seinem Wunsche nachgehend, seine Vaterstadt Bonn zu besuchen, und ein zweitesmal Carlsbad, wo er mit Göthe zusammentraf. In Wien fand er, wie kein Zweiter, das volle Verständnis im Kreise seiner ihn hochverehrenden Aristokraten, welche ihn wie ein Kind hätschelten. Fürst Lichnovsky allein setzte ihm einen Jahresgehalt von 600 fl. aus, so dass er in׳ recht geordneten Verhältnißen dem Componiren sorglos leben konnte. Erst mit der Zeit, wo sich Schwerhörigkeit bei ihm einstellte, nahm sein Wesen jene Eigenthümlichkeiten an, die ihn vor allen Andern charakterisiften. Mit dem Tagebuch in der Hand sah man ihn oft, wenn ihn eine Idee erfasste, auf der Gasse Notizen machen, und launig bemerkte er seinen Freunden gegenüber, dass er, gleich Jean d'Arc mit der Fahne, nie ohne sein Skizzenbuch erscheinen kann. In der Behausung Bethovens war eine nichts weniger als geordnete Wirtschaft, und oft gab es unerquikliche Scenen zwischen ihm und seiner Haushälterin, die er für alle Mißwirthschaft verantwortlich machte, denn oft ereignete es sich, dass ihm ein oder das andere Manuskript fehlte, dass in dem ersten - Entwürfe eines himmlisch schönen Adagio Reste einer verschimmelten Salami unbarmherzig eingewickelt waren. Das brachte den sonst herzensguten Meister furchtbar auf; da fielen seine Schimpfworte wie Hagel auf die verduzt dreinschauende Frau. Das Mittagsessen bereitete "er sich manchesmal selbst zu, und gewöhnlich Doünerstag freute er sich im Voraus auf eine Brotsuppe, in der er sich acht ansehnliche Eier, die er vorher wegen ihrer Frische prüfte, hineinschlug. Gleich nach dem Essen machte er im Sturmschritt seine Runde zwei bis 3 mal um die innere Stadt, unbekümmert, ob der Himmel in Strömen seme Wassermassen ergoß, oder die Windsbraut heulend übers Glacis sauste; in seinem Innern mochte gerade eine göttliche Ruhe den schönsten musikalischen Gedanken zur Reife gebracht haben. Die übrige Nachmittagszeit wurde der Dichtung.-der einzelnen Arbeiten gewidmet und alles zu Papier gebracht, was sein Genius ihm liebevoll dictirte. Unter den nämlichen Umständen einer genial zerstreuten Junggesellenwirthschaft schuf Franz Schubert seine Meisterwerke. Seine guten Freunde, der Maler Moritz Schwind, der Dichter Bauernfeld, der Musiker Franz Lanner und Opernsänger Vogel waren die bewegenden Elemente, die ihn immer zur Liedercomposition trieben; sie stellten sich gerne bei ihm ein, und als sie ihn einmal einluden, einen Ausflug mit ihnen zu machen, fanden sie ihn um 9 Uhr Morgens componirend im Bette. Schnell musste er aus demselben heraus und sich in die Kleider werfen; aber — da fehlten ihm die Stiefel, welche er »ach vielem Suchen׳ endlich in der — Tischlade fand, Mehr beim Componiren an's Clavier gefesselt, war der Componist Flrxtow und Franz Liszt. — Franz Liszt, der auf Anregung Papst Pius IX. einer aufreibenden Virtuosenlaufbahn für längere Zeit entsagen sollte, um sich als Abb6 in einen geistlichen Orden einkleiden zu lassen, konnte im Vatican zu Rom als päpstlicher Kammervirtuose ungestört seiner Muse leben. Er stand gewöhnlich um 4 Uhr Morgens auf, gieng zur Messe und nachdem er das erste Frühstück genommen, setzte er sich an's Clavier und entlockte dem herrlichsten Instrumente durch sein unvergleichliches Spiel Töne, welche in Form feierlicher Präludien, Engelsgestalten anzunehmen schienen, und oft schlich sich die glanzumflossene Gestalt Pius des IX. von dieser Sphärenmusik angezogen, zu ihm heran und. verweilte bewundernd, halb betend, halb in ahnungsvoller Beschauung versunken, in seiner Nähe.

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