Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 6 (21.2.1893)
- Date
- 1893-02-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 6. Oesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. und in Euch aufgehen, nur seid aber doch so gut, behandelt uns wie Menschen und hetzt uns nicht mehr wie wilde Thiere. Und wenn dies nicht geschieht und wenn im Gegentheil wir der gehässigsten Verfolgung und der Verleumdung aller Art noch mehr aüsgesetzt sind als früher, da bezeichnet die Orgel dieses gewiss nicht unbillige Verlangen nach Vermittlung und Versöhnung als ״marktschreierische Neclame." Also nicht einmal das Recht, uns über die .harte Behandlung beklagen zu dürfen, will sie uns .zuerkennen. Und immer wieder das abscheuliche Hervorheben des ״Schachers", als ob wir keine andern Leute aufzuweisen hätten, als nur Marktschreier und Neclamemacher. O des Schimpfes und der Schmach! Noch weiter: ״Nicht zur Ehre des Höchsten soll ich meine Stimme erheben", lässt sich die Orgel weiter vernehmen, ״ich soll ein Werkzeug, sein in den Händen der Geldpropagand a?" Was sie zur sogenannten ״Ehre des Höchsten" bei uns beiträgt, habe ich ja früher deutlich genug auseinandergesetzt, dass sie nämlich mit dem ״gemietheten Faster" zu identificiren ist, der für gute Bezahlung für uns fasten soll'. Er sieht wenigstens die Sache nicht so tragisch an und — isst erst recht; sie aber gibt sich den Anschein, als ob sie ihren Auftrag wirklich als Ernst nehmen wollte, und hat nicht einmal den Vortheil, die Lacher auf ihrer Seite zu haben. Aber das verfängliche Wort: ״Geldpropaganda", das muß sie sich nur von einem der eingefleischtesten Antisemiten geliehen haben und ist für sie gravirend. Sie nimmt also auch das Märchen als feststehende Thatsache an, dass die Juden mit allem ihrem Thun und Lassen auf nichts weiter ausgehen, als nur um für ihren Säckel Propaganda zu machen und zu ihrem Nutzen Andersgläubige gründlich auszubeuten. Wie traurig ist's, dass wir "dies immer und von Jedemselbst - vonunfern scheinbaren. Freunden hören müssen! ״Verblendete! Der Jude kann sich nur Achtung erwerben, wenn er wegwirft die falschen Götzen, das Buhlen um die Gunst der Christen"! Das sagen wir auch, aber welchen anderen ״solchen Götzen" haben wir denn, als eben nur sie, die Orgel, und wie buhlen wir um die Gunst der Christen anders, als eben nur durch sie? — ״Wenn er zurückkehrt zu seinem. Gotte׳ und ihm dient auf würdige Weise, an würdiger Stätte." Alles sehr wahr und recht, nur ist hier fraglich, was eigentlich im jüdischen Sinne würdig" heißt. Zum Schlüße -spricht die Orgel augenverdrehend und salbungsvoll, ganz nach Pastorenart: ״Lasset Eure Weiber ihren Putz zur Schau tragen", (als ob nur jüdische Weiber den Putz zur Schau tragen, die christlichen nicht) . ״wir aber sind und bleiben getreu unserer Bestimmung: Singen und Jubeln zum Lobe des Höchsten." Und hier geschah eben das Allerschrecklichste! Nach einem furchtbaren Krache sah sich der schwer Träumende seiner ganzen Länge nach neben seinem Bette auf der Erde ausgestreckt liegen. Tableau! — Da kam er denn auch zur Erkenntnis, dass er halt das ״Pilsner" nicht gut vertragen könne. Auch ich bin nun zu Ende und habe dem nichts mehr zuzufügen, als nur noch dem Wunsche mehrerer geschätzten Leser, die — nach freund - licher Mittheilung unseres verehrlichen Herm Redakteurs — wissen wollen, wer der Verfasser der ״Beiträge" ist, zu entsprechen und inich ergebenst zu unterzeichnen. Ich thue das unter der Versicherung meiner vollsten Hochachtung gegen alle meine verehrten Collegen, meiner ganzen Sympathie für unser werthes Fachorgan und meiner treuesten Hingebung an unfern heiligen Beruf, indem ich mein bekanntes und ehrliches Pseudonym daruntersetze. Minachel. Seitr 3. Jaroslav Vrchlirkq. Hrr seinem vierzigsten Gebnrtstag. VonI)r. M. Grünwald in Jungbunzlau. III. Große Männer bedürfen keines äußeren Denkmales, das ihren Namen der Mit- und Nachwelt überliefere, ihre Thaten sind es, die ihnen die Ewigkeit verbürgen, die ihnen den Dank der Mit- und Nachwelt sichern. Und ein solch wahrhaft großer Mann, groß an Geist und ebensogroß an Herz und Gemüth ist Jaroslav Vrchlicky, den die Leser dieser Zeitschrift schon kennen. Zu seinen! Geburtstage nun, der am 16. Februar l. I. von der gesummten Bevölkerung Böhmens — die Deutschen nicht ausgenommen — gefeiert wurde, hat der Dichter ein neues Werk, betitelt: ״Moje Sonata” (Meine Sonate) herausgegeben und so von Neuem Nückert's schönes Wort bewahrheitet: Möge Jeder still beglückt Seiner Freuden warten Wenn die Rose selbst sich schmückt Schmückt sie auch den Garten. Denn was der Dichter schafft, schafft er zunächst zur eigen en Befriedigung, und doch ist es der Musik gleich geeignet, das aufgeregte Gemüth zu beschwichtigen und zu besänftigen. Aber nicht nur vom allgemeinen Standpunkte aus verdient diese neueste Dichtung Vrchlicky's') Beachtung, sondern auch vom jüdischen, da er, wie wir bereits in zwei Artikeln׳) dieser Zeitschrift nachgewiesen, jüdische Stoffe und jüdische Sagen poetisch gestattet und doch den Sohn des 19. Jahrhunderts, den Sohn der Erkenntnis, die die Mutter des Weltschmerzes ist, nicht verleugnet. Seite 58 des neuesten Buches Vrchlicky's findet sich die Ballade von dem Ringe des Königs Salomo (Ballata o prstenu Krale äalamona), die wir in sinngetreuer Übersetzung hier wiedergeben: ״Einen Ring hatte Salomon, und wenn er den Edelstein In demselben drehte, schaute er in die Seele dessen, mit dem er sprach. Wer Manna, Heuchelei und süße Worte ihm ins Ohr goß, Den sah er, wie er heimlich bebt vor Neid und Hass; Und wenn an den Brüsten seiner Weiber müd' er ruhte, Und satt an Küssen den Edelstein drehte, Sah er, wie gemeine Selbstsucht Geschmeid und Münzen zählt, Sah, wie Mien' und Züg' und Augen lügen, in die er schaute, Wie alle Weiberschönheit ein prächtiger Rahmen nur Auf einem schrecklichen Bild, wo Schlangenbrut sich weidet, Wie mordbereit die Haud, die zur Umarmung neigt. Da erfüllte tiefe Bitterkeit die ganze Seele ihm Dass er in finstern Meeresgrund den Edelstein gar warf. Ihm der Schein genügt'. — Er war der Weise seiner Zeit." Welch bittere Ironie auf unsere Zeit. Wer die glühende Wahrheitsliebe Vrchlicky's kennt, wird das Gedicht ganz zu würdigen wissen, und andererseits auch, wie tief unser Dichter in den Geist und die Sinnesatt des Dichters, Denkers und Zweiflers Kettelet Salomon versunken, dessen bekanntes ״Eitelkeit der Eitelkeiten, Alles ist eitel" wehmutsvoll auch in dieser Ballade Vrchlicky's ausklingt. Iun gbunzlau, am Gebuttstage I. Vrchlicky's. (16. Febr.) ') Vgl. unser Feuilleton im Budweiser Boten vom 15. Febr. 1893: ״Die Zahl 40 zu Ehren Jaroslav Vrchlicky's 40. Geburtstag." -) Vgl. Nr. 16 und Nr. 29 der Cantorenzeitung vom Jahre 1892