Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 6 (21.2.1893)
- Date
- 1893-02-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/1304829-3453273-3453279--3669-3458049- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Serke 2. Desterrerchisch-ungarrfthe Cantsrendrtung. Nr. 6. Wie aber verhielten und verhalten sich noch heute die Eltern? Kaum dass im Jahre.1869 das neue Volksschulgesetz die kaiserl. Sanktion erhalten hatte,- da. waren — wie gewöhnlich —: die Juden päpstlicher als der Papst; sofort wurden, insbesondere in deutschen Orten, die bis dahin bestandenen confessionellen jüdischen Schulen aufgelöst, hie und da ein Surrogat — Neligionsschule genannt — errichtet, angeblich dass sich die Jugend -assimilire; in Wirklichkeit waren es ganz andere Motive. Und heute, nach vierundzwanzig Jahren, sichen wir da und erkennen und müssen es bekennen, ob wir nun wollen oder nicht, dass wir selbst durch unseren zu schnell reitenden Liberalismus diese Verheerung angerichtet. Heute genießen wir die Früchte desselben; aber sie sind sehr bitter. ,Trotz Assimilirung, oder eben deswegm — Antisemitismus auf allen Linien. Gerade in deutschen Städten, wo es keine jüdische Schule gibt — von Wim abgesehen — in unserem Lande, in Neichenberg, Teplitz, Eger, Brüx, Leipa u. s. w., wo der Antisemitismus seine schönsten Orgien feiert. Bis zum sechstm Jahre, wo das Kind im elterlichen Hause wenig oder gar nichts Jüdisch-Religiöses gesehen, kommt es dann in ^die öffmtliche — katholische Schule, genießt einen zweistündigen Religionsunterricht wöchentlich, hie und da Heht es nach äbsolvirten 6 — 7 Unterrichtsstunden in die Religionsschule, soll da hebräisch lesm, Gebete übersetzen, Bibel u. s. w. lernen. Wie ist das möglich,׳ wmn der kindliche Geist ermüdet und abgespannt dahin kommt?! Was kann der jüdische Religionslehrer bei zwei wöchentlichen Unterrichtsstundm leisten, da seine Autorität im Elternhause untergraben, da das Kind eine Gleichgiltigkeit, wenn nicht gar Abneigung für den^ Gegenstand mitbringt? Wenn aber dann der Religionslehrer nicht jedem faulen Schüler oder jeder Schülerin die beste Note aus der Religion ins Zeugnis schreibt, so laufen die zärtlichen Eltern Hegen ihn׳ Sturm, und steht er nicht fest — wird er aus der Stelle ver-' drängt oder, wo dies nicht angeht, in den Zeitungen in allen möglichm Tonarten geschmäht, wie dies z. B. vor gar nicht langer Zeit in der österr. Wochenschrift zu lesen war. Und als aus Lehrer-- kreism eine Gegenerklärung eingesendet wurde, wanderte selbe — in den Papierkorb. Freilich, der Angreifer war vielleicht ein Wiener Bürger und der Vertheidiger blos ein Religionslehrer vom Lande. (Schluss folgt.) Zur Orgrtfmge. (Schluss.) Ja wol, die Orgel ist für uns jüdische Cantoren infolge der geschilderten Umstände eine gefährliche Rivalin, und schäme mich auch nicht, es ganz offm auszusprechen, dass ich diese Rivalität gar sehr fürchte. Die böswillige Unterstellung, als ob ich im Antagonismus gegm die Orgel nur darum verharre, ״weil ich und meinesgleichen", wie das Harmonium meint, der Orgel nicht gewachsen- und nicht in der Lage bin, neben ihr zu existiren", ist wirklich lächerlich und nicht einmalerfahrungsgemäß begründet; denn wir-haben ja Beweise genug, dass neben der Orgel selbst mit Asthma und Kurzathmigkeit Behaftete, ja selbst Gehörlose als Cantoren sungiren und mit ihr ganz gut fortkommen können. ׳ Warum sollen also wir Gesangs- und Musikkundige und Stimmbegabte, wie nur irLLnd Jemand, dies nicht vermögen? Und dann hat doch die Orgel selbst vorhin bekundet, dass es sich mit Begleitung viel leichter und sicherer singt, warum sollen wir sodann dieses Leichte nicht ebensogut vollbringen können, wie alle Andern? Der eigentliche Grund, warum manche Cantoren mit der Orgel sratciriisircn und sie sehnsuchtsvoll erstreben, ist ja übrigens oft. auch der, weil sie sich eben durch dieselbe ihre Funktion in vieler Hinsicht zu erleichtern glauben; da muß doch also die Kunst, mit der Orgel zu singen, für einen musikalischen Menschen nicht gar so ungeheuer schwer und unüberwindlich sein. Diese Insinuation war daher eine vdllständig unberechtigte und unbegründete. Alle anderen Beleidigungen und Verdächtigungen, welche das Harmonium zum Schlüsse seiner langen, aber nicht sonderlich geistvollen Rede über seine und der Orgel Gegner ausschüttet, während es seine Freunde und Gönner mit heuchlerischen Redensarten bis zum Himmel emporhebt, sind zu widerlegen überflüssig, sie prallen ja ohnehin aufs-eigene Haupt zurück. Aber das Eine möchte ich noch hervorheben, dass bezüglich des Sumpfes und der Trivialität, welche es uns zum Vorwurf macht, ich keinen tiefem Sumpf und keine niedrigere Trivialität mir denken kann, als wenn der Gottesdienst, eine so heilige Institution eines so altehrwürdigen, in jeder Beziehung selbstständigen Volkes, wie das Judenthum, leichterdings mit Füßen getreten wird, und dies zu dem Zwecke, Um ihn aus Unwissenheit und völliger Verleugnung seines Ursprungs, nur aus Nachäffungssucht und Nachahmungslust den anderen Völkern anzvpaffen und׳ vollständig zu verchristianisiren. Auf die.Hinterbringung hin, dass ich auch der Vortheile gedachte, die wir erwartet hätten, und die uns die Orgel nicht gebracht, erwachte die Orgel wieder aus ihrer bisherigen Lethargie und ließ eine Strafpredigt loS, dass man glauben könnte, den Leibhaften Ahlwardt sprechen zu hören. Das Erste, womit sie 'uns Juden insgesammt beehrt, ist der Zuruf;;״Entartetes Geschlecht!" Sie hat damit auch vielleicht vollkommen Recht; wir sind entartet genug, wenn wir uns nicht in unserem Rang halten können und nach fremdem Prunk Haschen. Im Weitern lässt sie ihren ganzen antisemitischen Zorn über. Ms arme Juden niederdonnern in folgender kennzeichnender Auslassung: ״Ich soll Euch aufspielen zum Tanz um Euer goldenes Kalb?", ״Meine Krone aufzusetzenden Schächern?" ״Mit meinem Purpur bedecken Schmutz und Niedrigkeit?" Nach diesen schwülstigen Tiraden zu schließen, hätte das Judenthum in seiner langen und reichen Geschichte keinen anderen Zweck zu erfüllen und kein weiteres Ziel zu verfolgen gehabt, als nur, um das goldene Kalb zu tanzen und das Handwerk der niedern und schmutzigen Schächerei zu betreiben. Wahrlich, das. ist ein Geständnis, das an Offenheit und Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt und keines weiteren - Kommentars bedarf! Und das sagt uns eine wild Fremde, die wir. in unser bestes, und dauerhastestes Haus ausgenommen, die wir wie ein verzogenes Kind hätscheln und Pflegen, der wir unser. Theuerstes und Heiligstes, unser nationales Denken und Fühlen, unfern gemeindlichen Frieden und unsere Zusammengehörigkeit leichten Herzens hingeopfert haben. O, der Scham und Schande! - " Saget nicht/ das hat doch nicht in Wirklichkeit die Orgel gesprochen, ein Anderer hat ihr nur diese Wor-te in den Mund gelegt, dafür kann, sie doch nicht! Nein, das sind ihre eigenen Worte, die sie täglich und stündlich zu uns spricht, wir geben uns nur die Mühe nicht, ihre Sprache zu verstehen; wir lauschen nur auf das, was sie. ״spielt", nicht auf das, was sie spricht.' Und wenn sie das nicht sagt, sagt es der Organist ganz gewiss, der uns vom Herzensgründe verachtet und nur mit Hohn von uns spricht. Aber, das ist noch nicht alles, es kommt immer besser. Sie sagt weiter: ״Ich soll marktschreierisch für Euch Reklame . machen?" Das ist doch kurios! Wenn wir also sagen, wir .wollen uns dadurch, dass wip die Synagoge zur Kirche machen und unfern Gottesdienst dem Eurigcn anpaffen, mit Euch affimilirm