Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 5 (11.2.1893)
- Date
- 1893-02-11
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 5. Glauben, durch den sie so viel Feuereifer und Heldenmuth gewannen, vollständig zu tödteu. Er verbot dem von ihm besiegten jüdischen Volke den jüdischen Glauben zu halten und bedrohte die diesem Befehle Zuwiderhandelnden mit dem Tode. Er ertheilte drakonische Verordnungen, die seine Vorgänger nicht erließen. (Fortsetzung folgt.) Uachmamdes und der Talmud Von Dr. M. H. F r i e d l ä n d e r. (Schluss.) In Aragonien herrschte in der Mitte des 1!;. Jahrhunderts König Jajme (Jakob I.), der gleich dem französischen fanatischen König ״Ludwig dem Heiligen" mit dem er, da er in Frankreich Besitzungen hatte, öfters in Berührung kam, die Juden (sammt ihren Gütern) als des Königs Eigenthum oder richtiger als dessen Kammerknechte erklärte. ״Alle Juden und Sarazenen", so lautete das diesbezügliche Decret, ״die in unseren Neichen wohnen, gehören dem Könige und bleiben mit allen ihren Gütern in besonderer Hut des Königs, und hat sich vielleicht einer unter den Schutz eines Edlen gestellt, so verliert er seinen Kopf, und alle seine Güter gehören dem Könige, wo sie auch gelegen seien." Überdies ist König Jakob I. von seinem Beichtvater, dem Dominikanergeneral Raymond von Penaforte, dessen Hilfe und Beistand er stets seines lasterhaften und unsittlichen Lebenswandels wegen in Anspruch nehmen musste, sehr beeinflußt worden. Der schlaue und herzlose Penaforte hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die moralische und geistige Existenz des Volkes Israel durch allerlei Ränke und Jntriguen in Frage zu stellen. Er glaubte dieses Ziel um so eher erreichen zu können, als König Jakob, der viel gelebt und viel geliebt, viel gesündigt und recht viel Orgien gefeiert hatte, des Beichtvaters geistlichen Beistandes, oder besser dessen Absolution nicht entrathen konnte. Penaforte ließ in den Schulen, die unter der Aegide von Dominikauern standen, auch hebräisch und arabisch unterrichten, damit es den Missionären durch die Kenntnis dieser Sprachen eher gelinge, die Juden und Mohamedaner bekehren und für die alleinseligmachende Religion gewinnen zu können. Der Apostat Pablo Christiani aus Montepellier wurde von ihm als Missionsprediger entsendet, um die Juden zu bekehren; da jedoch alle Anstrengungen und Bemühungen fruchtlos blieben, so fasste' Penaforte den Entschluss, den König zu veranlassen, in seinem Schlosse eine öffentliche Disputation über Judenthum und Christenthum zwischen Pablo Christiani und dem von allen Juden Spaniens so hochverehrten Rabbiner Moses b. Nachman*) zu veranstalten. Penaforte versprach sich viel von diesen Disputationen und glaubte sogar der Erwartung Raum geben zu dürfen, dass durch dieselben Nachnianides, der bedeutendste und berühmteste Rabbiner Spaniens, und mit ihm sämmtliche Judengemeinden bekehrt werden würden. Nachmanides wurde infolge dessen vom Könige Jakob eingeladen, in Barcelona zur feierlichen Disputation zu erscheinen. Bereitwilligst folgte er dem an ihn ergangenen Rufe, hatte aber auch den Muth, sich vom Könige vollständige Redefreiheit zu erbitten, die ihm auch thatsächlich gewährt wurde. Vier Tage (1263) dauerte die Disputation im königlichen Palaste in Gegenwart vieler Geistlicher, hoher Würdenträger und zahlreicher Juden. Nachmanides gelang es aber bald, sich seiner schwierigen Aufgabe auf *) MoscS b. Nachman, der einer gelehrten Familie entstammte, wurde 1194 in Gerona in Katalonien geboren. Seine bedeutendsten Lehrer waren: Jehuda der Fromme in Paris und EUasar in Worms. Er zeichnete sich nicht nur als hervorragender Gcsctzcslchrer sondern auch als Arzt, Philosoph, Exeget, Dichter und Kabbalist aus- Seite 5. die glänzendste Weise zu entledigen. Einen schlagenden Einwurf gegen die Messiauität des Stifters des EhristenthumS, der schon von den alten Polemikern gellend gemacht wurde, ließ Nachmanides nicht unberücksichtigt. Sämmtliche Propheten verkünden, dass zur Messiaszeit eine sittliche Gehobenheit unter den Menschen allgemein herrschen, und dass namentlich Krieg und Blutvergießen aufhören werden. Aber seit dessen Erscheinen sei die Welt erst von Gewalt thätigkeit und Ungerechtigkeit voll geworden. Die Christen seien unter allen Völkern am ineisten kriegerisch gesinnt. Und sich an den König wendend bemerkt Nachmanides: ״ES dürfte Dir, v König, und Deinen Rittern schwer fallen, das Kriegshandwerk aufzugeben, wie es das Eintreten der messianischen Zeit erfordert". (Gr. Gesch. 7. B. 143.) Nachdem die Disputation bereits drei Tage gedauert und Nachmanides sämmtliche Einwendugen Pablo'ö taet- und würdevoll durch kräftige Belege nicht nur entschieden zurückgewiesen, sie sogar als lügenhafte Verleumdungen dargestellt hatte, stellten die Bareeloner Inden, aus Furcht, sie könnten von den Dominikanern verfolgt, behelligt und belästigt werden, an Nachmanides das höfliche Ansuchen, der Disputation ein Ende zu machen. Auch von nichtjüdischer Seite wurde ihm in wohlwollendster Weise hiezu gerathen. Nachmanides wusste diesen Wink zu würdigen und wollte, indem er hievon dem Könige Mittheilung machte, die Disputation als beendet erklären, allein der König bestand darauf, sie fortzusetzen, bis sämmtliche Fragen gelöst sein würden. Nachmanides gehorchte und es gelang ihm, über seinen Gegner einen vollständigen Sieg zu erringen. Als am darauffolgenden Sonnabend der König und die Dominikaner die Synagoge, in der Nachmanides anwesend war, besuchte und Penaforte zu disputiren wieder ansieng, erfocht Nachmanides wieder einen glänzenden Sieg*), so dass der König ihm vor seiner Abreise als Zeichen seiner Anerkennung ein Ehrengeschenk von 300 Morawedis machte. Die Dominikaner, tief beschämt ob der erlittenen -)Niederlage, suchten das Gerücht zu verbreiten, dass Nachmanides von ihnen total geschlagen worden wäre, daher er heimlich die Flucht ergriffen hätte. Infolge dessen sah sich Nachmanides veranlasst, eine wahrheitsgetreue Schilderung der im königlichen Palaste zu Barcelona stattgefundenen Disputationen zu veröffentlichen und sie nach allen jüdischen Gemeinden zu versenden. Kaum wurde der Papst Clemens IV. von der Veröffentlichung der erregten Disputation in Kenntnis gesetzt, als sein Zorn hierüber in hohem Maße entbrannte und er in seiner Erbitterung dem König Jakob eine derbe Rüge ertheilte, weil er die Veröffentlichung der Disputation nicht verboten hatte. König Jakob, der seines leichtsinnigen Lebenswandels wegen ohnedies beim Papste schwarz angeschrieben war, glaubte sich nun dessen Gunst dadurch erwerben und Absolution erhalten zu können,! wenn er dem größten und gefeiertesten jüdischen Gelehrten Spaniens das Land verweisen werde. Als siebzigjähriger Greis wurde Nachmanides aus der lieben theuren Heimat verbannt und musste, seine theuren Verwandten, Freunde und Verehrer verlassend, zum Wanderstab greifen. Wie einst Jehuda Halewi war auch er im Greisenalter bestrebt, einen lang gehegten Wunsch zu befriedigen und nach dem heiligen Lande zu wandern. Im Herbste 1267 langte er in Jerusalem an, wo er bis zu seinem im Jahre 1270 erfolgten Tode eine überaus segensreiche Thätigkeit entfaltete. *) Die treffliche Dissertation, die Nachmanides vor König Jakob gehalten, hat der berühmte, hochverdiente Prediger, C Herrabbiner Dr. Jellinek, mit sehr beachtenswerröen erläuternden Anmerkungen in Leipzig 1853 herausgegcben. Vesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung.