Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 5 (11.2.1893)
- Date
- 1893-02-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Mssterreichrsch-unyarischr (Lantoren-Asitung. Grund durchlebter Erfahrungen von vornherein als wahnwitzig erklärten, neigten sie dennoch ein aufmerksames Ohr der hoffnungsseligen Idee, dass der Allgütige sie zu ihrem heißersehnten Ziele durch besondere Wunder führen werde. Wieder bildeten sich Parteien, von denen die eine hoffte, dass in ׳ Hinkunft die Staaten wie gewöhnlich cxistiren und Israel in ihren Reihen als ehrenvoller Staat bestehen werde, während die andere Partei auf eine Umgestaltung der ganzen Weltordnung harrte, alle Staaten und Völker werden der Ober- Herrschaft des Unsichtbaren sich unterwerfen und dessen Einheit anerkennen und alle werden die Stellung und die Würde Israels erhöhen. Die Nationalen richteten ihre Augen rückwärts und vorwärts, auf Vergangenheit und Zukunft, nur nicht auf die Gegenwart, weil sie ihnen als ein Jammerthal erschien, während die Gegen- Partei ihr Augenmerk nur auf die gegenwärtige Lage richtete. Die Nationalen verbarrikadirten sich unter sich, hatten kein Nerständnis, oder wollten es nicht haben für die geistigen Vorzüge der sie unterjochenden Völker, während die Gegenpartei für die geistigen Anlagen und Vorzüge ihrer Zwingherren einen offenen Blick und ein richtiges Verständnis hatte, sich daher bemühte, dieselben für sich zu gewinnen, mit ihnen in Eintracht und Harmonie zu leben und von ihnen das Wissenswerte zu lernen. Die letztere, von Nabbi Jochanan ben Sakkai' geführte Partei söhnte sich mit den Verhältnißen der Gegenwart aus, fügte sich den! Unvermeidlichen, indem sie auch die religiösen Anordnungen immer mit , Rücksicht auf die politischen Zeitverhältniße traf. Dies bezeugen die Institutionen, die von derselben eingeführt, und die Theorien, die von ihr aufgestellt wurden. Während die Kannoim immer solche Satzungen lehrten und solche Einrichtungen trafen, die geeignet waren, die bereits zwischen Heiden und Juden aufgerichtete Scheidewand zu vergrößern, unbekümmert, ob sie durch dieselbe Neid, Feindschaft, Eifersucht seitens der Heiden vermehrten, richtete Nabbi Jochanan b. Sakkai'S Partei nur solche Institutionen ein, die das Gefühl der Heiden nicht verletzten. Nur der Partei des Nabbi Jochanan b. Sakkai, welche stets Ans den MrrkstLtten der große« Tondichter. Von Benedict Singer, Iungbunzlau. Das ״Prager Tagblatt" hat vor einiger Zeit mit einem interessanten Feuilleton seine Leser einen Blick in die Werkstätte moderner Dichter gewähren lassen, und nicht weniger anziehend dürfte unser Versuch ausfallen, die eigcnthümliche Art der Umstände, wie große Tonkünstler gearbeitet haben, im Nachfolgenden zu schildern. Dass zur geistigen Sammlung hauptsächlich eine gewisse Abgeschlossenheit von! Wcltgetriebe nothwcndig ist, das zeigten uns schon die in Tönen dichtenden und Musikwissenschaft treibenden Mönche des Mittelalters. So war die Erfindung des fünflinigcn Notensvstems durch den Bcncdictinermönch Guido von Arezzo und die ersten doppelstimmigen Klangvcrsuche des im Kloster von 8t. Amaiui sur 1’Kl non lebenden Kapuziners Hucbald die wesentlichsten Faktoren der musikalischen Kunstentwicklung, welche aus diesen Stätten stiller Thätigkeit hcrvorgiengen. Da die Musik durch Jahr- Hunderte blos im Dienste der Kirche stand, so war es vornehmlich die Orgel, welche die damaligen Tonsetzcr mit großer Virtuosität beherrschten, und auf ihr entfalteten sie auch den größten Gedankenreichthum. Als solch ein großer Organist und Kirchencomponist ist Jo- Hann Sebastian Bach rühmlichst bekannt, der 1723 Cantor an der Tomasschule zu Leipzig wurde, und bei 87 Thaler jährlichen Gehalt einen äußerst schweren Dienst hatte, denn neben dem Musik- Nr. 5. bestrebt war, die Lehre mit dem practischen Leben zu versöhnen und möglichst in Einklang zu bringen, ist cs zu danken, dass das Judcnthum sich noch bis zum heutigen Tage erhielt, und dass es den schrecklichen Ungewittern, die sich über seinen! Haupte zu entladen drohten, Stand zu halten vermochte. Alle Institutionen, welche von der ersten Generation nach Jerusalems Zerstörung durch N. Jochanan b. Sakkai ins Leben gerufen wurden, sind vom Geiste des Friedens und der Versöhnung mit den Heiden durchweht, während zur Zeit vor der Zerstörung Jerusalems von den Kannoim nur solche Institutionen ins Leben gerufen und solche religionsgesetzliche Normen festgesetzt wurden, die direct gegen die Heiden gerichtet waren und sich eigneten, deren tiefen Hass und und Ingrimm heraufzubeschwören. Auch bemühte sich R. Jochanan b. Sakkai, den Israeliten das Joch der Gesetze möglichst zu erleichtern, lobte die Wissenschaft der Völker und all' diejenigen, die sich mit ihr beschäftigten. Diese Geistesrichtung aber behauptete sich nicht lang; denn bei den Epigonen der Kannoim erwachte wieder das nationale Gefühl, welches zu erhalten und zu entflammen, das Bestreben einer mächtigen Partei wurde. Sie bemühte sich wieder, Schranken und Scheidewände zwischen Heiden und Juden aufzurichten, empfahl alles dem jüdischen Volke Eigenartige als hochheilig zu erhalten, sich von den Heiden zu entfernen und in Sitte und Lebensweise vollständig jüdisch-national zu sein. Dass diese zelotische Partei in der Mitte Jerusalems das Scepter erhob, zur universellen Macht und Einfluss gelangte, über die Personen sowohl als über deren Gewissen verfügte, wurde verhängnisvoll für das israelitische Volk; denn dieser gelang es auch, dass die Fahne der Verschwörung gegen Hadrian hoch geschwungen wurde. Als aber ,die Verschwörer und mit ihnen mehrere hunderttausende Israeliten Hadrians Ueberlegenheit und Macht durch das aufreibende Schwert fühlten und die Revolution durch einen von Hadrian mit Erfolg geführten Krieg vollständig niedergehalten wurde, bemühte sich Letzterer die die Verschwörung hervorrufende Ursache zu bannen. Er gab Gesetze, die die Intentionen hatten, sowohl das jüdischnationale Gefühl, als auch den Geist der Judenheit, den jüdischen unterricht oblag ihm die Leitung des Schülerchores bei Gottesdiensten und Leichenbegängnißen. Tagsüber von den Amtspflichten ermüdet und in Anspruch genommen, blieb ihm zu eigenem Schaffen nur der Abend übrig; jedoch zu Hause da fand er der Bitterniße genug. Von zwölf Kindern blieben ihm acht am Leben, und eines davon, ein blödsinniges, war die stete Sorge der Eltern. Inmitten dieses von Prüfungen hart bedrängten Lebens schuf Bach monumentale, an Großartigkeit der Construction den gothischen Dombauten ebenbürtigc Schöpfungen, die er, bei der Unmöglichkeit, sich einen Schreiber halten zu können, selbst ins Reine abschricb, weshalb er mit der Zeit ganz erblindete. Im Sonnenschein eines wahrhaft zufriedenen Daseins arbeitete Vater H a y d u. In England, wo er seine größten Triumphe feierte, wollte er, trotz der glänzenden Anerbietungen, welche ihm daselbst gemacht wurden, nicht bleiben und kehrte nach seinem lieben Wien zurück, wo er sich am Mariahilfer Grunde ein schönes Heim einrichtctc. Wenn er in seinem geblümten Schlafrocke und mit der Perücke angeihan, sich an die Arbeit setzte, das Componiren aber nicht recht von Statten gehen wollte, nahm er den Rosenkranz, betete einige Ave, und dann kamen ihn! die Ideen. Hatte er einnial etwas zu Papier gebracht, dann blieb cs auch so stehen; von dem ewigen Ummodeln war er kein Freund. Zur Zeit, da er sein größtes Werk ״die Schöpfung" componirte, siel er des Morgens, sobald er sich aus dem Bette erhoben hatte, immer erst auf die Kniee, um vom lieben Gott Kraft zur Ausführung seines Werkes zu erbitten. (Schluss folgt.)