Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1893-02-11 · Heft 5 (11.2.1893) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 5 (11.2.1893)
Date
1893-02-11
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/1304829-3453273-3453278--3661-3458040
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 5. Gesterreichisch-ungarifche (Lantoren-Zseitung. Seite o. fehlt; abgesehen davon, dess wir auch zur Aufführung derselben — wenig Zeit hatten. Die Leute würden fortlaufen. Wenn j Jemand von uns irgend etwas componirt, so ist das noch lauge nicht unter die Synagogenmusik zu rechnen; die Compositionen sind reine Privatsache und eine Liebhaberei. Unter ״Synagogenmusik" versteht man nur die traditionellen Gesänge und Melodien nebst ihren verschiedenen Gesangsarten, weiter nichts. Die Syuagogmmusik ist folglich nicht mit dem Maßstabe der Kirchenmusik zu messen und ebensowenig kann man den jüdischen Cantor mit dem Kirchenmusiker in Vergleich bringen. Der Kirchenmusiker muß um so viel mehr Musik — besonders technisch — kennen als der Cantor, indem er doch nicht zu singen hat und nicht einmal singen zu können braucht; seine Aufgabe ist nur, gute Musik zu machen und sie gut arrangiren zu können. Der jüdische Cantor hingegen muß vor Allem Sänger sein; er hat mit Musikmachen in keiner Weise etwas zu thun, und da braucht er in der That kein großer Musiker zu sein. Früher, vor Einführung der Orgel, war es in der Kirche ebenfalls nicht anders; der Cantor musste hauptsächlich singen können, um dem ungeübten Gemeindechore vorzusingen und ihn sodurch im Geleise der richtigen Tonhöhe und des gehörigen Tempos zu erhalten. Seitdem nun die Orgel dies Amt übernommen hat, sind die Sängercantoren in der Kirche allmählig abgekommen und führen diesen Titel jetzt nur noch: in Hauptkirchen der Kirchencapellmeister, der die Kirchenmusik leitet, und in kleineren Kirchen gewöhnlich der Schulmeister, Küster oder der Organist, welche sämmtlich vom Gesänge nichts wissen und nichts zu wissen brauchen. Und jene früheren christlichen Sängercantoren waren eben unsere ״christlichen Collegen", die durch die Orgel von ihrem Platze verdrängt wurden. Das Harmonium verlangte von mir gerade über diesen ihm ganz dunkel erscheinenden Punkt mehr Deutlichkeit und Klarheit; nun, ich glaube, dass dies deutlich und klar genug ist. Ich kann wahrlich nicht dafür, dass es in der Geschichte des christlichen Cantorats so wenig bewandert ist und auch sonst hinter dem Wissen seiner Collegin, der Orgel, weitweg zurückbleibt. Es meint im Weitern, hiermit — dass ich nämlich die Befürchtung ausgesprochen habe, es könnte uns bei der Orgel ebenso ergehen, wie unseren christlichen Collegen — habe ich Farbe bekannt; ״ich fürchte die Rivalität der Orgel." Ja, ich leugne es nicht, ich fürchte sie. Hätte man es mit einer urtheilsfähigen Menge zu thun, die Sachkenntnis und Musikverständnis genug besitzt, um die Thätigkeit eines jeden beim Gottesdienst Betheiligten genau abwägen und nach Gebühr würdigen zu können, dann wäre die Gefahr sreitich nicht groß. In der Kirche z. B. besteht diese Gefahr nicht im Geringsten, weil die Orgel dort diesen, ich möchte sagen, sinnlosen Reiz und diesen lauten Klang nicht besitzt, deren sie sich in der Synagoge zu erfreuen hat. Der Christ betrachtet die Orgel nur als M i tfaktor des Gottesdienstes, und ist es ein wissenschaftlich-musikalisch gebildeter Christ, wie es solche sehr viele gibt, dann prüft er zuerst das zur Aufführung kommende Werk selbst und weiß ganz genau überall die Stärke oder die Schwäche des Componisten herauszufinden und anzugeben. Dadurch ist er auch in! Stande, jeden hiebei-Mitwirkenden genau zu beurtheilen, ob er seinen Part auch dem Geiste des Stückes entsprechend und den Intentionen des Verfassers gemäß ausgeführt und seinen Theil zur Vollständigteit des Ensembles beigetragen habe. Bei solchen sach- und fachkundigen Christen hat die Orgel — abgesehen von ihrem viel größeren Wirkungskreise und ihrer weit erhabeneren Theilnahme an der Ausführung des Musikstückes — nicht mehr Werth, als der letzte Pvsaunenbläser im hintersten Winkel. Der ungebildete Christ hingegen urtheilt überhaupt nicht, und es steht bei ihm Alles, was die Kirche berührt, im Glanze der Religion. Da ist also jedem Mit wirkenden sein ihm gehöriger Platz;ugewieser׳. und er wird ihn behalten, so lange es noch iit der Kirche eine Mllsik geben wird. Bei uns liegen aber die Verhältniße ganz anders. Abgesehen davon, dass bei uns die Meisten keinen Schimmer von Kenntnis in Sachen des Gottesdienstes besitzen, bezüglich seiner Sprache, seiner Gebetsormeln und des Zweckes seiner Diener und Beamten, beschränkt sich unser ganzes Musikleben und Wissen — ansgenommLN die wenigen Berussmnsiker. die aber fclicu die Svnagoge besuchen und noch weniger sich uin sie kümmern aus das bischen Klavierktimperu unserer Töchter, worauf wir recht stolz sind und uns einbilden, was alles für ein musikalisrves Haus!vir führen und wie eng wir mit der Frau Mttsica in Contact sieben. Das Wörtchen ״spielen" hat daher bei uns einen sehr bohen, das ganze Musikgebiet umfassenden Begriff und wird denn auch nach dem Was und Wie nicht mehr viel gefragt. U11t> wer oder was kann dann besser und schöner spielen als die Orgel? Mit solcher musikalischer Anschauung kommt nun der Jude in die Synagoge, und kaum hat die Orgel ihren Mund geöffnet und den ersten Ton vernehmen lassen, als er schon in ein n׳abres Entzücken verfällt und bei sich denkt: ״M', Gott, wie schön! Wahrhaftig, im Bes hamikdosch war es nicht schöner!" Da gilt denn nichts mehr als die Orgel und wieder nichts als nur die Orgel. Der Cantor fällt dann immer mehr im Werthe und verliert bedeutend an Achtung, denn nicht er leitet und versieht mehr den Gottesdienst, die Orgel ist's, die es vollsübrt, der Cantor ist jetzt nur reine N e b e n s a ch e. (Schluss folgt.) Gin Kitd des israelitischen Staates vor delsen Anslösnng. Nach talmudischen Duellen bearbeitet von Dr. Abraham Löwv, :liabbiner und Prediger in Neu - Bidschow (Böhmen). ,Fortsetzung.) ׳)lach den gegenwärtigen Verhältnißeu hätte jeder Vernünstige und Bedächtige gemeint, die Partei der Kannoim werde fick, völlig auslösen und alle Volksgenossen würden sich um die Fahne des Rabbi Jachanan ben Sakkai schaaren. Dem war aber nicht so. Die Ideen der Kannoiln, die so allmälig die Seele des Volkes beherrschten, konnten nicht mit Stumps und Stiel vernichtet werden. Bald erhoben sich wieder die Kannoim zur Zeit Hadrians zu einem Ausstande gegen Roms Machtherrschasc, und an ihrer Spitze stand Rabbi Akiba ben Josef. Dieser berühmte Rabbi, der in Folge seiner Frömmigkeit und seines Wissens des klangvollsten Namens sich erfreute, bereiste die Städte, wo Glaubensgenossen wohnten, überall entzündend und entflammend die religiösen und nationalen Regungen und Enipsindungen des Volkes und ausmunternd zur abermaligen Revolution gegen Rom. In ihrer Phantasie malten sie sich den israelitischen Staat aus als einen Weinstock, an welchem drei 'Reben hängen, Heiligthum, König und Hoherpriester (Cholin 92). Je mehr Verachtung und Druck im Zunehmen begriffen war, desto mehr schlossen sie sich von der Außenwelt ab und vergrößerten die Scheidewand, um möglichst ihren Zwingherren aus dem Wege zu gehen. Obwohl es ihnen an Muth gebrach, sich gegen die sie quälende politische Oberherrschaft aufzulehnen, indem sie ein solches Unternehmen auf

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.