Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 4 (1.2.1893)
- Date
- 1893-02-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Serie 6. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Nr. 4. erkennung) der israelitischen Religion" ist fertiggestellt. Derselbe wird aus drei Paragraphen bestehen. Im ersten Paragraphe wird die israelitische Religion für eine gesetzlich anerkannte erklärt; im zweiten wird bestimmt, dass die §§ 1—8 des Gesetz-Artikels LIII - vom Jahre 1868, welche den Uebertritt regeln, auf die israelitische Religion ausgedehnt werden; unv im dritten wird mit der Durch: führung des Gesetzes das Ministerium betraut. Diese letztere Verfügung scheint der Umstand veranlasst zu haben, dass der katholische Clerus in der Wegtaufungsfrage auch aus dem Grunde die Suspendirung des Vollzuges der Gesetzesbestimmungen verlangte, weil mit der Durchführung des Gesetz-Artikels LIII vom Jahre 1868 Niemand betraut wurde, daher für den Vollzug desselben auch kein Minister verantwortlich gemacht werden kann. Einer solchen Argumentatton wollte vielleicht die Regierung vorbeug^i, indem ste mit der Durchführung des Gesetzes über die Inarttkulirung der israelitischen Religion das Ministerium zu betrauen beantragt. Budapest. Für die Nothwendigkeit der Neception der israel. Confeffion spricht wol kaum etwas eindringlicher, als der folgende Beweis, worin die Stadtbehörde Zenta das Gesuch des Araber jüdischen Religionslehrers I. S. um Abschreibung seiner Militärtaxschuld verweigert. Bescheid. Ihr Gesuch um Abschreibung Ihrer in der Stadt Zenta pro 1888 und 1889 ausgeworfenen Militär- Taxe wird abgewiesen, weil der zweite Band der directen Steuergesetze und Bestimmungen im Sinne des Punktes 2 der an den § 3 geknüpften Bemerkung verfügt, dass von der Entrichtung der Militärtaxe die Geistlichen und geistlichen Candidaten der gesetzlich recipirten Kirchen und Confessionen rc. befreit sind. Da jedoch die jüdische Religion bislang nicht zu den gesetzlich recipirten Confessionen zählt, folgt selbstverständlich, dass die obige Begünstigung auch auf Geistliche, Candidaten und Seminaristen jüdischer Religion, nicht anwendbar ist, weshalb Gesuchsteller mit seiner Bitte abgewiesen werden musste u. s. w. Gk.-Becskerek, im Jänner 1893. Am 14. l. M. warm wir Augenzeuge eines eben so schönen als erhebenden Festes, welches verdient, in weiteren Kreisen bekannt zu werden, weil es das innigste Verhältnis zwischen Gemeinde und ihrem Oberkantor aufs glänzendste illustrirt. D« Sohn des hiesigen Oberkantors, Herman Levin, feierte nämlich am erwähnten Tage sein Confirmationsfest, und diesen Anlass benützten die Gemeinde-Mitglieder, Herm Levin die aufrichttgstm Beweise ihrer Verehrung an den Tag zu legen, indem sich zum Feste Groß und Klein, Reich und Arm einfand, um dm Confirmanden und die Eltern zu beglückwünschen. Die deutsche und ungarische Ansprache, die der Confirmand hielt, wirkten ergreifmd, nicht blos auf die Eltern, sondern auf alle Anwesenden. Herr Oberrabiner Dr. Moritz Klein erwiderte in sehr warmen Wortm und führte dem Confirmanden die Bedeutung des Tages zu Gemüthe. Die Gemeinde-Mitglieder ließen es aber nicht blos bei schönen Wortm bewenden, sondern zeigten aufs glänzendste, wie gerne sie Opfer bringen für dm, der durch redliches Streben die Zufriedenheit Aller, sich zu erwerben wusste, und Private wie Vereine wetteiferten in Ueberreichung schöner und kostbarer Geschenke. BeErr, 28. Jänner. Im Abgeordnetenhause kam es heute zu einer großen Debatte über den Antisemitismus, als Graf Limburg-Stirum beim Posten ״Neichsanzeiger" die Veröffentlichung über die Welfmfonds-Quittungm und die Veröffentlichung des Verweises an dm Arnswalder Landrath rügte. Minister-Präsident Graf Eulenburg erklärt: Die Veröffentlichung des Ausdruckes emster Mißbilligung im ״Reichsanzeiger" sei die mildeste Rüge gegm dm Landrath gewesen, der einen Mann wie Ahlwardt durch, einm Wahlaufruf unterstützte, wiewol dieser die Negierung und die Armee verunglimpfte. Er bedauert, dass das Strafgesetz keine Handhabe zu einem strengeren Vorgehen gegen Ahlwardt biete. Der Verweis gegen den Landrath sei veröffentlicht worden, damit nicht die Meinung aufkomme, dass die Regierung im Stillen die Agitation für Ahlwardt billige. — Hobrecht (national-liberal) sagte: Ich erkläre namens meiner Freunde die volle Zustimmung zu dm Aeußerungen des Ministerpräsidenten. Ahlwardt ist der Vertreter des jetzigm Anttsemitismus, der nicht verdient, mit irgend einer anderm Pattei auf gleichem Fuß gestellt zu werden. Der Antisemitismus appellirt au die niedrigsten Jnstincte. Seine Wirkung ist gleich depravirend aus die Verfolger, wie auf die Verfolgten, und schließlich müssen nur rohe Excesse daraus entstehen. Der erste veröffentlichte Entwurf des conservativen Programms enthielt einen Satz gegen die Ausschreitungen des Antisemitismus, der daun gestrichen wurde, angeblich, weil die conservative Partei demagogischer Vorgehen müsse. Das hat eine große und traurige Bedeutung. Die Conservativen haben sich damit von denen geschieden, die, wie auch wir, die verfassungsmäßigen Rechte aller Staatsbürger schützen wollen. Der Antisemitismus, der sogar den Blutaberglauben und gefälschte Talmud-Auszüge als Agitationsmittel benützt, steht auf einer Höhe mit der Christenhetze in China, wobei den Christen allerlei Scheußlichkeiten angedichtet werden. Der Redner tadelt, dass der Staatsanwalt und der Ober-Staatsanwalt Professor Strack's Klage-Antrag gegen die gefälschten Talmud-Auszüge ablehnten. Der Antisemitismus sei nicht edel, nicht deutsch, nicht christlich. Die Juden haben sich dem Geiste des deutschen Volkes eng angeschlossen, wie es in keinem anderen Falle geschehen ist. (Höhnischer Zwischenruf der Conservativen.) Hobrecht gibt zu, dass eine gewisse Abneigung gegen die Juden, von der er persönlich völlig frei sei, sich in allen Parteien geltend mache. Aber es sei ungerecht, eine Abneigung, die sich auf gewisse unangenehme Eigenschaften einzelner Personen beziehe, auf die ganze Rare zu übertragen. Diese Ab- Neigung müsse eben von gebildeten Menschen überwunden werden. Nickert verurtheilte scharf die conservativ-antisemitische Hetze bei der Arnswalder Wahl und provocirte die Conservativen, geradeheraus zu erklären, ob sie die Verfassung zu Ungunsten der Juden ändern wollten. (Die Conservativen schwiegen.) Er erwartet, der Minister werde das staatsgefährliche Treiben des demagogischen Antisemitismus mißbilligen. — Freiherr von Minnigerode (conservativ) - bestreitet, dass der Antisemitismus eine fest organisirte Partei sei. Die Conservativen verwerfen die antisemitischen Ausschreitung^n wie jede andere; darum wurde der betreffende Programmsatz gestrichen. Auch wollen Sie das Judenthum nicht als Religion verunglimpfen. Wenn sie eine christliche Obrigkeit verlangen, so wisse Jeder, was darunter zu verstehen sei. Auf eine Definition dieses Begriffes und die Frage der Verfassungsänderung einzugehen, vermied der Redner. — Nickert findet darin seine Behauptungen bestätigt, Minnigrode's Forderung einer christlichen Obrigkeit wolle den Ausschluss der Juden von allen Aemtern und sei gleichbedeutend mit der Aufhebung der Verfassung. Damit gehen die Conservativen über die Ideen ihres Vorkämpfers, des getauften Juden Stahl, hinaus. Stöcker hält hierauf eine seiner gehässigsten Hetzreden. Er vertheidigt Stahl als ״ehrlich getauften" Juden. Die Wirkungen der Juden-Emanciparion seien erst nach Stahl's Tode hervorgetreten. Stöcker sucht die Juden als Zwittervolk hinzustellen, die einerseits Deutsche, andererseits Juden sein wollen, und entwirft ein Schreckensbild von der angeblichen jüdischen Uebermacht durch Geld und ״scheidewasserähnlichen Verstand". Er exemplificirt auf Vorgänge in Frankreich und Oesterreich. Ahlwardt sei unbesonnen vorgegangen, aber dass er doch eine der populärsten Persönlichkeiten in Deutschland sei, beweise, dass es sich um eine tiefgehende nationale Bewegung handle. Dieselbe sei deutsch, edel und christlich. (Beifall rechts. Zischen links.) — Alexander Meyer (freisinnig) sagte: Stöcker beantwortet Hobrecht's Frage nicht, ob es recht sei, Fehler des Individuums dem Collectivum zur Last zu legen. Der Talmud, gegen den Stöcker abermals losgezogen, sei ein Sammelwerk. Die Juden danach zu beurtheilen, sei dasselbe, wie deu heutigen Katholicismus nach jesnitischen Schriftstellern von vor zweihundert Jahren beurtheilen. Im rechtschaffenen Kampfe um den Erwerb solle die germanische Oiace ihre Kraft bewähren; gegen Unrecht schütze das Strafgesetz. Ahlwardt habe bereits dem Berliner Magistrat zu schaffen und sei, wegen Unterschlagung angeklagt, nur sehr nothdürftig freigesprochen worden. Er sei unermesslich leichtfertig und wenig gewissenhaft. Ahlwardt's Popularität beweise nur, lass im Wandel der Zeiten das Volk sich leichtgläubig auf Seite eines Mannes gestellt habe, der keinen Glauben verdiene. — Nickert kennzeichnete abermals Stöcker's fanatische Kampfweife. Stöcker kenne nur den jüdischen Wucher, während Rußland und Spanien von christlichen Wucherern ausgesogen werden. Warum schweige Stöcker von den antisemitischen