Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 4 (1.2.1893)
- Date
- 1893-02-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 4 Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitrmg. Seite 3. Vereinsvorstand jederzeit bereit ist, als Wächter und Schützer der Interessen des Cantorenstandes für das allgemeine Wohl mannhaft einzutreten und allen von Seiten der Mitglieder in dieser Richtung gegebenen Anregungen gerne Nachkommen wird. Den Lohn für unsere Thätigkeit wollen wir darin suchen, von Jahr zu Jahr auf immer größere Erfolge Hinweisen zu können und in diesem Bewusstsein wird uns kein Opfer zu groß sein, um es auf den Altar der gemeinsamen collegialen Wirksamkeit niederzulegen. Der Vorstand des öfterr.-mrgar. Cantoren-Vereins. Uachmanides und der Talmud. Von Dr. M. H. Friedländer. Bekanntlich bildete das Studium des Talmud im Mittelalter den einzigen Lebensanker, der das Judenthum vor völligem Untergange gerettet hat. Während draußen der wüthende, racheschnaubende, von unversöhnlichem Hasse erfüllte Feind alle erdenklichen Torturen und Folterqualen ersonnen, um das schwache, wehrlose Israel vernichten, den Stamm Juda entwurzeln zu können, herrschte iin Innern der jüdischen Lehrhäuser ein reges, bewegtes Leben. Mit einem Feuereifer sondergleichen durchsegelten die Talmudbeflissenen das unermesslich große und tiefe Meer des Talmud und fühlten sich überglücklich, wenn sie hier ungestört sich der Durchforschung talmudischer Materien hingeben konnten, obgleich ihnen draußen der Kampf ums Dasein so viel als möglich erschwert wurde. Das Wort der heiligen Schrift: ״Du sollst dich mit dem Studium der Gotteslehre Tag und Nacht beschäftigen", stand mit feurigen Zügen vor ihrer Seele; sie benützten daher ihr Talent ausschließlich zu gottesfürchtigen Zwecken. Allein die erbitterten, blutdürstigen Feinde, die zumeist aus Renegaten bestanden, gönnten ihnen gar oft auch diese innere Ruhe nicht und suchten ihnen auch diese ׳einzige Freude zu verbittern, zu vergällen, indem sie den Talmud verdächtigten und verfolgten. Der Talmud, der zahlreiche, schöne, erhabene und menschenbeglückende, Liebe, Freiheit und Humanität fordernde Lehren enthält, der keinen würdigen, sittlich reinen Menschen, möge er welchem Glauben immer angehören, von der Seligkeit ausschließt, der in Bezug der Nächstenliebe und Menschenfreundlichkeit keinen confessionellen Unterschied kennt, wurde zumeist von sittlich verkommenen Neophiten als ein Irrlehren verbreitendes, das Christenthum schmähendes Werk gebrandmarkt und so der Verfolgung preisgegeben. Die erste Talmudversolgung fand im dreizehnten Jahrhundert in Frankreich unter der Negierung des schwachköpfigen, von Geistlichen beherrschten und beeinflussten Ludwig IX. statt. Im Jahre 1236 trat ein talmudkundiger Jude, Namens Nikolaus Donin, der seiner skeptischen Ansichten wegen von den Rabbiner! in den Bann gethan wurde, zum Christenthume über. Sein erstes Werk, das er nach der Taufe unternommen, war ein Act der Rache. Er schrieb nämlich an Papst Gregor IX., dass der Talmud, der gleichsam das Lebenselement des geistigen Judenthums bildet, Schmähungen gegen das Christenthum enthalte und die Worte der heiligen Schrift verdrehe, daher man ihn confisciren möge. In Folge dieser lügenhaften Denunciation schrieb der Papst an die Kirchenfürsten von Frankreich, England und Spa« nien, man möge am ersten Sabbath der Fastenzeit sämmtliche Talmudexemplare consisciren und sie den Dominikanern und Franziskanern übergeben. Ebenso forderte er die Könige dieser Länder auf, den Geistlichen die diesbezügliche Unterstützung nicht versagen zu wollen. Nirgends ist man dem Verlangen des Papstes bereitwilliger entgegengekommen - als in Frankreich, wo der schwachsinnige un d bigotte Ludwig IX. regierte. Hier wurde der Talmud von einem Censoren-Tribunal zum Feuertode verurtheilt. Bevor jedoch das Urtheil vollzogen wurde, gelang es den Juden, einen Bischof, der sich der Gunst des Königs in besonders hohem Maße zu erfreuen hatte, für ihre Sache zu gewinnen, und in Folge seiner Jntervention beim König wurde das Urtheil cassirt und der Auftrag ertheilt, die bereits confiscirten Talmudexemplare den Eigenthümern wieder zurückzustellen. Die französischen Juden jubelten und frohlockten ob des errungenen Sieges und feierten den Tag, an welchem der Talmud vom Feuertode gerettet wurde, auf die sollennste Weise. Allein diese Freude wurde ihnen bald verbittert. Jener Bischof, der es beim Könige durchgesetzt, dass das von dem Cenforen- Tribunale über den Talmud gefällte Todesurtheil cassirt werde, starb zufällig eines plötzlichen Todes in Gegenwart des Königs. Dieses Ereignis benützten die Judenfeinde dazu, um den schwachköpsigen, unselbstständigen, äußeren Einflüsterungen leicht zugänglichen Känig umzustimmen, indem sie Vorgaben, dass der plötzliche Tod jenes Bischofs als nichts anderes als eine göttliche Strafe betrachtet werden müsse, weil er sich durch seine Verwendüng für den Talmud schwer versündigt hätte. Der König sah sich in Folge dessen veranlasst, eine neue Commissiou zu ernennen und veranstaltete eine Disputation zwischen dem Apostaten Nikolaus und den französischen Nabbinm: N. Jechiel aus Paris, N. Moses aus Concij, R. Jehuda b. David aus Melun und N. Samuel b. Salomo aus Chateau-Thierry. R. Jechiel, der sich durch sein glänzendes Rednertalent auszeichnete, wurde von seinen drei College» zum Sprecher ernannt. Die Disputation fand am 24. Juni 1240 am königlichen Hofe in Gegenwart der Königin-Mutter Blanche statt. R. Jechiel vertheidigte trefflich den Talmud und suchte all die von Nikolaus vorgebrachten Anklagepunkte durch entsprechende Belege zu entkräften und nachzuweisen, dass Nikolaus nur aus Rache gegen seine früheren Glaubensgenossen, die ihn verachten, es unternommen habe, den Talmud, den die Juden Hochhalten und verehren, zu verdächtigen und durch lügenhafte Verleumdnngen zu mißcreditiren. Hätte der Talmud das Christenthum und dessen Stifter gelästert und geschmäht, wie Nikolausvorgibt, so würde der Kirchenvater Hieronymus und andere Kirchenlehrer, die den Talmud kannten, es gewiss nicht verschwiegen haben. Trotz dieser Vertheidigung wurde der Talmud von der Censoren-Commission zum Feuertode verurtheilt. Vollzogen jedoch wurde das Urtheil erst im Juni 1244. Vierundzwanzig Wagen voll von Talmuderemplaren und ähnlichen Schriften wurden an einem Freitage im Monat Tamus des erwähnten Jahres auf einem Platze in Paris verbrannt. Dieser schauerliche Act gab dem berühmten Gelehrten R. Meier in Rothenburg Veranlassung zur Abfassung eines tief ergreifenden Klageliedes ״Schaale Serufa", das heute noch am 0. Ab in Israels Bethäusern angestimmt wird. (Schluss folgt.) Das Moschol. Nach seiner Bedeutung und Anwendung in biblischen und nachbiblischen Schriften. XXX. (Fortsetzung.) Der Fuchs und der Storch. ״Wer seines Wirkens Pfad will eben finden, Muß nur mit Seinesgleichen sich verbinden." Zum Storch sprach der Fuchs zu einer Zeit — warum lebst du stets in Einsamkeit? — Komm, erquick dein Herz bei