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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1893-01-21 · Heft 3 (21.1.1893) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 3 (21.1.1893)
Date
1893-01-21
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 8 Herren aufzulehnen. An der Stelle der revolutionären, kühnen Gesinnungen und Pläne trat jetzt im Allgemeinen die große Trauer um den Verlust der Unabhängigkeit in den Vordergrund, die Gemüther waren düster und traurig gestimmt, und in jedem Schritte ihres Lebens waren Zeichen der Trauer tief eingegraben. Baute Jemand ein Haus, weihte er es mit Trauer ein, Zion gedenkend; am Sabbat, Neumond und Festtag mengten sich in die Gefühle der Freude die der Trauer und der Wehmuth ob des Verlustes 'staatlicher Selbstständigkeit. Giengen sie in das feindliche Leben hinaus, um ihre Geschäfte mit den Andersgläubigen abzuzuwickeln, wich die düstere, gedrückte Stimmung nicht aus ihren Gemüthern; denn wohin sie sich wandten, überall begegnete man ihnen mit Spott, Hohn und Lieblosigkeit, da sie der Bürgerrechte und vieler Freiheiten verlustig wurden, seitdem sie aus dem Staatswagen fielen. In Anbetracht dieser Umstände ward stets in ihrem Herzen der Wunsch lebendig, und sie machten demselben auch immer in ihren Gebeten Luft, dass der Allvater sie die Erbauung Jerusalems und des Heiligthums erleben lassen möge. (Fortsetzung folgt.) Manalse den Israel. Von A. Stein, Wodnian. Im Jahre 1605 mussten in Portugal 150 Scheinchristen, die bereits längere Zeit im Kerker geschmachtet, in Büßerhemden beim Auto-da-fe erscheinen, wol aber nicht den Scheiterhaufen zu besteigen, da das Verbrennen einer solch großen Zahl von Marranen dem Regenten von Portugal selbst bedenklich schien. Der Zweck war nur, die Unglücklichen zur Bekenntnis ihrer Schuld zu nöthigen und sie dann dem bürgerlichen Tode zu weihen. Millionen sind dafür geopfert worden, um den Papst Clemens VIII. zu veranlassen, auf Grund der von den Päpsten Clemens Vll. und Paul III. den portugiesischen Marranen wiederholt ertheilten Absolution, die Begnadigung der .'ngckerkerten Scheinchristen in einer Bulle auszusprechen. Viele der in dieser Weise aus Kerkersnacht Befreiten eilten nach Amsterdam, um in diesem, für das Judenthum neu eröffneten Asyle die ihnen mit brutaler Gewalt aufgenöthigte Maske religiöser Heuchelei ungefährdet abwerfen zu können. Unter diesen befand sich auch der M-rrane Josef ben Israel. Dieser Mann musste wiederholt die Höllenpein der Inquisition empfinden. Mit zerrütteter Gesundheit und Verlust seines Vermögens verließ er Portugal. Er brachte mit sich nach Amsterdam blos sein Söhnchen Manasse, ein einjähriges Kind, dessen früherer christlicher Name nicht mehr bekannt ist. Manasse war gleichsam ein Kind der Amsterdamer Gemeinde, da nämlich sein Vater, der mit halb zermalmtem Körper von den Folterqualen der Inquisition und von allen Mitteln entblößt, nach Amsterdam gekommen war, für sein Söhnchen nicht sorgen konnte, nahm sich die Gemeinde des verlassenen Kindes an. In Bibel und Talmud wurde Manasse vom Rabbiner Jsak Usiel unterrichtet. Das begabte Kind verrieth alsbald ein sehr bedeutendes Sprachentalent. Außer der hebräischen, portugiesischen, holländischen und lateinischen Sprache eignete er sich noch weitere sechs Sprachen an. In allen diesen Sprachen konnte er sich mit Geläufigkeit in gehobenem Stile mündlich undschriftlich ausdrücken. Von der Natur mit einer Redegewandtheit begabt, widmete sich Manasse, ausgestattet mit den erforderlichen jüdischen Wissenschäften, dem Predigerfache. Seite v. Schon im Alter von 15 Jahren bestieg der feurige Jöfligling die Kanzel. Er wurde alsbald zum Mitglieds des Amsterdamer Rabbinates gewählt. Seme Collegen im Rabbinate waren Saul Morteira, Jsak Aboab und David Pedro. Mittlerweile bildeten sich auch in anderen Städten marranisch jüdische Gemeinden auf holländischem Boden. Rotterdam hatte alsbald eine namhafte marranisch-jüdische Gemeinde. Zwei reiche Brüder von frommer Gesinnung, Abraham und David Pinto, legten den Grund zu dieser neuen Gemeinde. Es wurde alsbald ein Lehrhaus errichtet, an dem Josiahu Pardo, ein Sohn des David Pardo und Schwiegersohn des Saul Morteira, beide Rabbinen zu Amsterdam, als Chacham und Leiter wirkte. Auch in Hamburg bildete sich kurz darauf eine portugiesisch-jüdische Gemeinde, obgleich es viele Anstrengungen kostete, die Vorurtheile der deutschen Bevölkerung gegen die Juden zu besiegen. Aber eine Zufluchtsstätte von großer Bedeutung schien sich den Juden zu Beginne der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zu öffnen. England, aus dem die Juden seit mehr als vierthalb Jahrhunderten — 1296 — verbannt waren, ließ unter dem muthigen, kraftvollen Protector Cromvell einige Juden einziehen, wenn gleichsam nur durch eine — Hinterthüre. Aber auch diese bescheidene Concession machte viel von sich reden, man erblickte darin einen Triumph für das Judenthum. Die Juden Amsterdams und Hamburgs blickten sehnsuchtsvoll nach diesem Lande, mit dem sie schon früher auch in lebhafter geschäft licher Verbindung gestanden hatten. Doch die englische Episkopal kirche war noch unduldsamer, als der von ihr verfolgte Katholizismns״ Auch die Bevölkerung Englands war voll Antipalhie gegen die Juden, welche sie schon seit Jahrhunderten nicht gesehen hätte. Wer sollte es nun unternehmen, die Vorurtheile der Landeskirche und der Bevölkerung in England gegen die Juden zu bannen? Kein Mann von hoher socialer Stellung, von großem Reichthume tmb von persönlichem Einflüsse unterzog sich dieser schwierigen Aufgabe. Ein armer Rabbiner und Prediger des Nabbinercollegiums zu Amsterdam. Manasse ben Israel fühlte in sich die hehre Mission, nahm den schwierigen Kampf auf, ein Mann, der keine andere Waffe besaß, als die Begeisterung für das Wohl seiner Stammesbrüder und eine große Rede- und Schreibegewavdtheic. ׳ Und in oer That war kaum Jemand zu jener Zeit zur Jnitiirnng dieser großartigen Action geeigneter, als eben dieser Prediger. Von freundlicher GemüthSstimmung und gewinnendem Benehmen, galt Manasse als Gelehrter ersten Ranges auch in nichtjüdischen Kreisen. Glücklicherweise befassten sich eben zu jener Zeit christliche Gelehrte sehr eifrig mit der jüdischen Litteratur. Johannes Buxtorf, der ältere, in Basel — geb. 1564 gest. 1689 — hatte es in der Kenntnis des Hebräischen und Nabbinischen zu einer Art Meisterschaft gebracht. Er führte mit jüdischen Gelehrten in Amsterdam, Deutschland und der Türkei eine lebhafte Correspondenz in hebräischer Sprache und war überhaupt bestrebt, das jüdische Schriftthum auch möglichst großen nichtjüdischen Kreisen zugänglich zu machen. Anna Maria Schürman aus Utrecht, das Wundermädchen, das fast alle europäischen Sprachen und ihre Literatur kannte, correspondirte in hebräischer Sprache nicht blos mit Gelehrten, sondern auch mit einer englischen Dame Dorothea Moore. Anna Maria Schürman zitirte Naschi und Jbn Esra mit einer Sicherheit, die von gründlicher Vertrautheit mit diesen Eommentaren zeugt. Auch die Königin Christine von Schweden, die bekanntlich zu Gunsten der Juden Wiens einschritt, befasste sich recht Vesterrerchifch-ungarifche Lantoren-Zeitüng.

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