Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1893)
- Date
- 1893-01-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3 Desterreichisch-ungarische Lantorm-Aeitung. Seite 3. auch nur im mindesten aufrecht gehalten wird, dann würde es sich überzeugen, dass nur der Reiz der Neuheit es war, welcher die großen und kleinen Kinder momentan und einstweilen von ihren Spielen ablenkte und zum Schweigen brachte; so aber dieser Reiz vorüber war, ist Alles wieder zum Alten zurückgekehrt. Kommt ein schöner Leierkasten ins Qertlein hinein, so steht man die ganze Straßenjugend ihm nachlaufen; sie verhält sich anfangs ganz still und ruhig und scheint dabei dem Spiele andächtig zu lauschen. Ist sie ihm aber genug nachgelausen und des Spieles satt geworden, dann geht der Spektakel und das Gejohle unter den Kindern erst recht los, und mancher Bursche wagt es sogar, dem Leiermann verstohlen ein Steinchen nachzuwerfen. Ebenso geht es mit der Orgel oder dem Harmonium in der Synagoge. Anfangs ist alle Welt entzückt und voller Gottseligkeit über die schöne und erhebende ״Andacht" in der Synagoge bei Orgelbegleitung; vergeht aber einige Zeit und ist der erste Rausch vorbei, dann kümmert sich kein Mensch mehr um die ״Reform" und die Synagoge bleibt meistens leer. Die paar Besucher, die^man dort noch vereinzelt antrifft, haben dann die beste Gelegenheit, sich beim Orgelspiel nach Herzenslust zu unterhalten. So machen es die Kinder mit den schönen Glasscherben: wenn sie genug mit ihnen gespielt haben und ihrer satt geworden sind, schmeißen sie sie fort, ohne sie mehr zu beachten. Und wenn erst die Kinder ihre Gebete aus den Notenblättern erlernen sollen, wie traurig muß es dann um solche Gebete stehen und wie bedauernswerth schaut es um die Zukunft einer solchen Gemeinde aus. Wir bedanken uns verkindlichst für eine solche Perspective, und wenn sie noch so verlockend zu sein scheint. Das redselige Harmonium fährt in seinem Wortschwall weiter fort: ״Wenn somit die Orgel positive Vortheile bringt, so ist doch der Streit, ob die alten Juden die Orgel besaßen oder nicht, überflüssig. Die alten Juden sind längst todt, und ob im jüdischen Gotteshause heute die Orgel am Platze ist, darüber entscheidet doch einzig der gute Geschmack." Die alten Juden sind wol alle ausgestorben, und auch die neuen werden nicht ewig leben, aber das Judenthum ist beständig und unvergänglich, und dieses richtet sich nur nach seinen eigenen Grundsätzen und in Allem hauptsächlich auf Selbständigkeit und Selbstbewusstsein haltend, ist und bleibt es unabhängig vom jeweiligen ״guten Geschmacke". Der derzeitige sogenannte gute Geschmack macht z. B. keinen Unterschied mehr zwischen erlaubter und verbotener Küche, zwischen jüdischer und gemischter Ehe, zwischen wahrem, gründlichem Wissen und oberflächlicher, mit Maülheldenthum gefärbter Bildung; wo käme aber das Judenthum dabei hin? Seine unergründliche Wissenschaft, seine ausgebreitete Litteratur, seine altehrwürdigen Traditionen, seine schönen Lehren und Sitten für Familie und Leben, wo kämen alle diese hin und was würde von ihnen übrig bleiben, wenn wir alle Fesseln des nationalen Bewusstseins abstreifen möchten und dem heutigen guten Geschmacke nachgiengen? Was daher andere für ״guten Geschmack" ausgeben, betrachten wir eben als blinde Gier und krankhafte Lüsternheit. Die hierauf folgende Nutzanwendung des übrigens sehr wahren Ausspruches eines Musiktheoretikers der Gegenwart auf unseren Gegenstand ist lächerlich und nicht der Erwähnung werth. In Einem aber gibt mir das Harmonium Recht, und das ist, in meinem Einspruch gegen die widernatürliche Anstellung christlicher Organisten. Aus seiner reichen Praxis führt das Harmvnium noch mehr triftige Gründe dagegen auf und zeigt, zu welchen Unebenheiten und Störungen im Gottesdienste diese Un- Vernunft führt. Der Organist ist mit der Liturgie nicht bekannt und weiß daher oft nicht, wo er rechtzeitig einfallm soll und was er zu spielen hat. So war ich selbst in einer sehr bedeutenden Synagoge zugegen, als der Organist bei der Mussaph keduacho gar nicht das spielte, was zur Begleitung derselben gehörte. Man kann sich nun die Verwirrung und Verlegenheit sowol seitens des Chores wie des Organisten denken. Keiner von beiden wollte nachgeben und sich vor der Gemeinde blosstellen, und so machten sie bis zu Ende weiter fort. Ich hörte aber in meiner Nähe so etwas wie ״Schafskopf" lispeln und wusste nicht, ob es sich auf den Chordirigenten oder auf den Organisten bezog. Der Organist ist in der Regel Regenschori der Kirche, und wenn es sich ereignet, dass die israelitischen mit den christttchen Festen zusammenfallen, so muß natürlicherweise der jüdische Gottesdienst dem christlichen weichen, und dann ist die Gemeinde in derselben unangenehmen Lage, als ob ihr zu Sukkos der Eßrog fehlte. Des ״Obercantor" ist dann das ״Kapporo-Hühnchen" und muß dafür büßen, dass er diese Neuerung angeregt und protegirt hatte. Das Harmonium begreift es durchaus nicht, wie ich den Passus aussprechen konnte: ״Warum sorgen wir nicht dafür, eigene, aus unserem Volke selbst hervorgehende, tüchtige Organisten zu erhalten." Es hält dagegen: ״Um Organist zu sein, muß man jahrelange ernste Studien hinter sich haben, und meines Wissens ist die Stellung eines Gemeindefunctionärs überhaupt keine allzu verlockende." Wenige derselbm haben den Beruf ״von Picke auf" erwählt. ״Und nun soll Jemand Musik studiren, um sodann für 200 fl. jährlicher Remuneration Sklave der Gemeinde, des artigen Chores und schließlich des ״musikalisch gebildeten" Herrn Obercantors zu sein." ״Dazu kommt noch der Umstand der christlichen ״Autorität"; der tüchtige christliche Organist ist auf seiner Orgelbank Souverän, wogegen der Jude bei aller Tüchtigkeit stets nur Diener vieler Herren bleibt." ״Der Christ darf sich so manches erlauben, was der Jude dem Juden nicht durchgehen lässt." Alles sehr richtig nnd wahr! Jndess fürs erste möchten wir einmal sehen, was wir von einem Menschen halten würden, dem die Mittel nicht ausreichen, seine Familie in Sammt und Seide zu kleiden und, anstatt ihr eine passende, seinen Dermögensverhättnißen angemessene Kleidung zu geben, sie immer in kostbarem, noblem Habit herumstolziren lässt, welches er sich im Verleihegefchäft für ein geringes Geld zu jeder Zeit zu verschaffen weiß? Würden wir einen solchen, seinen Stand und seine Verhältniße nicht beachtenden Menschen nicht verachtungswerth finden? So auch hier! Wenn eben die jüdischen Gemeinden nicht im Stande sind, eigene tüchtige Kräfte für ihren Bedarf im Gottesdienste zu erzielen — und viel ausgeben für diesen ״Krempel", dass es jüdische junge Leute anspomen und aneifern könnte, sich der Musik ganz zu widmen und sie als Beruf fürs Leben zu ergreifen, wollen sie auch nicht — wozu dann überhaupt die Orgel? Verstehen Sie nun, werthes Harmonium! Das ist der eigentliche Stnn und die gesunde Logik jener von mir ausgesprochenen Meinung. Aber nein, wir Juden möchten in unserer Synazöge alles aufs Schönste und Beste haben, damit wir ja nur in keiner Weise vor Anderen zurückstehen, nur darf eS uns nicht persönlich berühren und nicht viel kosten. Wir wollen zwar zum ״Lobe Gottes" einen leidlichen Chor und eine recht schöne Orgel in der Synagoge, aber es fällt uns nicht im Traume ein, unsere Kinder deshalb Musik und Gesang erlernen zu lassen, oder uns selbst damit zu beschäftigen. O nein, gewiss nicht! ״Nicht einmal Chasan darf mein Sohn werden", hört man überall sagm. Wozu