Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1893)
- Date
- 1893-01-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Oesterreichisch-ungarische Lüntoren-Zeitung. senden. Und für unsere Frauen ist er eine Mythe nur. Was scheert mich die Moral des Talmud, sie mag gut oder schlecht sein (ich weiß aus eigener Kenntnis, dass sie gut ist), für mich ist er, wie für die meisten von Euch kein bindendes Buch. Beherrscht unser Handeln denn ein anderes Gesetz, eine andere Ethik als unsere christlichen Mitbürger? Ist unsere Bildung eine andere? Habt Ihr nicht Alle die großen Gedanken der nationalen Dichter inbrünstig in Euch aufgenommm? Ist Eure Sittenlehre nicht die nämliche, wie des andersgläubigen Nachbars? Warum in Feigheit den Vertheidiger eines veralteten Buches spielen, dessen Werth oder Unwerth in keiner Beziehung zu unseren Handlungen steht; warum nicht muthig bekennen, wir wissen nichts von diesem Buche; und wenn es einst der Sittencodex unserer Väter war, der unsere ist es nicht? Fürchtet Ihr das Geschrei der Dunkelmänner, die lieber ihren spitzsindigen Geist an einer veralteten Sophistik üben, als mit dem Strom modernen Denkens und Empsindens zu schwimmen? Fürchtet Ihr das Urtheil der blinden Minderheit, die sich durch verschimmelte Gesetze gebunden fühlt und sich von dem fruchtbringenden Zusammenleben mit einer aufgeklärten Gesammtheit abschließt, um nicht Speise und Trank mit ihr zu theilen?!... Der bessere Theil der deutschen Juden, dem es nur an einem Einigungsbande fehlt, hat nichts gemein mit jenen Zurückgebliebenen, die ihre Aufgabe in dem geeinigten Reich nicht begreifen wollen. Wer noch in seinem Gebete die alte Formel braucht: ״Im kommenden Jahre in Jerusalem" — ist der ein Staatsbürger? Wer diese Worte noch mit Inbrunst spricht, der gehe hin, wo sein Herz oder religiöse Schwärmerei ihn hinzieht; wer sie nur nachplappert, weil sie seit Jahrhunderten Geschlechter auf Geschlechter gesprochen haben, der ist ein Narr! Der bessere Theil der deutschen Judenhat nichts gemein mit der unreellen Schaar vaterlandsloser Geschäftsleute, die heute ihre Zelte auffchlagen, um sie morgen wieder abzubrechen, und nur auf den leichten, raschen Gewinn ausgehen — das fluchwürdige Erbe einer Zeit, da man ihre Ahnen ruhelos von Ort zu Ort hetzte. Der bessere Theil der deutschen Juden hat keine andere Gemeinschaft mit den Juden anderer Länder, als die des überkommenen Glaubens, wie auch der deutsche Katholik durch das Band der Kirche mit den Katholiken Frankreichs verbunden ist, und wie der deutsche Protestant mit dem Protestanten Schwedens in geistiger Verwandtschaft steht. Aber über dieser Glaubenseinheit und vor ihr steht uns, wie unseren katholischen und protestantischen Mitbürger, das theure Vaterland.. . Wir alle fühlen und wissen das. Aber es thut Noth, es öffentlich auszusprechen als das Bekenntnis. einer Gesammtheit, die sich eins suhlt, und sollte darum auch ein Bruch in die alte Gemeinschaft kommen. Wir müssen mit aller Kraft die Gleichberechtigung, die uns nur aus dem Papier gewährleistet ist, auch in der Praxis des Lebens erstreben, und wir müssen diese Gleichberechligung durch eine fortgesetzte Arbeit der Selbst-Erziehung verdienen.... Nur wenn wir an die Erziehungsarbeit der Schichten gehen werden, deren Lebensführung den berechtigten Tadel einsichtiger Beurtheiler herausfordert, werden wir das volle Vertrauen aller anständigen Bürger gewinnen. Die großen nachahmenswerthen Tugenden der Juden sind keineswegs auegestorben; aber sie leben ein ruhiges, stilles Leben im Innern der Mauern, wo das Auge des fremden Beobachters selten nur hindringt. Wer von jenen Gleichmütigen kennt die Zärtlichkeit, die Fürsorge, das innige Band der Geschwisterliebe, die vernünftige, nüchterne Lebensführung, die in Nr. 3. Tausenden von Judenfamilien das Erbe vortrefflicher Eltern ist? Wer von ihnen kennt die große Zahl der vortrefflichen Mädchen, die in ihrer Bescheidenheit nicht, wie ihre vergnügungstollen Mir- Menschen, in die Augen fallen, wer die strebsamen Jünglinge, die mit Heldenmuth gegen die Ungunst der Zeiten ringen, um sich für die höchsten Aufgaben des deutschen Staatsbürgers heranzubilden? Was der Gleichgiltige sieht, ist das Protzenthum übermüthiger Parvenüs, die geschmacklose Putzsucht ungebildeter Judenfrauen und die laute Vordringlichkeit des Ladenjünglings an öffentlichen Orten. Wer aber das Gute nicht sieht, urtheilt nur , nach dem Schlechten, das sich ihm täglich aufdrängt. Wir können ihm nicht die Möglichkeit verschaffen, gerecht zu urtheilen. Darum gebietet die Klugheit und die Sorge um das eigene Wohl, dass wir uns endlich aufraffen, um diesen Uebelständen abzuhelfen, die wir selbst schmerzlicher empfinden als unsere heuchlerischen Feinde. Wir müssen es diesen Elementen aus unserer Mitte zu fühlen geben, dass neben den ehrlosen Volksverführern sie die grösste Schuld an der Ausbreitung des Antisemitismus tragen. Wir müssen das genussgierige Protzenthum, die geschmacklose, aufdringliche Putzsucht unsere Verachtung empfinden lassen und den ungebildeten Frechling, der, wo er sich zeigt, der Gesammtheit Schaden bringt, von uns abschütteln. Wir müssen eine Vertretung, die unsere Zeit und unsere Stellung im Staate nicht versteht, durch eine andere ersetzen, die ans dem Geiste der gebildeten Mehrzahl heraus zu den Fragen der Gegenwart Stellung nimmt. Vor allem aber verschließen wir nicht die Augen vor den vorhandenen Schäden. Wirken wir dahin, sie zu mildern und zu tilgen und zeigen wir den Unverbesserlichen unzweideutig, dass wir sie verachten, dass wir sie hassen, mit einem ehrlicheren Hasse, als je ein Antisemit gehasst. V. 3. Zur Orgelfrage. (Fortsetzung.) Mit einmal unterbricht das Harmonium den Redefluss der Orgel und will uns durch eine pathetische Erzählung aus seinen Erlebnißen überzeugen, wie unentbehrlich die Orgel oder wenigstens, in Vertretung derselben, das Harmonium in unserem Gottesdienste ist und welchen handgreiflichen Nutzen sie uns bringen. Es beginnt: ״Wie es übrigens mit dem Gottesdienste ohne uns aussieht, davon kann ich ein Liedlein singen." ״Ehe nämlich unser Chor zurechtgedrillt war, wurde ich beim Gottesdienste nicht benützt." Während dieser Zeit lernte ich die Bedeutung der Redensart : ״Es geht hier zu wie in einer Judenschule!" vollinhaltlich verstehen. ״Einer trachtet dem Andern an Unanständigkeit den Rang abzulaufen." ״Es ist unbedingt mein Verdienst, dem Unfug die Spitze abgebrochen und Ruhe geschaffen zu haben." ״Auch auf die Kinder, die entweder gänzlich vom Gottesdienste weggeblieben waren, oder durch Unfug — getreu dem Beispiele der Eltern — störten, war fcie Neuerung von gutem Einflüsse." Sie lernten Anstand und Ruhe im Gotteshause und durch Betheiligung beim Chorgesang wol auch ihre Gebete lernen." Aus diesen selbstgefälligen Betrachtungen sieht man deutlich, wie unerfahren das Harmonium dcch sein muß, wenn es meint, von seiner nur dreijährigen Praxis — während dieser Zeit stand es noch dazu lange brach und müßig, und als es endlich zur Benützung kam, ist es bald defect und gebrechlich worden — auf das weitere Verhalten der Gemeinde für alle Zukunft schließen zu können. Wenn es nur jetzt wieder in dieselbe Synagoge eintreten und nachschauen wollte, ob die hochgerühmte Ruhe und Ordnung