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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1893-01-11 · Heft 2 (11.1.1893) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 2 (11.1.1893)
Date
1893-01-11
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 2 Gesterreichisch-ungarifche Lantoren-Ieitung. sie suchen ihn um der ewigen Seligkeit willen: die Mutter schlachtet ihre Kinder, der Bräutigam die Braut, um sie vor Abfall und Schande zu bewahrendem Verwundeter, der erfährt, dass er in bewusstlosem Zustande getauft worden sei, stürzt sich verzweifelt in den Rhein. In der äußersten Roth bleiben sie des Ritualgesetzes eingedenk: ehe sie sich tödten, untersuchen sie, ob das Messer keine Scharten habe, die es zu einer giltigen Schlachtung untauglich machen; finden sie es glatt und scharf, so ist ihr Gewissen beruhigt und freudig bringen sie sich Gott als Opfer dar. Man kann der Meinung sein, - dass dieser Menschen Hirn wunderliche Blasen warf, aber. man wird ihrer religiösen Diseiplin die Anerkennung nicht versagen, dass sie die schwersten Proben siegreich bestand. Die sich taufen ließen, kehrten meist, nachdem der Sturm vorübergebraust war, mit Erlaubnis der weltlichen und geistlichen Obrigkeit zum angestammten Glauben zurück. Es waren eben noch nicht die gebeugten, entwürdigten, demüthig schleichenden Juden der spätere.n Zeit, sondern ein kraftvolles Geschlecht, mit dem Schwerte vertraut, trotzig und entschlossen, wie ihre germanische Umgebung; schon ist das Geld ihre Waffe, aber noch ist .es nicht ihre einzige Waffe. Dabei finden wir einen Charakterzug bereits ausgeprägt, der sich leicht aus der Geschichte erklärt: das feste Zusammenhalten, das Eintreten Aller für Einen; es ist das notwendige Korrelat jener christlichen Auffassung, die für jede Ungebühr eines. Juden die Gesammtheit verantwortlich macht und die ganze Judenschaft aufs Rad flicht, wenn ein Wahnsinniger aus ihrer Mitte ein Christenmädchen ermordet. Die Gräuel, die da geschildert werden, sind nicht das Schlimmste, was die Juden zu erleiden hatten. Blutiger waren die Verfolgungen des 14. Jahrhunderts, verderblicher als alles Morden die gesetzliche Beschränkung und sociale Absonderung. Nur darf man mit den Menschen des Mittelalters nicht allzu streng ins Gericht gehen, die Gottes Willen zu thun glaubten, indem sie die Gebote ihrer Selbstsucht erfüllten, und ohne geschichtliche Erfahrung, Schritt für Schritt, einen Weg giengen, dessen Ende sie nicht absehen konnten. Wir, am Ende des 19. Jahrhunderts, kennen die Fehler der Vergangenheit, wir wissen, wohin sie mit ihrer Behandlung der Juden gelangt ist, unsere Büchereien sind voll von Werken über Volkswirthschaft und Gesellschaftslehre und dennoch — gedeiht der Antisemitismus. (Hoffentlich nicht mehr lange. Anm. der Red.) | Dewora Math. Kuho. £ Eine der hervorragendsten Familien der türkisch-israelitischen Gemeinde in Wien ist in tiefste Trauer gehüllt. Montag, den 2. d. M. ist die türkische Großhändlers-Wittwe, Frau Dewora Math. Russo, in hohem Alter nach kurzem Leiden in ein besseres Jenseits abberufen worden. Die Verblichene war eine edle und herzensgute Dame, die nicht vor der Oeffentlichkeit prunkend, sondern still und unbeachtet Gutes übte an Jedermann, der ihr edles Mitgefühl erweckte. Die Verehrung, welche die hochbetagte Frau in der Familie und in der ganzen türkischen Gemeinde genoß, wurde noch besonders gehoben durch die ausgezeichneten Vexdienste, die sich ihre beiden Söhne, Herr Marcus M. Russo, Präses dertürk.-sephard. Gemeinde, und Herr Licco M. R u s s o, Obmann der Chewra Kadischa und des Vereines Bikur Cholim, um die^Hebung und Förderung der Gemeinde und deren Seite Institutionen erworben haben. Ein Bruder der Verblichenen, Herr Jizchak Putsch! n, war der Begründer der sephardischen Ge meinde in Budapest. Das Leichenbegängnis fand Mittwoch, den 4. Jänner unter außerordentlicher Theilnahme statt. Im Trauerhause waren erschie neu: Se. Ercellenz der türkische Botschafter Zia Bey mit dem ersten Botschaftsrathe 1(ז asri Bey. Kammerrath L si U kauf und Vorsteher W a s s e r v o g e l von der Wiener Eultusgemeinde, Vorsteher Berger, die Repräsentanz der türkischen Gemeinde, bestehend aus den Herren Licco I. Adutt, G. H. Adutt, S. D. Asriel und N. Mazliach, und zahlreiche Mitglieder und Damen der türkischen Gemeinde. Unter tiefer Bewegung der Trauerversammlung stimmte Obercantor Bauer, unter Mitwirkung des Ehorpersonales, in wahrhaft ergreifender Weise die üblichen Trauerpfalmen an, worauf Chacham Papo und Schuldirector Groag, Erfterer in spaniolischer. Letzterer in deutscher Sprache mit beredten und gemüthvollen Worten die ausgezeichneten Tugenden der Heim ge gangenen priesen. Als der mit prachtvollen Kränzen bedeckte Sarg vom Katafalk gehoben wurde, schritt der türkische Botschafter, gefolgt von den Söhnen und Enkeln der Verblichenen, an der Spitze der Trauergäste, die im langen Wagenzuge die Leiche auf den Friedhof begleiteten. Dort angelangt, sprach Chacham Alkalay eine ergreisende Grabrede, worauf Frau Dewora Russo unter den üblichen rituellen Gesängen zur ewigen Ruhe bestattet wurde. Mögen die hochverehrten Söhne der Verblichenen, sowie die ganze trauernde Familie Trost und Linderung ihres Schmerzes finden in der auszeichnenden Theilnahme, die ihnen von Seite der türkischen Botschaft, sowie von Seiten der zahlreichen näher und ferner stehenden Kreise entgegengebracht wurde. ת׳ניצ׳ב׳ה Kleine Chronik. Wien. (Personalnachrichten.) Baron Wilhelm Königswarter, Sohn des Herrenhausmitgliedes Baron Moriz Königs- Wärter, hat sich mit Fräulein G o l d s m i t h aus London verlobt. — Am 8. d. M. hat in Kecskemet die Trauung des Frl. Irene Moor, Tochter des dortigen Obercantors Mor. Moor, mit Herrn Barna Jakob, hauptstädtischer Eommunallehrer und Professor an der Landes-Präparandie, stattgefunden. — Fräulein Johanna Schiller, Tochter des Eollegen Jsak Schiller, Cantor der Wiener Eultusgemeinde, hat sich mit dem Kaufmanne Herm Hugo Brüll in Wien verlobt. Wien. Der vor ungefähr einem Jahre zusammengetretene Ausschuss zur Beförderung der jüdischen Eolonisation, der sich unter dem Drucke der Judenverfolgungen in Rußland gebildet hatte, hat eben seinen ersten Jahresbericht veröffentlicht. Der Vorsitzende des Ausschusses, Herr Baron Hirsch, theilt das Ergebnis seiner Nachforschungen mit, dass die Argentinische 'Republik Bedingungen darbiete, welche das Gelingen des Unternehmens, die russischen Flüchtlinge von ihrer, durch Jahrhunderte lange Gewöhnung traditionell gewordenen Bethätigung im Handel zu entwöhnen und sie in Ackerbauer zu verwandeln, als gesichert erscheinen lassen. ' Der erste Schritt war freilich mit großen Schwierigkeiten verbunden, aber seitdem Oberst Albert G. Goldschmidt, in den das Comitä das vollkommenste Vertrauen setzt, die Leitung an Ort und Stelle übernommen, hofft man unter Benutzung der bisherigen Erfahrungen der Sache Herr werden zu können. Sämmtliche Colonien, die bisher angelegt, umfassen ein Gebiet von 300,000 Acres. Die Colonie Mauricio (72,5100 Acres) liegt in der Provinz Buenos-Ayres, Moisesville (251,000 Acres) in der Provinz Santa F6, und die übrigen, ein Areal von 232,000 Acres bedeckenden Colonien, in der Provinz Entre Nios. Sämmtliche Colonien haben ein gutes, klares, gesundes

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