Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1893)
- Date
- 1893-01-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/1304829-3453273-3453275--3633-3458009- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitunz. Nr. 2 eine geschickte Agitation die schlummernde Leidenschaft auf, so - schlugen sic wild um sich und dachten sich durch blutige Gewalt j von der Qual zu befreien. Für die deutschen Juden kamen böse Zeiten; zur gesetzlichen Einschränkung gesellte sich Mord und Brand. Am schlimmsten tobte die Verfolgung zur Zeit des schwarzen Todes, um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts, aber noch lange nachher kamen die Unglücklichen nicht zur Ruhe. Bald sollten sie ein Christenkind ermordet, bald Brunnen vergiftet, bald eine Hostie geschändet haben; der Hass ersann und glaubte die abenteuerlichsten Lügenmärchen, um das religiöse Gefühl zu erhitzen, denn die in ihrem tiefsten Innern wirthschaftliche Bewegung hieng sich gern das Gewand um, welches jeweils als das ehrwürdigste galt: damals das religiöse wie heute das nationale. Den Ausschreitungen einer sinnbethörten Volksmenge machte erst die ausgebildete Staatsgewalt der Neuzeit ein Ende, die einerseits durchgreifend genug war, um die Juden zur Erfüllung ihrer Gebote zu verhalten, andererseits so viel Macht besaß, dass sie ihre Schutzbefohlenen wenigstens vor roher Mißhandlung sichern konnte. Doch wmden Gesetzgebung und Verwaltung, so weit es sich um die Juden handelte, ganz im engherzigen Sinne des Kleinbürgerthums gehandhabt; man erschlug die Verhassten nicht mehr, aber man schnitt ihnen Erwerb und Ehre mit größerem Erfolge als früher ab; erst im 16. und 17. Jahrhundert verwirklichten sich die Herzenswünsche der mittelalterlichen Städter. Die Juden verarmten und verkamen; in der dumpfen Luft des Ghettos erstarrte der Geist, verkümmerte das Gemüth, der lebendige Wellenschlag der christtichen Culturwelt brach sich an ihrer starren Abgeschlossenheit, und wäre nicht der Glaube gewesen und die Liebe zur Familie, kein Lichtstrahl aus einer höheren Welt hätte ihr düsteres Dasein erleuchtet. Ihr Elend bannte Neid und Furcht; wenn der Pöbel sie verspottete, so betrachteten sie die Gebildeten mit jener mitleidigm Geringschätzung, die sich selbst in Goethes Aeußerungen deutlich verräth. Und wieder bewährte sich das alte Wort, dass vom Mitleid zur Liebe nur eine Schritt ist: in den vornehmen Geistern der Aufklärungszeit erwachte das Streben, diese vernachlässigte und herabgedrückte Schichte ihrer Mitmenschen wieder zu Feiheit und Würde zu erheben. Solchen Bemühungen gegenüber verhiell sich die große Menge gleichgiltig, weil sie weder die Beweggründe noch die Folgen einer Reform beurtheilen konnte; als Kaiser Josef das Toleranzpatent erließ, nahm man in Oesterreich die Duldung der Juden gleichmüthig hin, weil man sich von ihrer Seite keines ernsthaften Wettbewerbes versah, aber man murrte gegen die Entfesselung der geistigen und wirthschaftlichen Kräfte der Protestanten, die wegen ihrer höheren Bildung den Erbgesessenen als gefährlichere Nebenbuhler erschienen. Man sieht, es ist derselbe engherzige Krämergeist, der am Anfang und am Ende der Leidensgeschichte des Judenthums steht. Lange genug stemmte sich das Mißtrauen der christlichen Völker und Negierungen vereint mit dem zähen Sondergeist der Juden den Plänen Menschenfreundlicher Staatsmänner entgegen und nicht ohne heftige Kämpfe überwand der Geist des 19. Jahrhunderts das Beharrungsvermögen des Bestehenden. Das ist in flüchtigen Umrissen die Geschichte der deutschen Judenverfolgungen, wie sic sich nach dem heutigen Stande unserer Kenntnis dem Auge des Beobachters darstellt. Was Roscher mit seinem historischen Scharfblick wahrgenommen hat, dass nämlich die Lage der Juden in! früheren Mittelalter weit günstiger war, als in den späteren Jahrhunderten, dass die Ursache ihrer Herabdrückung in dem Aufblühen eines christlichen Handelsstandes lag, das ist ein dauernder Gewinn der Wissenschaft geblieben, den die neuere Forschung nur vertiefen und befestigen konnte. Doch bleibt noch viel zu thun übrig, wenn man die einzelnen Phasen dieser langen Entwicklung unterscheiden und Ursache und Wirkung kennen lernen will. Darum begrüßen wir mit Freuden das neue Quellenwerk, mit dem uns die historische Commission für Geschichte der Juden in Deutschland beschenkt, die ״Hebräischen Berichte über Judenverfolgungen während der Kreuzzüge", die von Neubauer und Stern herausgegeben, von Baer ins Deutsche übersetzt, von einem Hervorragengen Fachmanne wie Professor Harry-Breslau kritisch eingeleitet sind?) Diese fünf Berichte, von denen zwei bisher ungedruckt, die übrigen mangelhaft veröffentlicht׳ waren, erzählen von verschiedenen Verfolgungen, vornehmlich in Deutschland — französische Vorgänge werden mit geringerer Aufmerksamkeit behandelt, englische nur beiläufig berührt — zwischen denr Ende des 11. und dem Ende des 12. Jahrhunderts; besonders ausführliche Darstellung wird den blutigen Vorspielen der Kreuzzüge von 1096 und 1147 zutheil. Ihr Werth liegt nicht so sehr in der Vertretung des jüdischen Standpunktes gegenüber den zahlreichen christlichen Berichterstattern, denn sie verbreiten wenig Licht über die Stellung der Juden und über die verborgenen Gründe der Bewegung, als in der eingehenden und lebendigen Schilderung der Ereigniße, die wir von Qrt zu Qrt, ja fast von Person zu Person verfolgen können. Sie geben ein treues Bild der religiös tief erregten Zeit. Die Lebenslust der christlichen und jüdischen Gesellschaft ist von Gläubigkeit gesättigt und durchzuckt von Blitzen des Fanatismus. Die Einzelnen leben in gutem Einvernehmen, zuweilen in opferwilliger Freundschaft, aber die Neligionsgenossenschaft trennt ein unerbittlicher Hass. Unsere Berichte hängen Schmäh- und Fluchworte in hergebrachten formelhaften Wendungen an jeden - Namen, der den Christen etwas Heiliges bedeutet; es sind Ausdrücke so anstößiger Art, dass die Uebersetzer es vorzogen, sie nicht wiederzugeben. Steht ein König, ein Fürst oder Bischof den Juden bei, so erwirbt er sich dennoch nicht den Dank des Erzählers, dem er nur als ein Werkzug des allmächtigen Gottes gilt. So macht sich der Grimm der Unterdrückten, denen die That versagt ist, in Worten Lust, die kein Unberufener hört. Freilich ballen die Juden, wenn sie zum Aeußersten getrieben werden, die Faust nicht blos in der Tasche; es kommt vor, dass sie auf die Todesdrohungen der Feinde mit lauten Beschimpfungen des Christenthums und seines Stifters antworten. Von denselben Gefühlen sind die christlichen Angreifer beseelt: wenn sich in den Berichten über die Verfolgung von 1147 und deutlicher in der Schilderung des Kölner Auflaufes von 1171 wirthschaftliche Motive bemerkbar machen, so ist doch Alles auf den religiösen GrundtoN gestimmt, und vollends in der ersten Bewegung von 1096 scheint der Glaubenshass der Kreuzfahrer g<.gen die Nachkounnen der Mörder Christi die einzige treibende Kraft gewesen zu sein, die Juden, und Christen zum Bewusssein kam. Noch ist es vornehmlich der Pöbel, der sich an der Judenhetze betheiligt; der König, seine Beamten, die hohe Geistlichkeit, die vornehmen Städter treten für sie ein und thun mit wenigen Ausnahmen ihre Schuldigkeit, so lange sie nicht selbst ernstlich bedroht werden. Man lässt den Juden die Wahl zwischen Tod und Taufe, selten begnügt man sich mit ihrem Gelde. Die Unglücklichen, nicht »linder eifervoll als die Kreuzfahrer, bleiben ihrem Glauben treu und durchlaufen alle Stadien des Martyriums: sie lassen sich erschlagen, sie geben sich selbst den Tod, . *) ״Quellen zur Geschichte der Juden in Deutschland." II. Band. Berlin, Simon 1892.