Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1893)
- Date
- 1893-01-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/1304829-3453273-3453275--3632-3458008- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr-2 Vefierreichisch-rmgarische Cantoren-Aeiluny. Seite 3. So weit also sind alte Einwendungen und Ausstellungen vollständig bedeutungslos und verfließen in ein völliges Nichts; wir wollen nun Zusehen, wie es mit dem Weiteren seine Nichtigfeit hat. Die Orgel hält sich furchtbar darüber auf, dass ich behauptet habe, sie verdunkelt und erdrückt den Gesang, wenn sie sich allein ihm gegenüber befindet, während sie ihm beim Eintritte des Orchesters Stütze und Beistand leistet. Sie findet in diesen nieinen Worten eine ungeheure Jnconsequenz und stellt sie als eine ״jüdische Phrase" dar, welche eine Behauptung aufstellt, um sich schließlich selbst zu widersprechen. Sie sagt dann wörtlich weiter:. ״Einmal soll die Orgel die Gesangstimmen erdrücken, dann wieder sie unterstützen. Das geht denn doch über die Heimbürg, und Markt." Ich meinerseits sehe da nichts Widersprechendes. Wenn man sich einem überlegenen und lungenkräf- Ligen Gegner gegenüber sieht, der einen nicht zu Worte kommen lässt, und dann sich gegen einen noch stärkeren und überlauteren Gegner zu vertheidigen hat, dann möchte ich einmal sehen, wer nicht froh sein würde, wenn der erstere dem Bedrängten gegen den letzteren Succurs leisten und ihm mit seiner Beihilfe Gehör verschassen will. Das ist doch gewiss und ohne allen Zweifel, dass Gesang mit Orgel gegen das Orchester vereint, viel mehr ausrichten können, als es der Gesang für sich allein thun kann. Wo bleibt dann die ״jüdische Phrase"? Allein die sogenannte jüdische Phrase ist nur deshalb jüdisch, weil man sie eben nicht versteht oder nicht verstehen will. Deshalb aber braucht die Orgel noch nicht so sehr zu triumphiren und in dieser meiner Aeußerung einen Grund mehr für ihre Einführung in die Synagoge zu erblicken, indem sie mit recht gleißnerischer Sophistik folgendermaßen argunientirt: ״Denn, wenn sie, die Orgel, wie es im Aufsatze heißt, zur Unterstützung und Verstärkung der Chorstimmen diente, so wäre das ein Grund mehr, sie uns als Stütze der meist Primitiven Synagogenchöre an die Seite zu stellen. E^ wäre denn^ dass der Herr Verfasser gegen den Chorgesang im Tempel über- Haupt wäre." Die Orgel ist aber von sehr kurzem Gedächtnis, wenn sie so bald vergisst, dass ich die Unterstützung der Orgel beim Gesänge nur so weit anerkannt habe, als er nicht actionsfrei und selbstständig sein kann, wenn er nämlich mit einem Stärkeren und Mächtigeren als er in Concurrenz zu treten hat; so er aber sich selbst überlassen ist und sein eigener Herr sein darf, dann ist er sich selbst Macht und Stütze genug, um sich glänzend behaupten und seine Aufgabe würdig und kunstvoll lösen zu kennen. Jedes Hineindrängen einer fremden und allenfalls viel größeren Kraft ist dann mehr störend als förderlich, mehr schädlich als nützlich. Was das Armuthsbekenntnis der allgemeinen Primitivität der Synagogenchöre anbetrifft, habe ich meine diesbezügliche Betrachtung nur im Sinne der möglichst vollkommenen Kunstleistung angestellt und die Stümperhaftigkeit und Ungeschicklichkeit gar nicht in den Bereich meiner Erörterungen gezogen. Solche bedauerliche Zustände sind wahrlich nicht werth, dass man ein Wort über sie verliere, und ich zweifle sehr, ob selbst die Orgel da im Stande wäre, irgend etwas zur Besserung beizutragen und dem Uebel einigermaßen abzuhelfen. Damm ist es auch belang- und wirkungslos, mir auf den Zahn zu fühlen, ob ich überhaupt für den Chorgesang in der Synagoge wäre, indem ich laut vor aller Welt das Bekenntnis ablege: Nein! Gegen den Chorgesang in der Synagoge bin ich nicht. Im Gegentheil, ich bin ein begeisterter Verehrer desselben und bin selbst Verfasser vieler solcher Chorstücke. Nur nicht Synagogenchor unter allen Bedingungen und um jeden Preis; ich gehe nämlich vom Principe aus: Besser gar keiner, als ein schlechter Chor. Nun möchte ich aber das ״psychiatrische Concilium", an welches mich die Orgel in diesen! Falle verweist, einmal sehen, welches mich deshalb für nicht genug urtheilsfähig erklären würde. Auf das Gebiet der ״Oper" übergehend, fordert mich die Orgel feierlichst auf, meine Collegen darüber aufzuklären, in welcher Oper die Orgel im Opernchor mitwirkt, damit er eben durch das volle Orchester nicht gedämpft und verdunkelt erscheine. Ueber diesen Passus brauche ich meinen Collegen keine Aufklärung mehr zu geben, sie haben dieselbe bereits aus erster und bester Quelle erhalten, und zwar von keinem Geringeren, als von Herrn Prof. Josef Sulzer, Solospieler der k. k. Hofoper in Wien, der aus dem Gebiete der Oper ebenso einheimisch ist, wie bezüglich der Verwendung der Orgel. In seinem Artikel: ״Meyerbeers Ansichten über Synagogalmusik" (״Cant.-Ztg." Nr. 25, 1891) sagt Herr Sulzer wie folgt: ״Wenn wir also dennoch, und zwar gegen un sere Ueberzeugung, gelten lassen wollten, der Meister habe gegen die Orgel religiöse Bedenken gehegt, der Musiker in Meyerbeer hätte dieselben unbedingt zum Schweigen bringen müssen, schon durch die Erkenntnis des hohen Werthes, den die Orgel als Stütze des Chores besitzt." ״Unser Hofopernchor ist längst als ein vortrefflicher rühmlichst bekannt; dennoch wird er, wo dies auch nur halbwegs angeht durch die Orgel unterstützt." Die Orgel versichert ferner, ״dass ihr in der Oper die Stelle angewiesen wurde, um kirchliche Effecte zu erzielen, was vom Componisten eben zu diesem Zwecke und mit vollem Bewusstsein geschehen ist" — und Herr Professor Sulzer behauptet an angeführter Stelle gerade das Gegentheil und spricht sich ganz anders darüber aus, indem er mit klaren Worten sagt: ״Gerade Meyerbeer hat uns —seltsamer Weise in der Dom. "fzene des* ״Propheten" — bewiesen, dass der Orgelklang keines- Wegs an die Kirche erinnern muß, wie wohl dies an jener Stelle am Platze wäre." Sehen Sie denn, geschätzteste Frau Orgel, dass nicht alles richtig ist, was Sie zu Ihrem Preise und Ihrer Empfehlung vor bringen und verkünden, und dass selbst Ihre treuesten Gönner und wärmsten Vertheidiger in Manchem mit Ihnen nicht übereinstimmen. (Fortsetzung folgt.). Zur Geschichte der deutsche« Judenverfolgungen. Von F. Cormons. (Schluss.) So erhielt das Darlehensgeschäft für die Juden alle Reize und Vortheile des Monopols. Mit vollen! Eifer betraten sie die einzige Bahn, die sie zum Reichthum führen konnte; und da der Begriff des Wuchers als einer übermäßigen Zinsnahme noch nicht entwickelt war, sondem jeder Zinsgenuss den Christen als Wucher galt, so hielten umgekehrt die Juden jeden Wucher für berechtigten Zinsgenuss und beuteten ihre Schuldner rücksichtslos aus. Diese zerstörende Thätigkeit wurde ihnen mit bitterem Hasse vergölten, das gepeinigte Volk ahnte nicht, dass es durch seine eigene Gesetzgebung den Juden das Messer in die Hand drückte und sie zwang, es grausam zu gebrauchen. Schwer litt besonders der mittlere Bürgerstand und der kleine Handwerker; schien der Druck ihnen unerträglich, oder weckte ein zufälliges Ereignis, etwa die wirkliche oder vermeintliche Missethat eines Juden, ein Wunder,