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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1893-01-11 · Heft 2 (11.1.1893) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 2 (11.1.1893)
Date
1893-01-11
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Gesterretchisch-ungarrsche Lantoren-Aertung. Nr. 2. gemeinden die Erfüllung ihrer wichtigsten Aufgabe durch eine, wenn auch nur zeitliche Entfernung oder Abberufung ihres gottesdienstlichen Funktionärs unmöglich gemacht werden kann. Wäre bei uns die volle confessionelle Gleichberechtigung durchgeführi, so müssten die jüdischen Religionsdiener, .Rabbiner und Cantoren, dieselbe Ausnahmsstellung bei Erfüllung ihrer Militärpflicht innehaben, wie die Priester der christlichen Kirche; aber so weit versteigen sich unsere Aspirationen gar nicht, weil ihre Durchführung auf unüberwindliche Hinderniße stoßen würde. Unsere Wünsche bewegen sich nur in einem ganz bescheidenen Rahmen, der damit abgegrenzt wird, dass den jüdischen Neligionsdienern die Befreiung von den periodischen Waffenübungen zuerkannt werde, und insolange, in Ermanglung einer diesbezüglichen gesetzlichen Bestimmung, diesem Petitum nicht Folge gegeben werden kann, möge es der Cultusgemeinde anheimgestellt sein, dm Zeitpunkt zu bestimmen, in welchem die Einberufung des Functionars möglich erscheint, ohne dass hiedurch die Abhaltung des ^Gottesdienstes beeinträchtigt wird. Es ist nun Aufgabe des österreichisch-ungarischen Cantoren- Vereines, diese hiermit in Anregung gebrachte Frage bei den competmtm Behörden zu vertreten, aber wir rechnen hiebei auch aus die vollste Unterstützung der löblichen israelitischen Cultusgemeinden, da in diesem Punkte die Interessen des Cantorenstandes mit den ihrigen sich vollkommm decken. Zur Orgelfrage. ) (Fortsetzung.) Die Gelehrsamkeit der Orgel und ihre Belesenheit in den Kirchenvätern sind wahrhaft staunens- und bewundernswerth und ich erkmne dies auch in Demuth in vollstem Maße an, nur vermisse ich die dabei unmtbehrliche Ehrlichkeit und Wahrheitsliebe. Denn, wmn sie auch diese zu eigen hätte, so müsste sie, wenn auch kleinlaut, selbst gestehen, dass der Widerstand mancher Kirchenväter gegm die Einführung der Orgel in der Kirche aus keinem anderen Grunde mtstand, als nur — wegen ihrer damaligen noch sehr mangelhaften Beschaffenheit; sie war ihnm noch damals, des schreienden und schrillen Tones ihres erzenen עיין ערפי) י׳עי׳א׳) Pfeifenuurkes wegen, nicht gut genug dazu. So nannte noch Prätorius den Ton der alten Orgel zu Halberstadt nur ״gewaltiges Geschrei". Was soll also das gegen uns beweisen? Welchm Zusammehang ״Joel Döwid" mit der Orgelfrage hat, dass er ebenfalls bei dm Haaren ins Gespräch hineingezogen werden musste, ist mir völlig unverständlich. Es ist ja noch gar nicht ausgemacht, dass I. D., wmn er jetzt noch lebte, nicht ebmfalls den Orgelcultus getrieben und für die Orgel ebenso gut componirt hätte, wie so viele andere jüdische Chasonim es jetzt machm, die mit der Orgel gar niemals in Berührung kämm und dennoch ihre Compositionen mit ״Orgelbegleitung" versehen, noch dazu auf Gebetstücke, für welche die Orgel gerade so passt, wie die Faust auf das Auge. So hat z. B. erst kürzlich Einer gar ״Jom Kippur kotaun" durchwegs mit Orgelbegleitung componirt. Da drängt sich doch unwillkürlich die Frage auf: wie kommt ״Scham־" mit ״Chamaur" zusammen und ״Jom kippur kotauu" mit der Orgel? Eine Orgelsynagoge wird sich schwerlich um dm ״Jom kippur kotauu" irgendwie scheeren, und eine Synagoge, in der noch ״Jom kippur kotaun" abgehalten wird, *) Vom Verfasser der Artikelserie ״Zur Klärung der Frage der rradilioneUen Tonarten." Die Anonymität des Autors wird am Schlüsse vorliegender Arbeit gelüstet. (Die Redaktion.) kaum etwas von der Orgel vorpfeifen lassen; wozu also dieser Aufwand? Aber es klingt gar so wunderschön und hört sich so nobel an, wenn es heißen kann: ״mit Orgelbegleitung" (ob ״obligatorisch" oder ״ad libitum" ist dann gleichgiltig). Wer weiß nun, ob nicht auch ״Joel Dowid" ein freies Feld für sich gefunden hätte, um uns mit irgend einer extravaganten Orgelbegleitung zu beglücken, er hätte vielleicht das Nincha-Gebet oder ״Still Schemono essre" mit Orgelbegleitung verfasst. Durch die mit historischer Genauigkeit gegebene Versicherung der Orgel, dass man schon vor 350 Jahren so einsichtsvoll war, den Sängern zu gestatten, ihre Madrigale auf offener Bühne eigenhändig mit der Geige zu begleiten, ist es mir erst klar geworden, warum die Bänkelsänger sich auch noch jetzt mit der Guitarre selbst begleiten; das hat wirklich etwas für sich! Allein in der Synagoge gibt es weder Madrigale noch sonstige Gassen- Hauer zu singen, dagegen desto mehr heilige und durch ihr Alter ehrwürdige Lieder und Recitative, und da genügt vollständig ein schöner, ansprechender Solovortrag, abwechselnd mit Chorgesang-. Auf da- Gebiet ihrer mechanisch-technischen Auseinandersetzungen, in Darstellung des großen Fortschritts, welchen man in dev Vervollkommnung des Orgelbaues bisher gemacht, will und kann ich der Orgel nicht folgen, da ich ja gerne glaube, dass sie selber sich von innen und außen besser und gründlicher kennt als ich. Aber, wenn sie sich so sehr darüber moquirt, dass ich ihren Ton starr und unbiegsam genannt und inich deshalb verhöhnt und verspottet, weil ich es gewagt habe, ihre Wirksamkeit auf die Entfaltung in lang gehaltmen Accorden oder in den Figuralformen zu verweisen, will ich einen Anderen und Kundigeren für.mich sprechen lassen und das hier anführen, was einer der tüchtigsten Kenner des Orgelbaues und Orgelspiels darüber sagt. Herr O. W)angemann, Organist und Gesangslehrer in Demmin und gleichzeitig Lehrer der Orgelschule für Pommern, lässt sich über diesen Punkt in seinem lehrreichen Artikel ״Orgelstyl" (Mendels Musikal.-Convers-Lex. B. VII.) folgendermaßen vernehmen: ״Die Klarheit und Unbeugsamkeit des Orgeltones entspricht so recht der energischen Consequenz, mit welcher die kanonischen Formen und die strenge Fuge die eine Melodie, das eine Thema verfolgen." — ״Eine Liedermelodie mit solchen Nüanzen auszuführen, wie etwa die Singstimme oder die Blasinstrumente und selbst das Pianoforte es vermögen, ist die Orgel weniger im Stande, weil der Ton keiner wesentlichen Modifikation fähig ist; jene Veränderungen, welche durch Registerwechsel erzeugt werden, lassen sich nicht auf eine Melodie anwenden." — ״Wie weit das die neueren Versuche, ein ״Crescendo" hinzustellen, möglich machen, ist vorläufig noch nicht endgiltig festgestellt." — ״Diese Eigenthümlichkeit des Klanges weist dies Instrument daher direkt auf die Enfaltung entweder in lang gehaltenen Accorden, wie bei der Ausführung der homophonen Choräle zur Unterstützung des Gemeindegesanges, oder auf die Figuralformen hin." — ״Die Verschiedenheit der Register kommt hierbei wenig in Betracht; diese wird mehr durch ki rchliches Bedürfnis bedingt." Nun, große Königin, was sagst Du zu dieser Aussage und zu der Art und Weise, wie Dich dieser Dein treuester Freund und ergebenster Diener beurtheilt? Ist dieser ״Reporter" etwa auch so unerfahren und kenntnislos, wie Du es von mir behauptest, und hat auch er keine Idee von den Fortschritten der jetzigen Orgelbaukunst?

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