Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1893)
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Desterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Seite 5״ Derselbe Bischof Rüdiger von Speier, der den Juden im! Jahre 1084 ein eigenes von Mauern umgebenes Viertel anwies,! um sie gegen die Gewaltthaten der Menge zu schützen, konnte doch gleichzeitig den bekannten Satz aussprechen, er glaube die Ehre der Stadt Speier tausendfach zu mehren, wenn er nicht nur Christen, sondern auch Juden alldort zu wohnen verstatte, und trotz der blutigen Verfolgungen am Ende des elften Jahrhunderts saßen Juden im stolzen Gemeinderathe von Köln, wo der deutsche Handel seine üppigsten Blüthen trieb. Dieser Zustand war nicht lange aufrechtzuerhalten; ein kräftiges Volk von geringer Bildung hat über seine Leidenschaften nicht so viel Gewalt, dass es sie vom umfriedeten Bezirk des Rechtes fernzuhalten vermöchte; je höher die Erbitterung über die jüdischen Nebenbuhler im vordrängenden christlichen Bürgerthum anschwoll, desto weniger befriedigte die blos gewaltsame Lösung, desto dringender wurde das Verlangen nach einer Umgestaltung des öffentlichen Rechtes. Das deutsche Königthum, damals noch in männlicher Vollkraft, musste dem Wandel der Verhältniße Rechnung tragen. Der König, zu dessen heiligsten Pflichten die Erhaltung des Friedens und der öffentlichen Ordnung gehörte, von dem alles Stadt- und Marktrecht ausgieng, auf dessen Autorität von jeher die Rechtssicherheit der Juden beruhte, hatte dreifache Befugnis und dreifachen Anlass, mit mächtiger Hand den Streit zwischen Bürgern und Juden zu schlichten. Da die ordentliche Verwaltung versagte, das Gesetz ihr Leben und Eigenthum zu unsicher schützte, so stellte er sie unter seinen besonderen Frieden, und aus diesem besonderen Frieden entwickelte sich seit dem zwölften Jahrhundert die sogenannte Kammerknechtschaft, ein seltsames Verhältnis, das, ohne die persönliche Freiheit der Juden anzutasten, schließlich dahin führte, dass ihr Recht auf Wohnsitz von dem Gutdünken^des Herrschers abhieng. Die Befugnis, ״Juden zu halten", wurde ein Regal, das nur der Krone und den von ihr Beliehenen zustand, allein da der Befugnis nicht die Pflicht, Juden zn halten, gegenüberstand, so war der König jederzeit in der Lage, die Juden aus dem Reiche oder aus einem Theile des Reiches zu vertreiben. Es war nur eine logische Folge der Kammerknechtschaft, dass die Stände von Jnnerösterreich dem Kaiser Maximilian I. das Judenregal abkaufen und sämmtliche ״Dies hat man zu erwarten", sagte die Mutter mit von Thränen erstickter Stimme, ״wenn man deutsche Bücher liest und zu diesem alten Epicuräer ins Haus geht." ״Warum schweigst du ganz?" frug mich der Vater in aufgeregtem Tone. ״Dir scheint es ganz gut zu gefallen." Ich überlegte kurz und sagte meinem Vater, dass auch er derselben Meinung wäre, wenn er mit kaltem Blute überlegen wollte. Ist denn ein Prediger etwas so Unjüdisches, dass nur ein Epicuräer hiezu rathen muß? Sind nicht unsere größten und frommsten Rabbiner Prediger gewesen? Uebrigens werden nach dem neuen Gesetze alle Cultusbeamten einen Bildungsgrad besitzen müssen und so wird selbst das ״Rabbinerl" unseres Städtchens ein studirter Rabbiner sein müssen. Ich war müde und legte mich schlafen. Ueber Nacht schien mein Vater anderer Ansicht geworden zu sein, er suchte Reb Chajim auf, und beide conferirten sehr lange. Abends, als ich zurückblieb und mit Mali über einen Satz in den Volney'schen ״Ruinen" disputirte, sagte sie mir, dass ich in einigen Tagen wahrscheinlich das Bündel werde schnüren müssen. Ich sah sie hiebei an und sie schien sehr gerührt. ״Werden Sie diese trauten Stunden unseres Lesens und unserer Abendbeschästigungen vermissen, Mechali?" frug sie mich, aber in einem solchen Tone, dass ich nicht wusste, wie es um mich ist, ich stand auf, gieng aus sie zu und sah sie derartig an, dass sie meinem Blicke keinen Widerstand leisten konnte, und zwei brennende Lippen fühlte ich auf den meinigen. Juden aus dem Lande weisen konnten. In der Regel wurde jedoch diese Abhängigkeit nur benützt, um von den Schutzbedürftigen hohe Abgaben zu erpressen, so dass die Kanimerknechtschast für die Krone den Werth eines unbeschränkten Besteuerungsrechtes besaß. Von den deutschen Regierungen wurden denn auch die Juden vornehmlich unter den! Gesichtspunkte einer Einnahmsquelle betrachtet; man ließ ihnen manchen Unfug hingehen, um ihrer sinanziellen Leistungen nicht entrathen zn müssen; sie waren nach dem treffenden Worte eines geistreichen Geschichtsschreibers eine indirekte Steuer, die man den Unterthanen auserlegt. Als Gegenleistung erhielten sie jedoch keineswegs die Sicherstellung ihrer althergebrachten Rechte, obgleich noch Kaiser Friedrich II. ihnen den Waarenhandel ohne jede Beschränkung gewährleistete. Vielmehr geschah ihnen mancher Abbruch, denn das Königthum hatte nicht die Kraft zum dauernden Widerstande gegen den unablässigen Ansturm der Bürger, denen die fast schrankenlose Selbst- Verwaltung der wichtigeren Städte die Möglichkeit bot, die Juden allmälig so weit einzuengen, als es ihrem Ermessen und ihrem Vortheil entsprach. Das geschah im Verlause des 13. und 14. Jahrhunderts, nicht gleichzeitig im ganzen Reiche, sondern zuerst im Westen, zuletzt in den östlichen Ländern. Aber selbst Person und Vermögen vermochte jener theuer erkaufte königliche Schirm nicht immer zu bewahren, besonders seit die Macht und das Ansehen des Reichsoberhauptes im Sinken war; der Mangel eines stehenden Heeres verhinderte nur zu oft den König, auch wenn er von! besten Willen beseelt war, den Missethaten vorzubeugen, er konnte nichts thun, als das vollbrachte Unrecht strafen, und auch das nur, wenn Rücksichten der hohen Politik ihm nicht die Hände banden. Wie bezeichnend ist doch jene urkundliche Erklärung Kaiser Karls IV., einem seiner Fürsten jüdische Häuser in Nürnberg schenken zu wollen, die an die Krone heimfallen würden, wenn man ״demnächst in dieser Stadt die Juden erschlage!" Es ist, als mache sich die höchste Herrschergewalt der Christenheit selbst über ihre Ohnmacht lustig. Der Luxemburger sieht das kommende Unheil voraus, was allerdings nicht schwer war, da man im Sommer des Verhängnisvollen Jahres 1343 stand^und der schwarze Tod und die Juden- Der alte Reb Chajim, der im anderen Zimmer unser Gespräch gehört hatte und bei dieser Gelegenheit es so anstellen wollte, dass ich in seiner Gegenwart von Mali Abschied nehme, überraschte uns, als wir so standen. ״Aus Liebe hat Gott die Welt erschaffen und aus Liebe lässt er sie fortbestehen!" rief er aus". Wir wurden erschrocken, als wir die liebe Stimme des Alten hörten, ich sah beschämt zu ihm hinauf und erblickte zwei dicke Thränen auf seinen gebräunten Wangen. Zwei Wochen später sagte ich meinem Geburtsorte, allen Bekannten und Freunden ״Lebewohl". Meine Eltern, Reb Chajim und meine freudestrahlende Braut Malinka gaben mir bis zur Bahnstation, zwei Meilen weit von unserem Städtchen, das Geleite. — — — — — — — — — — — Sollte der liebe Leser in Rumänien reisen und in B .. . . geschäftlich zu thun haben, muß er nur den dortgen Stadtrabbiner aufsuchen. Das traute und gastfreundliche Heim wird ihn! sofort verrathen, dass hier noch ein echtes und unverfälschtes jüdisches Familienleben sich erhalten hat. Jeden Abend spielt die Tochter des dortigen Obercantor Klavier und der Vater singt ein schönes Schubert'sches Lied, wofür er reichen Applaus erntet, denn die Familien der Cultusbeamten sind dort inlim befreundet, die Frau Rabbiner und Frau Cantor sind die Seelen der Humanitären Vereine, und der Herr Rabbiner und Herr Cantor sind der Stolz der Stadt. Weiß der liebe Leser, wer der Herr Rabbiner und dessen Frau sind?-Unser Mechali und seine Mali. י