Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1893)
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/1304829-3453273-3453274--3624-3457999- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4. Mesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Nr. 1 habe, sondern auch ohne die geweihten Stätten bestehen und erhalten werden könne. Daher war ihr Sinnen und Trachten nur darauf gerichtet, den Balsam des Trostes in das Herz des entmutigten Volkes zu träufeln und dasselbelbe immer nach und nach für diese ihre Ideen zu erwärmen und zu begeistern. Einst gieng Rabbi Jochanan ben Sakkai mit seinem geliebten Schüler Rabbi Josua ben Chananjah, mit dessen Hilfe er zur Zeit der Belagerung aus Jerusalem entkam, und den er seit jener Zeit nie verließ, vor den Trümmern Jerusalems vorbei. Als Rabbi Josua dieser Ruinen ansichtig wurde, stöhnte und seufzte er über den Verlust so vieler Kleinodien und über die Verwüstung des Heiligthums, des Altars, des geweihten Ortes, wo die Sünden Israels Sühne erhielten. Da belehrte und tröstete ihn sein Lehrer und sprach: Es möge dir nicht leid sein wegen des Verlustes dieser Opferstätte, wir haben jetzt ein neues Heiligthum und einen neuen Opferaltar gewonnen, ich meine, eine neue Weise gefunden, uns unserer Sünden zu entledigen; diese besteht nicht darin, dass man etwa ein Rind schlachte und es auf dem Aktare Gott zu Ehren in Rauch aufgehen lasse, sondern die neue Opfer- Methode heißt jetzt: Wohlthätigkeit, Gutes üben, Noch lindem, Arme und Hilfsbedürftige kräftig unterstützen. Das ist das neue, darzubringende Opfer der Gegenwart und die neue Opferungs- Methode, die sich an keinen Ort und an keine Zeit bindet, sondem die überall und von jedem, obgleich nicht von aharonidischem, priesterlichem Geschlechte abstammend, dargebracht werden könne; denn der Ewige verlangt nur, dass Gnade und Gutes in der Menschheit geschehe, aber keine Thieropfer, die geschlachtet werden und auf den Altar von Aharons Epigonen dargebracht werden müssen. Die von unseren Propheten längst ausgesprochenen und laut verkündeten Gedanken, die immer gegen das Darbringen der Schlachtopfer eiferten, kommen jetzt zum Durchbruche, zur Anwendung und Ausübung. Wenn auch Heiligthum und Altar eingcäschert sind und dadurch der die Gesammtheit Israels einigende Centralpunkt vernichtet ist, haben wir dennoch nicht zu klagen und zu jammern; denn ein neuer Mittelpunkt für alle zerstreuten Glieder Israels ist bereits geschaffen, der nicht der Zerstörung preisgegeben werden kann, weil er geistiger Natur ist, das Aus der Zeschidazeit. Erzählung von Cantor Landau in Butsch owitz. (Schluss.) Neb Chajim, der, wie es bei einem solchen gewiegten Pädazogen selbstverständich ist, ein strenger Beobachter aller unserer ׳Wendungen war, dachte bei der letzten Grenze seines passiven Verhaltens angelangt zu sein, und als ich Abends meinem Stundenpläne gemäß zurückblieb und mit gewohnter Gier das Buch zu lesen anfieng, wurde leise die Thüre geöffnet, und die hohe Gestalt des ehrwürdigen Alten stand mir gegenüber. Ich stand auf und schaute ihm so unbefangen und überrascht ins Auge, dass er keine Umwege zu machen glaubte, sondern mit seiner Ansicht sofort herausrückte. ״Mechali, mein Kind! Das Lesen solcher Bücher wird dich nicht zum Ziele führen; diese Bücher sind eine sehr gute Unterhaltungslectüre für solche Männer, die ihr Ziel bereits erreicht haben, nur müssen sie zur Abwechslung auch mit den Ansichten dieser Art Denker sich vertraut machen, du aber hast vor dir noch einen sehr weiten Weg, um zur Station der nützlichen Bildung zu gelangen und musst somit deine Zeit nützlicher und richtiger ausnützen." Ich verstand ihn nicht, das muß ich jetzt eingestehen, denn gibt es überhaupt noch mehr Bildung, als deutsche Bücher zu lesen? Hieß es nicht im ganzen Städtchen, dass ich in einer so kurzen Zeit ein Gelehrter geworden bin? Hat nicht die Frau ist die Torah und die Tradition, die wird ganz Israel, von einem Ende der Welt bis zum anderen, immer an einander nähern. Die Bestimmung Israels ist geistiger und moralischer Natur, die Torah allein ist jetzt das Heiligthum, das Gott erwählt hat, und welche unter den Ruinen Jerusalems nicht begraben wurde. (Fortsetzung folgt.) Zur Geschichte dee deutsche« Z«denverfolM«gen. Von F. Cormons. (Fortsetzung.) Das änderte sich erst, als die Städte, vornehmlich am Rhein, der Pulsader des Reiches, einen mächtigen Aufschwung nahmen und die Kaufmannschaft eine breite Stelle im Erwerbsleben der Nation gewann. Nun begann man im Juden nicht nur den Ungläubigen, den Fremden, sondern vor Allem den Mitbewerber zu sehen, den man bekämpfen durfte, ohne in der Wahl der Waffen allzu ängstlich sein zu müssen. Wie etwa heutzutage in Rumänien jüdische Amtsärzte angestellt und wieder entlassen werden, wenn sich ein geeigneter christlicher Bewerber findet, so hatten die europäischen Nationen den Juden die Ausübung des Handels anvertraut und jagten sie davon, sobald aus ihrer eigenen Mitte ein leistungsfähiger Handelsstand erblühte. Mit den Anfängen dieser Bewegung in Deutschland fallen die ersten Kreuzzügezusammen, und man wird begreifen, dass die religiöse Erregung in allen Schichten des Volkes die Abneigung gegen die Juden wesentlich verstärkte. Damals kam es zu blutigen Gräuelthaten, die mit den Feinden Christi zugleich die Concurrenten des deutschen Kaufmannes auf die einfachste und wirksamste Weise von der Welt aus dem Wege räumten. Noch war der wirthschaftliche Gegensatz dem Volke nicht zum deutlichen Bewusstsein gekommen, es glaubte sich blos vom Hasse gegen die Ungläubigen getrieben und ahnte die geheimen Federn nicht, die neben dem großen Triebrade mitwirkten. Zunächst begnügte man sich, in plötzlicher Aufwallung über die Juden herzufallen, sie zu misshandeln und zu erschlagen, aber man ließ den Ueberlebenden ihre Rechte, und so wie die Fluth sich verlaufen hatte, traten die alten Zustände wenig verändert wieder hervor. Doctor unseres Städtchens meiner Mutter gesagt, dass ich mir auch bei ihr Bücher borgen kann? Welchen Weg hätte ich noch zurücklegen sollen, um gebildet zu werden? Neb Chajim verstand auch die Sprache der staunenden Miene, er wusste, was ich dachte, und sagte mir, dass ich ein Fach studiren muß, vom Bücherlesen ist man weder ein gediegener Kaufmann noch ein Doctor oder Ingenieur geworden, wenn man dies ist, dann kann man auch Bücher lesen, übrigens, setzte er hinzu, werde ich noch heute mit dem Vater sprechen und auch seinen Rath einholen. Als ich nach Hause kam, sagte ich von unserer Unterredung kein Wort. Die Mutter, welche mir ein Stückchen Brod und ein Glas Thee zum Abendbrod reichte, sah mich so forschend an, dass ich unwillkürlich zusammenzuckte. Ich wusste, es muß etwas vorgefallen sein, dass aber meine Eltern mit den Auseinandersetzungen des alten Neb Chajim nicht zufrieden wären, konnte ich überhaupt nicht denken, und doch war es so. Wie ich aus dem unzufriedenen Brummen meines Vaters zu entnehmen im Stande war, hatte ihm der Alte die Nothwendigkeit dargethan, mich nach Breslau ins Nabbinerseminar zu schicken, denn ein junger Mann mit meinen talmudischen Kenntnißen und diesem Fleiße kann es zu einer Leuchte des Judenthums bringen. Mein Vater sah dies selbstverstündlich als den Rath eines Epicuräers an, da sein Mechali in seiner Einbildung wenigstens der Brodyer Kreisrabbiner zu werden bestimmt war, und nun sollte er gar ein ״Preidiger" werden.