Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1893)
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Gesterreichifch-ungarifche Lantoren-Zeilung. Seite 3. Hoven, Mendelssohn u. A. übereinstimmend nannten, an dem unsterblichen I. Seb. Bach, der mit dem einfachen Cantortitel vollkommen zufrieden war. Das saubere Harmonium übertreibt dagegen offensichtig, wenn es uns ein so trauriges Bild von seinem Obercantor vorführt. Eine solche Carrikatur von Obercantor haben wir — zur Ehre unseres Standes sei es gesagt — in unserer Mitte absolut nicht; wenn wir auch zugeben müssen, dass auch in manchen Cantorenkreisen der Charlatanismus sich leider stark eingenistet und oft auch die Oberhand gewinnt. Uebrigens spricht das schwatz- ן hafte Harmonium. durch die Darstellung eines solchen Cantors das schlimmste Urtheil über sich selbst aus, indem es damit nur ein treues Bild davon gibt, welch' mißliche Zustände ein Instrument in der Synagoge schafft und welche traurige Rolle der Cantor neben ihm spielt; ebenso lässt es uns klar durchblicken, wie viel Unkenntnis und Urtheilölosigkeit bei der Beschaffung desselben im Allgemeinen Mitwirken und mitsprechen. Dass ein solches Zerrbild von Gottesdienst nicht dazu angethan ist, uns besondere Sympathie und Achtung abzugewinnen, braucht nicht erst gesagt zu werden; und erst das sich daraus ergebende Missverhältnis zwischen Cantor und Organisten, wie wir es da so grellfarbig geschildert finden und wie es wahrscheinlich auch nicht vereinzelt Vorkommen wird, dass nämlich die beiden, Cantor und Organist, sich gegenseitig nicht verstehen und sich beiderseits daher Unkenntnis und Unbildung vorwerfen, ist auch nicht ermuthigend und dazu geeignet, uns für diese Art ״Gottesverehrung" günstig zu stimmen. Dass an den hohen Festtagen regelmäßig ein lustiger Marsch ״aufgedraht" wurde, darüber brauchte das Harmonium sich nicht gar so sehr zu ereifern, da dieser Fall' nicht einzig dasteht und wir haben es ja erst kürzlich in diesen geschätzten Blättern gelesen, dass selbst bei seiner ältern und größern Schwester, der Orgel, solches und ähnliches oft vorkommt, und es erst dieses Jahr passirte, dass vor 1111683,116״ Tokeph.“ als Präludium das Intermezzo aus ״Cavalleria rusticana“ aufgespielt worden ist. Die Orgel bedauert es in ihrer Unterhaltuug, auf mich bezugnehmend, dass die Orthodoxen gegen ihre Einführung in die Synagoge so großen Widerstand leisten, denen sie, als ״chriftliches" Instrument ein Gräul ist. Was mich betrifft, habe ich in meiner Abhandlung ausdrücklich betont, dass ich keineswegs die Sache vom orthodoxen Standpunkte beurtheile — wie ich über- Haupt gänzlich frei bin von verschrobener orthodoxer Gesinnung — dass ich vielmehr rein von dem Gesichtspunkte des wahrhaft jüdischen Gottesdienstes in Verbindung mit seiner eingenen Sprache und Gebetform, seinen Traditionen und uralten Einrichtungen und Gebräuchen, seiner eigenartigen Gesangs- und Musikart, meine Ansicht niederschreibe und darüber urtheile. Und dann glaube ich doch, dass Meister Meyerbeer wahrlich der Vorwurf nicht gemacht werden kann, jemals im Gerüche der Orthodoxie gestanden zu haben, und er war es, der die Orgel ein ״christliches Instrument" genannt und sie deshalb für den jüdischen Gottesdienst unbrauchbar erklärt hat. Ich rechne mir das nur zur Ehre an und nehme für mich das Verdienst in Anspruch, diesen seinen erhabenen Ausspruch richtig interpretirt und deutlich nachgewiesen zu haben, in welchem Sinne er dies gemeint haben konnte und was eigentlich die Orgel als ausschließlich ״christlich" kennzeichnet. Warum hält man sich jetzt aber nur an mir und wählt gerade mich als Lückenbüßer? Sollte es deshalb sein, weil man sich an eine Capacität, wie Meyerbeer, nicht heranwagt und mit ״so einem Cantorchen" eher und besser fertig werden zu können glaubt? Das ist aber gar nicht edelmüthig, und noch weniger tapfer von einer so großen und mächtigen Königin, wie die Orgel, einen Unschuldigen für den eigentlichen Schuldigen büßen zu lassen. (Fortsetzung folgt.). Gin KUd des israelitische» Staates vor dessen Auflösung. Nach talmudischen Ouellen bearbeitet von Dr. Abraham L e w v, Rabbiner und Prediger in Neu - Bidschow (Böhmen). (Fortsetzung.) Die Kannoim oder die Zeloten bildeten eine mächtige Partei unmittelbar vor Jerusalems Fall. Man ist gewohnt, über diese Partei, welche zur Revolution, zur Erhebung gegen Noms Gewalt Herrschaft riet, den Stab zu brechen und sie zu verdammen. Wer aber einen prüfenden, geschichtlichen Rückblick auf die Entstehung dieser mächtigen Partei in Israel wirft, kommt zu der Ueberzeugung, dass Ansichten, die sie bethätigen wollten, aus dem Gefilde der Geschichte blühten. Sie wiesen stets auf die Zeit des Syrerkonigs Antiochus EpiphaneS hin und bewiesen, dass jede Fremdherrschaft eine immense Gefahr für den Glauben iuvolvire. Die Partei der Kannoim blieb auch die herrschende, ihr schloss sich die Majorität des Volkes an; die Idee, dass Israels Glaube nur durch Erlan gung und Behauptung äußerer, politischer Machtentfaltung für die Dauer gerettet und erhalten werden kenne, reifte im Herzen der großen Volksmasse, und daher kam es auch zun! offenen Kampfe gegen Rom. Die andere Partei hingegen, die den Frieden liebte, zur Ergebung und Unterwerfung unter das Seepter Noms riet, weil sie es für lächerlich hielt, gegen die römische, welrgebietende Uebermacht sich zu erheben und zu welcher Rabbi Jochanan ben Sakkai und sämmtliche Jünger Hillels sich bekannten, konnte die große, breite Volksschichte für sich nicht gewinnen. Die Ansicht dieser Partei gieng nämlich dahin, dass die Aufgabe Israels sei, sich nur geistig und moralisch hervorzuthun, der Israelit habe nur den Willen Gottes zu erfüllen, die Gebote der Torah zu befolgen, dann brauche er keine feindliche Macht zu fürchten. Nach dem Sturze Jerusalems erwies sich die Altsicht dieser kleinen Partei als die richtige und zuverlässige. Rabbi Jochanan ben Sakkai und seine Anhänger bestrebten sich für letztere Ansicht immer mehr Propaganda zu machen und einen neuert Mittelptinkt für Israel zu schaffen. Dennoch blieben viele Israeliten der An sichten der Kannoim treu. Seiden! Judäa der Beute anheimfiel und dessen Bewohner nach allen Richtungen der Windrose zerstreut wurden, hielten sie auch das religiös-nationale Einigkeilsband für gelockert, da sie sich bewusst waren, dass sie in Anbetracht ihrer äußeren, politischen Ohnmacht außer Stande seien, diese Brüche wieder zu vereinigen urrd die schweren, tiefen Wunden zu verbinden. Wie konnten sie auch der Hoffnung Raum gewähren, jemals die nationale Unabhängigkeit zu erreiche!!, wenn sie sahen, wie Nom in seinem Grimme das Lamm, Israel, erfasste und von seiner Beute nicht nachließ, bis es seine Knochen vom Leibe!rennte. Darum bemächtigte sich ihrer auch die Verzweiflung, wähnend, dass mit dem Sturze der politischen Gewalt auch die geistige, religiöse Macht für immer gebrochen sei. Rabbi Jochanan ben Sakkais Partei hingegen war nach dem Falle Jerusalems nicht verzweifelt, denn ihren alten Grundsätzen getreu, dass es Israels Aufgabe nicht sei, als mächtiger Staat unter anderen politisch zu glänzen, sondern nur in der Erfüllung und Bethätigung der heiligen Lehre, beruhigte sie sich in der Idee, dass die Religion Israels nicht im Heiligthume und nicht in der Opferstätte ihre Wurzel