Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 31 (21.12.1892)
- Date
- 1892-12-21
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Gesterreichisch-ungarische Santoren-Aeituny. Nr. 31. Seite6. zur Genüge, wie groß die wirthschaftliche Bedeutung, wie mächtig die gesellschaftliche Stellung der Juden geworden war. Es fehlte ihnen nicht an Gegnern, ober noch ist nirgends die Spur eines wirklichen Volkchasses zu finden. Im Gegentheile, frommen Männern erschien der allzu enge Verkehr bedenklich, der Christen und Juden oft genug freundschaftlich verband, und es ist eine häufig wiederholte Klage, die Leute seien der Meinung dass die Judm ihnen besser predigten, als der christliche Clerus. Ja, es konnte geschchen, dass im Jahre 839 der Diakon Bodo, ein Mann in angesehener Stellung, öffentlich zum Judenthum übertrat und die Vertheidigung seiner Lehren führte; einige Jahrhunderte später hätte ein solches Ereignis blutige Folgen nach sich gezogen, damals lief es nicht ohne Aufsehen und Entrüstung, aber doch ohne leidenschaftlichen Ausbruch ab. Auch das zehnte und elfte Jahrhundert, die Zeit des vorherrschenden Kaiserthums, brachte den Juden keinen wesentlichen Schaden, denn von den Elementen der Verfolgung waren nur der religiöse und der nationale Gegensatz, und auch diese erst in ihren Anfängen vorhanden, während die stärkste aller treibenden Kräfte, die wirthschaftliche Concurrenz, weder bewusst ׳ noch unbwusst in Wirksamkeit getreten war. Hatte doch das Bürger-' thüm selbst in dm romanischm Ländern den Höhepunkt seiner Entwicklung noch nicht erreicht; in Deutschland war cs ganz in den Banden einer ländlichen Cultur befangen. Man versteht diese Zustände am besten, wenn man. das Verhältnis zwischen Juden und Christen, wie es heute m Russland oder Polen besteht, zum Vergleiche heranzieht: dort liegt der große und der kleine Grundbesitz mit sammt den Gewerben, die mit dem Ackerbau zusammenhängen, in dm Händm der Christen, während der Handel und alle vermittelnden Geschäfte einem sehr großen Theile der jüdischen Bevölkerung überwiesen sind. Ja, in diesen Ländern' wurde noch vor wmigen Jahrzehnten auch das städtische Handwerk vorwiegend von dm Juden 'betriebm; von den großen Städten^ abgesehen, hat sich ein beachtenswerthes christliches Bürgcrthum: erst in dm letzten Jahrzehnten herangebildet und mit seinen Ver - suchm, die seinem Stande eigmthümlichen Wirthschaftsgebiete den Juden abzuringcn, die soziale Unterlage für die gesetzlichen und ungesetzlichen Judenverfolgungen der neuesten Zeit geschaffen. Ganz soweit war es allerdings im ftüh-mittelalterlichen Deutschland nicht gekommen, weil das Gewerbe in den Städten noch wenig entwickelt und die Judenschaft nicht überzahlreich war, aber wenigstens im Handel besaß sie zweifellos das Uebergewicht. Juden und Kaufleute erscheinen gar oft als Parallelbegriffe und noch in der zweiten Hälfte des elften Jahrhunderts redet Kaiser Heinrich IV. von ״den Juden und den übrigen Wormsern". Ebendeshalb stand ihnen die Masse der Bevölkerung gleichgiltig gegenüber; ohne Brodneid, ohne nebenbuhlerischcn Hass gestattete man, dass die Judm sich in einem Berufe bethäligtm, dem sich doch rmr eine im Verhältnis geringe Zahl christlicher Volksgenossen zugewandt hatte. (Fortsetzung folgt.) Kleine Chronik. Wien. Vom Vorstande der israelitischen Cultusgemeinde erhalten wir folgende Zuschrift: ״Geehrte Redaction! In Nr. 30 der Oesterr.-ungar. Cantoren-Zeitung vom 11. December 1892 erscheint in der ״Kleinen Chronik" unter der Aufschrift ״Wim" eine Notiz, in welcher gesagt wird, dass beim Gottesdienste in der Seitenstettengasse Freitag, dm 16. d. ein deutsches Lied mit Orgelbegleitüng gesungen werden wird. Diese Notiz widerspricht den Thatsachen, nachdem in den Gemeindebethäusern sich lediglich ein Harmonium befindet und nach Eingang des Sabbates mit musikalischer Begleitung überhaupt nicht gesungen wird. Indem ich ersuche, die Richtigstellung ■ in die nächste Nummer Ihres Blattes aufzunehmen, zeichne ich hochachtungsvoll. Wien, am 16. December 1892. Der Secretär der israelitischen Cultu'Sgemeinde: Dr. Lieben. Wien. Freitag, den 16. December fand, wie bereits in voriger Nummer gemeldet wurde, im Seitenstettentempel der erste feierliche Freitag-Abendgottesdienst statt, bei welchem auf Auregiing des Gemeindepräsidenten, Wilhelm Ritter von Guttmannn, Abend-, predigt und Chorgesang eingeführt wurde. Einen ausführlichen Bericht und ein objectiv ׳sachliches Urtheil behalten wir uns für nächste Nummer vor, was umsomehr geboten erscheint, als mit dem ersten Gottesdienste eine Art Verfassungsfeier - verquickt׳ war-, die demselben ein außergewöhnliches Gepräge gab. Wir wollen darum zuvor den Gottesdienst ein zweites Mal hören. Im Nachfolgenden ein kurzer Bericht: Nach dem gewöhnlichen AbendgotteSdienste, der dem AuSnahmfalle entsprechend, vom Obercantor Singer mit gehobener Feierlichkeit celebrirt wurde, ergriff Oberrabbiner Jellinek das Wort, um in begeisterter, an patriotischen Momenten reichen Rede den Kaiser als den Schöpfer der Verfassung, den Hort und Schutz der Armen, Bedrückten und Verfolgten zu preisen. Nach der Predigt wurde unter Leitung des Herrn Professor Sulzer ein von ihm componirter Festgesang/ dessen deutschen Text Herr M. Ritter v. Guttmann verfasst hatte, vom verstärktem Chor, darunter auch Damen, aufgeführt. Der Chor war auf der zweiten Galerie placirt. Unter den Anwesenden sah man die Herrenhausmitglieder Baron Leitenberger und Nicolaus Dumba, den Vicepräsidenten des Abgeordnetenhauses Baron Chlumecky und Abgeordneten Professor Sueß, den Schriftsteller der Freiwilligen Rettungsgesellschaft Dr. Baron Mundy, Professor Gänsbacher, Professor Zumbusch, den gesammten Cultus- und Bethausvorstand und viele Andere. Wien. Von besonderem Interesse ist eine officiöse Aeußerung d^r österreichischen Regierung über den Antisemitismus. Aus einem in der Wiener ״Montagsrevue" abgedruckten Artikel geht hervor, dass die Wahl des Dr. Theodor Kohn zum Fürsterzbischof von Rom aus gewünscht worden sei, weil man keinen Polen atif den erzbischöflichen Stuhl haben wollte. Ueber den Antisemitismus schreibt das officiöse Organ: ״Die Antisemiten sind von dem Nesultate wie niedergeschmettert. Das ist auch begreiflich. Denn es beweist, dass ihre Machinationen über die trüben Nebel des Pöbels nicht hinaus- und am allerwenigsten in Kreise reichen, wo man den Ernst der Gesinnung nicht in den Dienst einer erbarmlichen Speculatkon stellt. Der neue Fürsterzbischof vnn Olmütz ist ein gläubiger Katholik wie Einer in der Kirche. Wenn sein Großvater noch ein Jude war, so beweist der Fall nur, dass die Kirche dis Judenthum zum Mindesten nicht hasst. Sie ward eben anders geschaffen, als der Antisemitismus. Wien. Dienstag den 20. d. M. fand der zweite von Wiener Cantoren arrangirte Vergnügungsabend statt, der bei außergewöhnlich starker Theilnabme in sehr animirter Stimmung verlief. Sämmtliche mitwirkeudcn Damen und Herren wurden durch zahlreichen Beifall ausgezeichnet. Wien. Die israelitische Kinderbewahranstalt in der Leopoldstadt, Schiffamtsgasse 15, veranstaltet Sonntag, den 18. d. M., eine Gründungsfeier. Nach derselben werden die Zöglinge dieses Humanitären Instituts mit Winterkleidern und Spielzeug beschenkt. Wien. Herr Adolf Notier ist vom Vorstande der Wiener Cultusgemeinde zum definitiven Religionslehrer emannt worden. Die bewährte und erfolgreiche pädagogische Wirksamkeit des Herrn Rotier auf dem Gebiete des Religionsunterrichtes ist schon früher durch seine Berufung in den Ortsschulrath des III. Bezirkes anerkannt worden. Budapest, 16. December. Ueber die gestrige Bischofsconferenz finden wir im ״Pesti Naplö" den folgenden ausführlichen