Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 31 (21.12.1892)
- Date
- 1892-12-21
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Oesterreichisch-ungarische LanLoren-Zeitung. Nr. 31 beschämt und durstig umkehren. — Außerdem übte Verrath — durch Wort und That — einer Deiner Vorfahren — an mir vor Jahren. — DaS Lanrm antwortete bescheiden — mein Herr, zu freveln sollst Du meiden — ich bin noch jung und klein — und soll schon dem Tod verfallen sein? — Warum willst du smnen — mit deinem Nächsten Streit zubeginnen? — Wohl soll man lebten Misscthäter — doch nicht die Kinder für die Väter. — Er entgegnete: Du sollst mich nicht mehr sehn — durch Dich beschämt und durstig stehn — und erschlug das Lamm zur Stell' — zog ihn ab das Fell — zerriss sein Fleisch hierauf — und fraß es auf. Die Moral. Für den, der nach dem nur ringt — was ihm Vortheil bringt — wie für den Großen, der verschlingt, den der klein — soll dies ein Gleichnis sein. — Auch manche Beamten und Richter sind schlecht — denn sie beugen das Recht — ziehen Andern aus das Gewand — entreißen das Geld ihrer Hand. —; Drum lebt des Weisen Spruch im Munde — durch Unrecht geht Mancher zu Grunde. (Spr. 13, 23). Der Hund, der Käse und das Wasser. In einem Hause hatte einst ein Hund — einen Käs entwandt und mit seinem Mund — ihn fortgetragen — dabei den Weg eingeschlagen — der ihn führte über eine Brücke. — Als hier ins Wasser sielen seine Blicke — sah er drin des Käses Widerschein. — Da dachte er, ach war' doch mein — als meiner Mühe Lohn — außer dem Käse, den ich habe schon — auch der im Wasser für den Esser — sind ja zwei als einer besser. — Nun ließ er sich von Gier berücken — sich nach des Käses Schatten zu bücken. — Als er jedoch hieraus — Mund und Zähne sperrte auf — um nach ' dem zu schnappen — was nicht wahr zu ertappen — entfiel ihm rasch der Käse gar — der schon in seinem Munde war. — Jetzi hatte er der Käse keinen — nicht des Wassers noch den seinen— stand da mit leeren Mund — für seine Mühe blieb nichts dem Hund. — Wenn Salomen mit Recht den Ausspruch thut: — ״Mancher Aus der Ieschiba;eit. Erzählung von Cantor Landau in B u t s ch o w i tz. (Fortsetzung.) Als ich Abends vom Lehrhause nach Hause gehen wollte, winkte mir Mali zu bleiben. Ich blieb, zitterte aber wie Espenlaub. Es ist merkwürdig, dass wir das ewig psychologische Nälhsel noch nicht zu lösen im Stande sind: Jeder Mensch, welchent Stand er immer angehört, sehnt sich darnach, sein vorgesteckles Ziel zrt erreichen, und warum möchten wir trotzdem, wenn wir schon nabe daran sind, dieses Ziel wieder unerreichbar wissen? Ist es vielleicht d-ie Furcht vor neuen Wünschen, oder ist es Naturgesetz, der! Menschen im ewigen Kampfe mit der Unzufriedenheit zu lassen? Warum zitterte ich, als mir Mali zu bleiben winkle? Wie glücklich wäre ich gewesen, wenn sich Mali während unseres Studiums nm sonstige Vorkömmniße aus meinem Leben erkundigt batte, da sie doch damit unbedingt ein gewisses Interesse für mich bekrrndcie, nun ich aber einen offenbaren Beweis dieses Jnlereffes sah, bekam ich Furcht und zitterte. ״Zn Hause werden Sie doch keine deutschen Bücher lesen dürfen", sagte sie ins Zimmer tretend, ״so möchte ich Ihnen ratben, täglich auch des Abends hier länger zu bleiben und ich werde Ihnen schöne Bücher zu lesen bringen, heute tonnen Sie mit den ״Leiden des jungen Werther" anfangen." ״Werde ich das Buch verstehen?" wagte ich zu fragen. ״Ganz sicher!" sagte sie, aber auch in einem Tone, der ein merkliches Zittern verrieth, und gieng rasch zur Thüre. teilt sich arm mit großem Gut" (Spr. 13,■ 17.) — so hat Erährung mich gelehrt — durch Menschen, die Alles begehrt, — die sich mit Neichthum konnten brüsten — und doch nach Altem trugen Gelüsten — Alles verliert — wer nach Allem giert. — Drum sprech' ich nach — Was der Weise sprach.: /׳— Stets sei mit dem Deinen zufrieden — neide nicht was Anderen beschieden. — Mein Gedicht — das spricht: — Gott Schuf Nahrung Allen, — Mas cha lebt,.— die sehr viele doppelt wohl begehren, — wer jedoch nach mehr gewaltsgm strebt, als ihm festgesetzt ist, zu verzehren — dem wird's wie .chem Hstnd ,gm Wasser gehn, —- der vom Schein, hat lassen sich bethoren.; . eines Tages Kost hat schwinden sehn — sterbend für deuzweitell sie zu mehren.׳ Der Wolf und der Kranich. Der Wolf bäteinst den Leu gar sehr, — dass er sein Volk versammle um sich her und gab ihm an als den Grund — dass ihm stecken blieb in dem Schlund — ein großer Knochen, der ihn drücke — und dass er gewiss ersticke — käme nicht bald Jemand herbei — der ihn vom Knochen mache, frei. — Der Leu berief die Thiere und Vögelein — von Groß und Klein. —Sie kommen zum Wolf wie befohlen war Allen — und fanden ihn starr vom. Schmerz befallen. — Da bat er ihren Nath sich aus — wie man den Knochen hol' heraus. — Sie bleiben indesses still — denn sie dachten, er will — uns listig zum Straucheln bringen — nnS unter einem Vorwand verschlingen — und wenn wir nicht sprechen — wird's tym an e'wm &nmb gebrechen. — Doch als ec sie dringend bat vor Schmerz — zerschmolz wie Eis ihr Herz. —. Sie traten zusammen, um'Nath zu pflegen — und sprachen nach geraumen Erwägen — einmüthig zum Wolf : ׳ Sei nicht bang — sieh des Kranichs Hals ist lang — und sein Schnabel stark, scharf und spitz — der zieht den Knochen aus dem engen Sitz. — Kennst du ihn nicht, ruf ihn nur herbei — es ist Keiner, der ihm gleich sei. — Er rief ihn und redete freundlich gar — ob auch sein Herz voll Gift und Galle war — sprach zu ihm im Ich las, oder richtiger gesagt, ich benetzte, das Buch mit meinen Thränen, ich dachte mich als den unglücklichen Werther und Mali als Lotte. Am nächsten Tag sah mich Mali - bei. der Leetion sehr aufgeregt und frug mich, oh ich unwol wäre; ich verneinte leise und schwieg, ״Ist das. Buch schön, welches ich Ihnen gab?" frug sie weiter, mit der Absicht mich zu zerstreuen. Ich wusste nicht, was ich eigentlich antworten solle, ich wollte ihr ins Auge sehen,- aber ich war es nicht im Stande, das Bild der Lotte schwebte mir vor Augen und amt) jetzt konnte ich mich nicht cnlhalten, meine Augen füllten, sich mit Thränen. Das scheint die richtigste Antwort gewesen zu, sein, sie verstand sie vollkommen. ״Das ist schön, Mechali!" sagte sie, ״auch ich habe beim Lesen des Buches sehr geweint. Sind Sie schon zu Ende?" ■ Als ich bejahte, versprach sie mir noch heute ein zweites zu. geben. Sie hielt Wort und brachte mir ״Paul und Virginie". Sie schien überhaupt sehr eingenommen für solche Bücher und wollte ihre- Sentimentalität auch auf mich übertragen. Ich wiederum kümmerte mich überhaupt um gar nichts weiter und verschlang förmlich täglich -die Bücher, die sie mir gab. Und so passirte es uns, wie es von. solchen unerfahrenen -Bücherwürmern auch nicht anders zu erwarten ist, dass Mali von einem jungen Nüssen, der in einem reichen Hause unterrichtete, ein Buch ausgeborgt bekam, das sie früher mir zu lesen gab, weil sie noch ihres zu Ende zu lesen' hatte. Das Buch war Nordau'ö ״Eonventionelle Lügen", ein confiseirtes Buch x. . ... . ... (Schluss folgt.)