Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 31 (21.12.1892)
- Date
- 1892-12-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 31 Gesterreichisch-uNgarische Lcmtoren-Aeitung. Vaterlandsliebe oder Chauvinismus bezeichnen könnte. Wie Pohlmann das versteht, sagt er mit folgenden Motten: Lange Jahrzehnte hindurch ist der deutsche Volksgeist in fast fieberhafter Anstrengung thätig gewesen, um sein Ideal, die Gründung eines deutschen Reiches zu erreichen. Von den Napoleonischen Zeiten an hatte die Volksseele stets ein hohes Vaterländisches Ziel. Von Vater auf Sohn vererbte sich der Drang, nach hohen deutschnationalen Zielen zu streben. Waö die Burschenschafter und die Aufständischen der vierziger Jahre nicht erreichten, das gieng vor zwei Jahrzehnten in Erfüllung. Seit dieser Zeit fehlt es der erregten Volksseele an einem hohen Ziele. Fast schien es, als könnte das Ideal einer colonialen Weltmachtstellung Deutschlands auf lange Zeit dem nationalen Leben einen hohen Inhalt geben. Diese Hoffnung hat sich leider nur. zum Theil erfüllt; und so sucht und tastet denn unser armes Volk in seinem . dunklen Triebe -nach einer Bethätigung der ihm innewohnenden Lebenskraft. So ist es denn gekommen, dass Tausende hochgebildeter Deutschen in der Bekämpfung des Judenthums ein hohes nationales Ziel gefunden zu haben glauben. Besonders sind cs junge begeisterte Söhne unseres Vaterlandes, die mit allem geistigen Rüstzeug unserer Zeit versehen, ihren Judenhass aus denselben Quellen schöpfen, aus denen ihre Liebe zum deutschen Vaterlande quillt. Mit der Begeisterung der Jugend stürzen sich diese Jünglinge in die hochgehenden Wogen der antisemitischen Bewegung, um in ihrer Unerfahrenheit und Voreingenommenheit willenlose Werkzeuge des ersten besten Hetzers zu werden. — Unere Väter hatten höhere Ideale. So erklärt es sich zum Theil, warum der Antisemitismus g rade in den beiden letzten Jahrzehnten sein Haupt so hoch erhoben hat. Dazu kommt, dass die sogenannte Gründerzeit mi ihren traurigen wirthschaftlichen Folgen und den socialistischen Bestrebungen den Blick weiter Kreise auf die Schäden unserer gesellschaftlichen und wirthschaftlichen Verhältniße gelenkt hat; und da lag es dann sehr nahe, unter dem Deckmantel der Vaterlandsliebe und des nationalen Stolzes die Hauptschuld von den Schullern der christlichen Deutschen auf die Schultern der jüdischen Mitbürger zu. wälzen. So erklärt es sich, wenn die Antisemiten Glauben mit der Behauptung finden, dass das Judenthum eine Gefahr für das Wolergehen usiseres Volkes sei. ״Um diese Behauptung zu erweisen, schimpft aber der Antisemitismus in ungeziemender Weise und behauptet Dinge, die sich bei näherer Prüfung als stark übertrieben oder als geradezu unwahr erweisen. Allein, auch wenn die Antisemiten den Juden mit Recht Vorwürfe machen, so begehen sie eine Ungerechtigkeit, indem sie die Fehler, welche Einzelne begehen, zu specifisch jüdischen Fehlern stempeln. Solche gibt es in Wahrheit nicht; Schacher und Wucher treiben auch die Christen und sie haben nicht einmal die Entschuldigung, welche den Juden zur Seite steht. Denn wenn bei den Letzteren gewisse unangenehme Eigenschaften öfter anzutreffen sind, so ist das lediglich eine Folge der Unterdrückung und Knechtschaft, in der man die Juden Jahr- Hunderte lang gehalten. Es sind das nicht Charaktereigenschaften der Juden, sondern Erscheinungen, die sich bei jedem Volke finden, das längere Zeit unterdrückt worden ist, wie Pohlmann des Weiteren ausführt. Sodann geißelt es der Verfasser, dass die Antisemiten den Israeliten sogar Dinge zum Vorwurf machen, welche sie bei anderen als Tugenden preisen. Er spricht offen aus, dass dies nur möglich ist, weil wir von Jugend auf gewöhnt werden, , Seite 3. .J._: 1׳.-r in den Juden eine andere Art von Menschen zu erblicken. Erschreibt: Wir alle fühlen es, ein gewisses Etwas liegt immer , noch zwischen Christen und Juden, selbst dort, wo kein ausgesprochener Antisemitismus herrscht. Diese Kluft muß endlich überbrückt werden. Ob Jemandes Vorfahren in Palästina gewohnt haben, muß uns so gleichgiltig und unwesentlich werden wie die Abstammung Tausender unter unseren Mitbürgern von französischen und slavischen Vorfahren. Wir Alle haben wohl schon gegen die Inden gesündigt, und unsere Kinder saugen mit der Muttermilch die Anschauung ein, dass ein Jude etwas ganz anderes sei als ein Christ. Fast ohne es zu wissen, nennen wir eine unedle Handlungsweise eine ״jüdische"; wer lange feilscht, handelt wie ein ״Jude", und wer Mißtrauen gegen uns hegt, dem rufen wir voll Entrüstung zu: ״Hältst Du mich etwa für einen Juden?" . . . ״Es gibt viele brave Leute, die kaum im Stande sind, ernst- Haft über das Judenthum zu sprechen, und die der Versuchung nicht widerstehen können, dasselbe zum Gegenstand unpassender Witze zu machen." Die Wahl des Titels, welchen Pohlmann seiner Broschüre gegeben, erklärt sich aus den Schlussworten die er anführt: Die Juden haben die thatsächliche Gleichstellung und Gleichberechtigung in der Gesellschaft nicht etwa als eine Gnade zu erbitten, sondern als ein gutes Recht zu fordern. Die Juden gehorchen den Gesetzen des Vaterlandes, sie bezahlen ihre Steuern und genügen ihrer Wehrpflicht, um im Falle der Gefahr ihr Blut fürs Vaterland zu vergießen, sie tragen wesentlich zur Entwicklung des Handels und der Gewerbe bei, sie reden dieselbe Sprache wie ihre Mitbürger, weshalb also sollen sie immer noch Bürger zweiter Clasfe sein? Der ganze Antisemitismus ist ein Ausfluss der Unduldsamkeit, einer Eigenschaft, welche wie Pohlmann an verschiedenen Beispielen zeigt, schon öfter über die Völker großes Unheil heraufbeschworen hat. Deshalb lässt er an alle gebildeten Deutschen germanischer Herkunft den Ruf ergehen: ״Schaart euch zusammen im Kampfe gegen die Unduldsamkeit!" Das Moschst. Nach seiner Bedeutung und Anwendung in biblischen und nachbiblischen Schriften. XXIX. Der Wolf und das Lamm am Bache. Mit dem Willen — seinen Durst zu stillen — kam ein Wolf an einen Bach — da erblickte er ein Lämmchen schwach —, als er sich umsah nach allen Seiten — ihm gegenüber stehn vom Weiten — sogleich rief er dem Lamme zu — warum gönnst Du mir nicht Ruh'? — des Flusses Herr bin ich — gemacht ist er für mich. — Das fromme Lämmchen gab zur Antwort — in sanftem Ton von seinem Standort: — Herr und König, was Hab' ich Schlechtes begehrt -— Dich Hab' ich stets als Herrn verehrt. — Hierher kam ich, um Wasser zu schlürfen — und kehr' zurück, soll ich's nicht dürfen— doch still, es ist Schade um die Zeit. — Da sprach der Wolf mit Heftigkeit — du sprichst mit mir, so ohne Bangen — sind je Wolf und Schaf gegangen — gemeinschaftlich zu weiden — oder wer sah je die Beiden — sich zusammenstcllen — an des Wassers Quellen? — um sich zu laben — wenn Durst siehaben? — Du hast das Wasser getrübt — also ein Verrath geübt — denn ich kann nicht trinken nach Begehren — und muß