Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 31 (21.12.1892)
- Date
- 1892-12-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 ich bin darum der Schilderung überhoben und thue dies um so'lieber, weil ich kein Mitglied des Vereines bin, jedoch das segensreiche und wohlthätige Wirken desselben gerne hervorhebe und vollkommen anerkenne. Gott sei Dank — der Cantorenverein hat bis heute seine ersprießliche Thätigkeit bewahrt. ' Ich gehe nunmehr zur Geschichte der ״Cantoren-Zeitung" über und erwähne der belehrenden Artikel über Stimmbildung, in Bezug auf die Akustik moderner Tempelbauten, der geistreichen und nützlichen Beiträge von Rubin, Lewandowski, Deutsch, Tintner, Baer, Lachmann :e. und vor allen anderen der umfangreichen zu lebhaften Dissertationen Anlass gebenden lehrreichen Abhandlungen über ״Traditionelle Tonarten" von Obercantor I. Singer in Wien, welche durch Jahre die Aufmerksamkeit der Fachgenossen wachgehalten und nicht ohne einschneidenden Einfluss auf den recitativischen Vortrag des Cantors geblieben sind, indem das alte Chasonus wissenschaftlich zerlegt und kritisch beleuchtet wurde. Freilich hat Deutsch in Breslau zu widerlegen gesucht, dass die Tonsolgen unseres Chasonus sich mehr dem Tongefüge |ber alten Kirchentonarten anfügen, aber beide Männer haben Erfolge errungen, wenn man sich eben bemühte, mit der Sonde der Untersuchung das Echte vom Unechten auszuscheiden, und die Geduld hatte, den verworrenen Knäuel von verminderten und übermäßigen Intervallen zu entwirren. Es ist hier nicht der Ort zu erwägen, wer nachhaltigere Erfolge errungen, nur das moralische Streben ist hcchzuachten, denn nie hätten wir gewusst, dass unser altehrwürdiges Chasonus eine musikalisch wissenschaftliche Erörterung zulässt, wenn nicht eben, durch Gründung der ״Cantoren-Zeitung" die Gelegenheit für solche Eröffnungen gegeben worden wäre. Und da sei vor Allem Herrn Collegen Bauer, als Herausgeber, dankbare Anerkennung gezollt, der mit Hintansetzung seiner Zeit und auch seiner Mittel — denn ein Gewinn bei so geringer Pränumerationsgebühr ist unmöglich anzunehmen — den Cantoren das erste Fachblatt und gleichzeitig hie Gelegenheit gegeben hatte, ihre Beschwerden, ihre Wünsche, ihre Berichte über Gemeinde, Schule und Haus zu veröffentlichen und ihre Fähigkeiten auf den verschiedensten Gebieten des Wissens ungehindert nachzuweisen, einen Gedankenwechsel in collegialem Frage- und Antwortgeben zu gestatten, Concurfe zu veröffentlichen und auch Heirathsanträge einzusetzen — denn wer weiß, ob nicht die ״Cantoren-Zeitung" die stille Ursache manches ehelichen Glückes gewesen ist. Dies Alles hat unser Fachblatt mit hingebungsvollstem Willen für eine unvergleichlich gute Sache, für die gemeinsamen Interessen der Cantoren, ob sie jetzt Vorbeter, Vorsänger, Lehrer heißen, gethan, und, was noch besonders zu rühmen ist, fre ist eine Brücke geworden für die guten Beziehungen zwischen Cantor und Rabbiner, in ihr ist eine Abwehr erstanden gegen Machtsprüche gtwisser Gemeindepaschas, indem das Unrecht und das Ungez'emende solcher Handlungsweisen nach Möglichkeit gerügt wurde, so weit eben die Kraft der Feder und der begrenzte Wirkungskreis des Blattes es zuließen. . Hat nun die Schaar der Fachgenoffen ihre Einmütbigkeit in dem Gedanken, das Blatt mit allen Mitteln zu stützen, documentirt? — Hier tritt tiefes Schweigen ein. Denn in der Tbat, unsere lieben und werthen Collegen bewahren in den Spalten unjeres Journals ein Schweigen, welches beredter ist, als die kühnste Feder es in der Schilderung von Gleichgilttg- Feit und Theilnahmslosigket wiederzugeben vermag! Und diesen Nr. 31/ Vorwurf sollten die mit Idealen ausgestatteten Jünger Ärions, die mit reinem Herzen vor dem Höchsten, gleich Priester, stehenden Functionäre auf sich lasten lassen?! — ׳ Leider ist dies nicht der einzige wunde Punkt, um den sich die Klage der Redaction dreht. Auch das häufig wiederkehrende Ermahnen um Einzahlung der Abonnementgebühr, welchem wir so oft am Rande des Blattes begegnen, ist nicht empfehlenswerth, nicht mit der Würde des Standes zu vereinbaren. Darum richtet sich die Bitte an alle lesenden Collegen, das Blatt mit jener Freude zu unterstützen, wie sie die Begeisterung der ersten Entstehungszeit unseres Journals erzeugte, und darin offenbart sich ja männliches Wesen, dass man alles, was man mit Liebe erfasst, auch festhält und es mit Ausdauer aus seiner Höhe erhält. Solch' einen Grundsatz zur That werden zu lassen, hat nicht nur Staaten, sondern auch einzelne Individuen zu Großen! erhoben, und Liebe und Ausdauer, sie sollen das eherne Princip der Cantoren Oesterreichs sein Und bleiben! Benedict Singer, Jungbunzlau. , Das Indenthum und sei« stecht. Berlin, im December 1892. Unter obigem Titel hat Dr. Walther Pohlmann, Oberlehrer am königlichen Gymnasium zu Neuwied, eine lesenswertbe und lehrreiche Broschüre*) erscheinen lassen. Den Antrieb dazu hat.ihm offenbar die Erkenntnis gegeben, dass in der Bekämpfung des Antisemitismus zu wenig gethan wird. In weiteren Kreisen unseres Volkes, schreibt er, wird die in den antisemitischen Bewegungen liegende große Gefahr nicht genug gewürdigt. Wer nicht offen oder im Geheimen dem Antisemitismus huldigt, glaubt schon seine Pflicht gethan zu haben, wenn er sich vornehm von dieser ihn unsympathisch berührenden Bewegung fernhält. Nur so ist es zu erklären, dass die Inden- Hetze immer mehr Boden gewinnt. Wo ans der einen Seite in fanatischer Weise mit Benützung aller Mittel gekämpft und auf der anderen Seite nicht in ebenso kräftiger Weise Widerstand geleistet wird, da muß selbstverständlich der Angreifer die Oberhand gewinnen. Vor allen kommt es darauf an, in den gebildetew Schichten unseres Volkes die Ueberzeugung zu erwecken, dass der Antisemitismus eine Gefahr für das Gemeinwol ist; gelingt dies, so istschon viel -gewonnen. Für diesen Zweck ist die mit größter Sachlichkeit und Objectivitüt abgefasste Broschüre des Herrn Pohlmann vorzüglich geeignet. Er bestreitet nicht, dass die Juden auch Fehler haben, aber er erklärt zugleich, wie dieselben sich herausgebildet; er tadelt die Judenhetze mit ebenso eindringlichen als maßvollen Worten, aber er forscht auch den tieferen Gründen dieser Bewegung nach. Sie ist ihm ein Zeichen, dass die innere, geistige Entwickelung unseres Jahrhunderts mit der äußeren materiellen Entwickelung nicht Schritt gehalten hat. Als den hauptsächlichsten Trieb, der dem Antisemitismus Anhänger zuführt, erkennt er den Neid, den Grund dafür, dass dies Gefühl gerade dem Juden gegenüber zu so schroffem Ausdruck kommt, findet er in der größeren oder geringeren Abneigung gegen fremdes Volksthum und fremden Glauben, die in jedem Volke lebt. Bei dem Judenhass der gebildeten Classen wirkt noch etwas anderes mit, was man füglich als irregeleitete *) Henser's Verlag Neuwied und Leipzig. S. ״Bert. Tgbl." 15. Dec. Gesterreichffch-ungansche Lcmtoren-Zekümg.