Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 30 (11.12.1892)
- Date
- 1892-12-11
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Oesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. - Nr. 30. werben und das Ansehen dieses Vertreturigskörpers untergraben, haben den Verein zur Abwehr des Antisemitismus bestimmt, sich mit einer Eingabe an den Präsidenten des Abgeordnetenhauses zu wenden, in welcher derselbe ersucht wird, seine Präsidial-Gewalt zur Verhinderung des unerhörten Mißbrauches der Tribüne durch' die gewissenlose antisemitische Hetzerbande in Anwendung zu bringen. Herr Dr. Smolka hat gegenüber der Deputation, welche ihm die erwähnte Eingabe überbrachte, sein Bedauern über das Benehmen der Antisemiten ausgesprochen, sich aber zugleich unter Hinweis auf die Geschäftsordnung für machtlos erklärt, den Ercessen zu steuern. ‘ ... Wien. Donnerstag den 1. December fand, wie alljährlich aus Anlass des Negierungsjubiläums Sr. Majestät des Kaisers im türkischen Tempel ein feierlicher Gottesdienst statt. Es erschienen die Vorsteher der Gemeinde, Marcus M. Russo und Lico L. Adutt, ferner die Vertretung des Vereines ״Halbascha". Die Herren Jaques M. Nusso und Isidor Farchy, viele Damen und sonstige Gäste. Noch einem einleitenden Choräle mit Orgelbegleitung hielt der Direktor der türkischen Schule, Herr E. Groag, eine vom patriotischen Geiste durchglühte Rede, welche auf die festliche Versammlung sichtlichen Eindruck machte. Hierauf wurde die Volkshymne erecutirt und Obercantor Bauer trug eine ״AlenuckL-^eckoiiL״ für die yerstorbenen Vereinsmitglieder und jene Personen, welche der Schule bedeutende Legate vermacht hatten, vor. Zum Schlüsse vertheilte der Verein ״Halbascha" an 50 Kinder hübsche Winterkleider. Wien. Eine Tischgesellschaft in Johann Mille's Restauration ״Hotel zur Nordbahn" Praterstraße 72, fasste anlässlich der Vermählung eines ihrer Tischgenossen den lobenSwerthen Beschluss, dass Jedermann, der an ihrer Tafelrunde Platz nähme, ׳ mindestens; einen Kreuzer täglich zur Bekleidung armer Schulkinder zu entrichten habe. Nach halbjährigem fleißigem Sammeln und Sparen ׳kam? ein nettes Sümmchen zusammen und die Gesellschaft wurde so in; die Lage versetzt, Donnerstag beit 8 ־. d. M. 18 arme Schulkinder^ ohne Unterschied der Confession mit vollständiger Winter-; kleidung zu betheilen. Nachdem die Kinder an einer reich gedeckten: Tafel in ihren neuen Kleidern Platz genommen halten, richtete der. Obmann der Gesellschaft, Herr Franz Beckert, an dieselben einei sinnige Ansprache, die von einem Knaben mit einer Dankreoe! erwidert wurde. Hierauf ergötzten sich die Kinder an einer opulenten; Jause und mannigfachen Leckerbissen, die ihnen vom gutherzigen Wirthe und dem als Wohlthäter bekannten Fleischselcher J.THeumann geboten wurden. Außer dem Obmanne und den Genannten haben sich noch die Herren Emanuel Frankl, Vicepräsident des Vereines ' reisender Koufleute, und Kinderkleider-Confectionär Leopold Weiß um die Förderung des Wolthätigkeitsactes verdient gemacht. Wie». Der Rossauer Männergesangsverein hielt Sonntag , den 4. December seine 2. Gründungs-Liedertafel im Hotel Union ab. Von dem zahlreich erschienenen distinguirten Publikum wurden sämmtliche Programm-Nummern, die unter Leitung des Chor- Meisters Prof. Franz Seifert sehr exact und präcis durchgeführt׳ wurden, beifällig ausgenommen. Die Solo-Violinpiece des Herrn Max Adler hatte einen solch' colossalen Erfolg, dass der Künstler; gezwungen wurde, bei stürmischem Aplaus und Bravorufen den Dank durch Zugabett zu quittiren. Herrn Adler wurde auch die Ehre zu Theil, dem Ehren-Horn die Krone abzunehmen, da sein Vortrag der Glanzpunkt des Abends war. Wien. Der israel. Krankenunterstützungsverein ״Montefiore" betheilte Donnerstag den 8. December 70 arme Schulkinder mit Winterkleidern. Dieser wohlthätige Akt, wurde durch eine kurze Ansprache von Seite des Präses des.Vereines, Herrn Spitzer eröffnet, worauf Herr Obercantor I. Goldstein mit gewohnter Meisterschaft einen ״Segen" vortrug. Die würdige Feier, welcher ein distinguirtes Publikum, u. A. Reichraths-Abgeordneter Dr. Bloch, anwohnte, schloss mit der Absingung der Volkshymne. Olmütz. Der neue Fürst - Erzbischof von Olmütz ließ jüngst alle seine, meist unbemittelten Verwandten, unter denen noch einige Juden sind, in seine Residenz berufen, wobei er ihnen freundlich entgegenkam, sie seiner unwandelbaren Treue versicherte und ihnen seine Unterstützung zu jeder Zeit in. Aussicht stellte. Ein Cousin des neuen Fürst-Erzbischof, der in Proßnitz wohnhafte Fleischhauer David Stiaßny, ein Jude, erzählt, dass der Großvater des Erzbischofs acht Geschwister hatte, sie waren 6 Brüder und 3 Schwestern, alle - nach Lundenburg zuständig. Die 6- Brüder ließen, sich wegen der damaligen Bedrückung der Emigranten von Seiten der Familianten taufen, die 3 Schwestern aber blieben Jüdinnen, deren Kinder auch noch heute dem Judenthume treu geblieben sind. Ppttg. Unter dem Theaternamen Irma Golz hat Fräulein Irma Goldstein, die jüngste Tochter unseres hochverehrten Cvllegen, Obercantor Josef Goldstein in Wien, am hiesigen deutschen Landestheate als ״Lucia von Lammermoor" thre Bühnencarriere begonnen und trotz ihrer jungen Jahre — Fräulein Golz ist erst 19 Jahre alt — schon bei ihrem ersten Auftreten einen durschlagenden Erfolg erzielt, der auch ein fixes Engagement herbeiführte. Die Debütantin wurde vom Publikum durch zahlreichen Beifall ausgezeichnet, der auch in der Presse einmüthigen.Ausdruck fand! Das ״Prager Abendblatt" berichtet : ״Das kleine, jugendlich anmuthende Persönchen hat eine Helle, für den kolorirten Gesang wie geschaffene, weich und wohlig klingende Stimme, für die Natur und Schule in gleicher Weise sich wohlthätig erwiesen haben. Was die Kritik vorzubringen hätte, wird Jenen, die für die weitere Ausbildung dieses überaus gewinnenden Talentes den Stützpunkt bilden, klar vor Augen stehen.. Solcher begabten Anfängerschaft gegenüber pflegt die Kritik gewöhnlich daneben zu hauen, oder offene Thüren einzurennen. Was bei dieser jugendlichen Sängerin, die zum erstenmal auf den Brettern stand, einnehmend wirkte, war nicht blos ihr liebliches und kindliches Singen, sondern auch das abgerundete Spiel unddas sichere Eingehen auf das Süuationsgemäße -der Handlung. Der Beifall steigerte sich nach jeder Scene und die Zahl der Hervorrufe, mehrte sich nach jedem Akt." Die Sängeritt ist eine Schülerin des Wiener Gesangöprosessors Löwenstamm, dem -die Prager Direction zu dem ״überaus glänzenden-Erfolge seiner ,Schülerin und seiner ausgezeichuelen Methode" gratulirte. Budapest. Der ungarische Cultus- und Unterrichts- .minister hat die Constituirung einer türkisch-sephardischen Gemeinde in Budapest nicht gestattet.- Diese Nachricht hat nicht verfehlt,;Aufsehen zu erregen, da man die Ursache des Vorgehens dieses Ministers .gegen die Sephardim nicht begreifen kann, zumal die türkische Negierung schon im Passarowitzer Frieden vom Jahre 1717 besondere Begünstigungen für ihre jüdischen Unterthanen, die sich in Oesterreich oder Ungarn niederlassen wollen, ausbedungen hat. Budapest. Baron Hirsch machte eine Stiftung von drei Millionen. Gulden, deren jährliche Zinsen (120.000 fl.) unter ungarische Arme, ohne Unterschied der Confession vertheilt werden sollen. Frau David Bischitz wurde mit der Vertheilung der Zinsen betraut. Dieselbe organisirte ein Vierercomite zur Durchführung der Stiftung. Berlin, 8. December. Der heutige conscrvative Parteitag vollzog offen die Schwenkung zur antisemitischen Demagogie, indem er mit großer Mehrheit nicht nur. den Programm- Entwurf, welcher eine christliche Obrigkeit und christliche. Lehrer verlangt, sondern auch den Antrag auf Streichung des Satzes, welcher die Ausschreitungen des Antisemitismus - verurtheilt, mit allen gegen 7 Stimmen annahm. Letzterer Antrag gieng von dem bekannten Bielefelder Rechtsanwalt. Klasing aus, der kürzlich auch Oberminder vertheidigte. Klasing erklärte, die Judenfrage sei der Kern- Punkt des ganzen politischen Lebens; das Judenthum sei ein unversöhnlicher Todfeind der conservativen Partei und des conservativen Princips; der Kampf zwischen beiden werde nicht anders enden, als mit der politischen Vernichtung des einen oder andern. Berlin, 9. December. Nach vierstündiger Berathnng verkündete der Gerichtshof. um 9 Uhr Abends das Urtheil gegen Ahlwardt, das auf fünf Monate Gefängnisstrafe lautete. Das Gericht hat eine Beleidigung im Sinne der Paragraphe 185 und 166 angenommen und weil der Angeklagte bewusst das öffeniliche und das Staatsinteresse gefährdet hat, auf vorstehende Strafe erkannt. Ein strikter Beweis, dass Ahlwardt die Unwahrheit der