Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 30 (11.12.1892)
- Date
- 1892-12-11
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 30 Oesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. von ihin behaupteten Thatsachen gekannt habe, sei nicht geführt worden, weshalb nicht auf verleumderische Beleidigung erkannt worden ift. Die Behauptung, die Löwe'schen Gewehre seien unbrauchbar, seien durch die Gutachten der militärischen Sachverständigen und durch Proben des besonderen gerichtlichen Sachverständigen Barella widerlegt, der in Spandau aus fünf herausgegrisfenen Gewehren im Schnellfeuer 130 Schüsse abgab. Die Sachverständigen haben eidlich die Gewehre für gut und kriegsbrauchbar:erklärt. Der Angeklagte habe nicht gescheut in blindem Judenhasse den ganzen Beamsenstand zu treffen; er beleidigte daraus los, man darf sagen gewerbmäßig. Wenn es Hunderte von Ahl-! wardts gäbe, würde bald Niemand mehr ruhig aus der Straße gehen können. Löwe und Kühne hätten ihr Bestes daran gesetzt, dem Staate gute Gewehre zu liefern. Um 10 Uhr Abends wurde die Verhandlung geschlossen. Bttnzlan. Ein wunderbares Beispiel dafür, mit welcher Perfidie die Antisemiten agitiren, liefert wieder einmal die ״Krzztg." Vor einiger Zeit stellte sie in einem Leitartikel die Forderung auf,' die Regierung möge die jüdischen Neligionöbücher auf ihren moralischen Gehalt hin prüfen, da begründeter Verdacht vorhanden sei, dass die Lehren dieser Bücher mit der christlichen Sittenlehre nicht im Einklang zu bringen wären. Wir unterstützten damals das Verlangen der ״Krzztg.", weil wir wussten, dass dadurch die Lügenhaftigkeit dieser Unterstellung am schnellsten zu Tage treten müsste. Bekanntlich steht denn auch die Negierung im Begriff, dieser Kreuzzeitung-Forderung nachzukommen. Es ist'schon in mehreren Bezirken von amtlicher Seite die Vorlegung der für den israelitischen Religionsunterricht benutzten Bücher angeordnet worden. Nun bekommt es die ״Krzztg." mit der Angst, sie kennt die jüdische Religionölehre genügend, um zu wissen, dass die Prüfung kein anderes Ergebnis haben wird, als eine neue Festste!- lung der Verlogenheit der antisemitischen Presse. Dem ihr drohenden Fiasko sucht sie Nun dadurch die Spitze abzubrechen, dass sie die neue Lüge verbreitet, die Juden hätten eine g ute ״geschriebene" und׳ eine schlechte ״ungeschriebene" Moral. Sie verschreibt sich deshalb das folgende ״Eingesandt": ״Einsender dieses war in seiner Eigenschaft &U Kreis-Scyulinspektor auf Grund der mehrfach besprochenen Requisition auch in der Lage, die jüdischen Neligionsbücher an die Regierung einschicken zu müssen und auf diese Weise einen Einblick in dieselbe zu gewinnen. Er hat dabei den Eindruck gewonnen, dass man sich täuscht, wenn man etwa meint', gegen die Moral der Juden auf Grund ihrer gedruckten und veröffentlichten Sittenlehre einen Einspruch erheben zu können. Das der Regierung vorgelegte Buch enthielt ganz vorzügliche Vorschrifteil; wenn die Juden diese befolgen oder auch nur die-Hälfte davon, so würden sie ohne Zweifel die geachtetsten und beliebtesten Leute, sein. Es ist geradezu rührend — um nur zweierlei hervorzuheben — mit welcher Entschiedenheit der Wucher verurtheilt wird; von׳ Glaubensgenossen überhaupt. irgend welche Zinsen zu nehmen, wird als Sünde hingestellt. Ferner die äußerst strengen Regeln über Schamhaftigkeit und Keuschheit — es wäre herrlich, wenn hiernach Juden und Christen ihren Wandel einrichteten. — Man möchte meinen, dass die Herren vom Anti-Antiverein das Judenthum nur aus derartigen Büchern kennen; dann allerdings ift ihre hohe Ehrfurcht vor den ״jüdischen Mitbürgern" sehr berechtigt und ihre Bewunderung für die Erhabenheit des Judenthums erklärlich. — Aber sollte es nicht neben der ״geschriedenen" eine ״ungeschriebene" jüdische Ethik geben? Wie steht es mit der Anerkennung des Schulchan-Aruch seitens der Juden?" — Es ist immer dieselbe Geschichte. Erst werden erlogene Behauptungen aufgestellt, ergibt eine Prüfung deren Unwahrheit, so wird behauptet, es könnte doch wenigstens wahr sein. Ein Beweis wird dann erst gar nicht mehr versucht. Was die ״Krzztg." von den Juden behauptet, gilt zwar beileibe nicht von den Christen, aber von den Gesinnungsgenossen des Junkerblattes; sie haben in der That eine geschriebene gute und eine ungeschriebene schlechte Ethik. In der geschriebenen besindet sich auch das achte Gebot, die ungeschriebene kennt dieses nicht, sie lehtt vielmehr, wie auch das vorstehende ״Eingesandt" beweist: Calunmiare audacter.,.! Seite 7. Paris. In der Synagoge der Rue de la Victoire wurde am Freitag ein Trauergottesdienst für die in Dahomey und Tonking gefallenen jüdischen Offleiere und Soldaten abgehalten. Der Präsident der Republik, die Minister des Krieges und der Marine und der Generalgouverneur von Paris hatten sich durch Ordonanz-Officiere vertreten lassen. Unter den Anwesenden bemerkte man die Generäle See und Levy-Alvarez (beide Israeliten), mebrere Abgeordnete und Kameraden der für Frankreich Gestorbenen. Der Groß-Nabbiner Zadok Kahn hielt eine bewegte Ansprache an die Versammlung, in der er den Antisemitismus als eine Barbarei und unfranzösisch brandmarkte. — Rittmeister Eremieur- Foa, der nach seinen Duellen mit Drumont und anderen Autisemiten nach Dahomey geschickt worden war, ist daselbst den im letzten Treffen erhaltenen Wunden erlegen. Die Journale widmen dem Verstorbenen bewegte Nachrufe. Sein Fall sei ein ungewöhnlicher gewesen, denn man hatte ihn nur nach Dahomev geschickt, um den bekannten Duellen ein Ende zu machen. Petersburg. Die Elementarschulen der Juden werden von jetzt an den jüdischen Gemeinden und Synagogen-Vorständen entzogen und dem ״Ministerium der Volksaufklärung" unterstellt, welches unter glänzendem Scheine mehr an der Verdummung des Volkes arbeitet. Jedenfalls ist die so unwürdig behandelte jüdische Bevölkerung, der man auf Reisen nur unter den schmerzlichsten Eindrücken begegnet, bisher die einzige, welche keine Analphabeten aufzuweisen hat. Seiner Schulbildung allein verdankt der russische Jude, dass er trotz der Knechtschaft, in der er zu leben verurtheilt ist, sich gewandt in jede Lebenslage zu schicken versteht. Wegen seiner Sprachkentniße er spricht außer hebräisch, fast durchgehends russisch, polnisch und deutsch — ist er für den Fremden geradezu unschützbar. Er ernährt sich auch nicht blss von Handel, Schneiderei und anderen leichten Handwerken, er ist auch Maurer, Zimmerer, Erdarbeiter, Schlosser, ja sogar Schmied und dabei ein tüchtiger Arbeiter. Dem Verkehrswesen gehört er als Chausseegelderheber, als Steinklopfer — ein unendlich schweres Brod — und als Droschkenkutscher an und kommt in letzterer Eigenschaft nur dann in Verlegenheit, wenn er sich Freitag Nachniittags für eine Fahrt über Land engagirt und der Passagier über Sonnenuntergang auszubleiben gedentt — für den Sabbath Hot jeder jüdische Droschkenkutscher einen christlichen Vertreter. Dieser Bevölkerungstheil soll also nach neuester Ordnung geradezu verdummt werden. Er wird sich aber nicht verdummen lassen; denn je stärker der Druck, desto ersindungsreicher ist der Gedrückte. Und Hilst ihm nichts mehr, dann wird sich die Auswanderung steigern. Vielleicht entspricht dies den Wünschen der russischen Staatsleitung. Weitere Maßregeln gegen die Juden werden auch aus anderen Orten gemeldet. Sämmtliche, im Gouvernement Taurien gelegenen Marktflecken, wurden bis auf einen, in einfache Dorfgemeinden umgewandelt, was zur Folge hatte, dass die bisher in diesen Marktflecken anfäsfigen Juden, welchen nach den bestehenden Gesetzen die Ansiedelung in Dörfern untersagt ist, den Befehl erhielten, ihre Wohnorte in kürzester Frist zu verlassen. Die gleiche Maßregel ist auch für das Gouvernement Cherson und das Verwaltungsgebiet von Bessarabien in Aussicht genommen. In Moskau waren die alte und die neue Synagoge polizeilich geschlossen worden. Die Juden von Moskau benutzten, um am Neujahrötage Gottesdienst abhalten zu können, die Räume ihrer Handwerkerschule. Dagegen protestitte jedoch der Polizeimeister General Wanowski. Hierauf beschwerte sich die jüdische Gemeinde bei dem General^ Gouverneur Großfürsten Sergei, doch ohne Erfolg. Man richtete nunmehr eine Eingabe an den Minister des Innern, Durnowo. Die Antwort erfolgte mit einer für russische Verhältniße überraschenden Schnelligkeit, nämlich schon nach — vierzehn Tagen. Der Inhalt dieses Bescheides war der, dass der Rabbiner Minor der Gemeinde dauernd aus Moskau ausgewiesen und in feiner Geburtöstadt internirt wurde, mit der Maßgabe, dass er nie wieder das Amt eines Rabbiners bekleiden dürfe, und dass der Stadtrath Schneider, der jene Petitionen der Juden veranlasst, auf zwei Jahre aus Moskau verwiesen wurde.