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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1892-12-11 · Heft 30 (11.12.1892) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
12 (1892)
Issue
Heft 30 (11.12.1892)
Date
1892-12-11
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 30 Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Seite 6. sie auch die Einwendungen der Gegner,׳ nicht vollständig zu entkräften und zu Schanden machen und sie brauchten weder Sadducäer noch Judenchristen zu fürchten. Mit dem Verluste des zeitlichen Glückes gieng das ererbte, geistige, heilige väterliche Erbe nicht in Brüche, im Gegentheile, die besten Kräfte vereinigten sich in dem einen Punkte, das religiöse, geistige Gebäude von Neuem aufzurichten und herrlich auszustatten. Das Studium der Tradition war der Trostbecher, aus dem die Verbannten neuen Lebensbalsam tranken und sie für die mannigfachen Leiden völlig entschädigte. Eines Sinnes und eines Herzens waren sie in dem Gedanken, dass von nun ab die Befestigung und Erhaltung der traditionellen Lehre das alleinige einigende Band sei, um die nach allen Richtungen der Windrose zerstreuten Glieder an einander zu ketten. Nur bezüglich der äußeren politischen Erhebung gierigen die Ansichten stets auseinander. Schon zur Zeit als sie von Babylonien nach Palästina unter Darius zurückkehrten, erkannten die Rationellen, dass Israels Aufgabe in der Weltgeschichte nicht in politischer Machtstellung gipfle, sondern nur in der geistigen, moralischen und 'religiösen Stärke; daher riethen sie immer dem Volke, das Joch der Fremdherrschaft geduldig zu ertragen. Die Schlachten, die das tobesmuthige Heldengeschlecht der Makkabäer gegen ihre Bedränger führten, galten nicht der Eroberung von Ländern, um äußerlich anderen Völkern gegenüber zu prangen, sondern wurden nur darumgeführt, um das unveräußerliche Gut der Neligions- und Gewissensfreiheit zu erlangen. Nur zur Zeit der letzten Makkabäer, als sie sahen, dass die Religion durch jede Fremdherrschaft einer Gefahr preisgegeben ist, begann der Wunsch nach politischer Selbstständigkeit bet den Volksvertretern und mitten im Volke selbst lebendig zu werden. Daher wurde es Grundsatz der Zeloten, dass zur Erhaltung der Religion stets die Weltenbürger das Lebensjahr .auf einmal und macht mit ihm einen naturgesetzlichen Vertrag, dasselbe in Theilen ihr zurückzuzahlen. Auch ich zahlte meinen Theil sehr pünktlich ohne Versäumnis wie jeder Sterbliche, denn inzwischen sind Tage und Wochen verstrichen, ich wurde bald ein Llebting meiner Schulcollegen, und Neb Chajim, der mich jeden zweiten Tag zum Mittages!en zurückzubleiben bat, stellte es so an, dass die Einladung doch nicht die Form eines Kosttages hatte. ״Mechali", sagte er zu mir, so dass es alle Schüler hörten, ״wenn es dir angenehm wäre, könntest du in der freien Zeit die Mali — seine ältere Tocher — Jüdisch schreiben lehren, wofür sie dich im Deutsch-Lesen und Schreiben unterrichten müsste." Sie dürfen mich nicht auslachen, wenn ich Ihnen im Vertrauen eingestehe, dass der Antrag des alten Neb Ehajim mich so verlegen machte, dass ich feuerroth wurde und die Augen senken musste. Warum, kann ich auch jetzt noch nicht sagen. Ich weiß nur, dass ich während der ganzen Zeit, als ich die Vorträge des Reb Chajim besuchte, immer auf seine Mali wie auf ein höheres Wesen bllckte. Sie imponirte mir ganz besonders, war sie doch die erste, die ich deutsche Bücher lesen sah. Welche Augen machte ich, als sie uns die Galvanische Erfindung explicirte, und es kam so weit, dass ich das Bedürfnis fühlte, Mali zu sehen und sie sprechen zu hören; was sie sagte, es konnte was immer sein, war für mich maßgebend. Und doch fürchtete ich den Antrag des guten Reb Chajim anzunehmen; ich werde doch ganz allein in ihrer Gesellschüft weilen müssen und was werde ich ihr sagen!? Das sind die Folgen oes Jeschiwalebens, die Eindrücke dieser faulen Luft hasten uns unser Leben lang an. Die ewige Furcht des Beobachtetwerdens bleibt uns, auch wenn wir unsere eigene Herren sind. Wäre ich in einer anderen Atmosphäre erzogen worden, so wäre ich ja bald darauf gekommen, dass ich Mali politische Unabhängigkeit von größtem Belange sei, da jede Ingerenz in religiösen Angelegenheiten seitens unberufener Machthaber eine immense Gefahr in sich berge. Darum wollten sie stets frei und unerschrocken die Fahne der Revolution hoch schwingen. (Fortsetzung folgt.) Kleine Chronik. Wien. Nächsten Freitag findet bereits der erste feierliche Abendgottesdienst in der Seitenstetten-Synagoge statt, bei welchem man sich eine besonders zahlreiche Theilnahme der Damen verspricht. Außer dem gewöhnlichen Gottesdienste wird vor Olemi eine Predigt gehalten und ein deutsches Lied mit Orgelbegleitung gesungen, wobei der durch Damen verstärkte Chor sich auf der Orgelgalerie befindet. Der Text des deutschen Liedes ist von dem Sobne des Präsidenten der Wiener Cultusgemeinde :H. v. Guttma n n, die Melodie von dem Chordirektor Professor Josef Sulzer. In der letzten Sabbathpredigt hat Dr. Jellinek die Gemeinde zu besonderer Theilnahme an diesem Gottesdienste ausgefordert. Wien. Der Abgeordnete Baron Sommaruga richtete vorige Woche namens der liberalen Partei eine Interpellation an den Ministerpräsidenten Grafen Taaffe wegen der hetzerischen Reden der Antisemiten in öffentlichen Versammlungen. Bei der jüngsten Versammlung des berüchtigten Abgeordneten Schneider brach die aufgehetzte Menge in die Rufe aus: ״Hängt die Juden, schlagt sie todt, ins Wasser mit ihnen!" Prinz Lichtenstein forderte in einer von 2000 Menschen besuchten Versammlung auf, den Juden die Kundschaft zu entziehen und nur bei Christen zu kaufen. Die anwesenden Regierungsoertreter schritten nicht ein. Es gewinnt hiernach den Anschein, dass den antisemitischen Verhetzungen durch behördliche Organe sogar Vorschub geleistet werde. Die Interpellanten fragen, wie die Regierung ein solches Vorgehen ihrer Organe rechtfertigen könne und was sie zu thun gedenke, um den immer heftiger werdenden antisemitischen Verhetzungen zu begegnen. Wien. Die parlamentarischen Ercesse, welche Tag für Tag seitens der Antisemiten des Abgeordnetenhauses begangen liebe, und wenn man liebt, so hat man sich ja so viel Schönes und Interessantes zu erzählen; ich wusste dies aber nicht und war verlegen. Der Erzähler schwieg eine Weile und schien zu überlegen. Nicht wahr, sagte er dann seinen früheren Ton anschlagend, Sie entschuldigen mich, wenn ich Ihnen mit solchen kindischen Kleinigkeiten den Kopf voll mache? Es ist so angenehm, in die Jugend zurückzudenken, sie ist doch der schönste Abschnitt unseres so wechselvollen Lebens, in der Jugend dürfen wir alles machen, denn die Jugend ist die entschuldigte und concessionirte Narretei. Neb Chajim schien meine Verlegenheit zu merken, was er dabei dachte, weiß ich nicht, ich hörte nur wie er die Matt aus ihrem Zimmer rief und ihr seine Absicht mittheilte, die sie mit der größten Gleichgiltigkeit entgegennahm. Am nächsten Tage, es war an einem Dienstage, gaben wir uns gegenseitig die erste Lection. Ich lernte sehr fleißig, Mali, die besonders stolz war, die Lehrerin des väterlichen ProtectionskindeS zu sein, hörte mich täglich die Aufgabe ab, bis sie eines Tages Reb Chajim um Erlaubnis bat, mich auch in ihren Schulgegenständen unterrichten zu dürfen. ״Kann er denn schon so viel, dass er Deine Aufgaben mit Dir zu machen im Stande wäre?" frug der gute Alte überrascht. ״Ja, Vater", gab sie ihm zur Antwort, ״er lernt sehr fleißig." Der Alte sah mich sehr ernst und lange an, sagte aber gar nichts und gieng. (Fortsetzung folgt.).

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