Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 30 (11.12.1892)
- Date
- 1892-12-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Vesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Nr. 30. Haltung der Thora vorhanden war, Nabbi Jochanan den Sakkai, Mitglied des Synedrinms zur Zeit des Tempelbestandes, ein Schüler Hillel's, ein Mann, dessen Charaktergrundzug Friedensliebe war, der über die Lichtseiten des Friedens stets einen passenden Spruch hatte und ihn gleichzeitig aus dem Urtexte der Bibel deducirte, und in Folge dessen seinem Volke zu einem Friedensabschlusse mit den Römern rieth. Dieser äußerte in seinem Nnmuth, das künftige Geschlecht werde aus Unkenntnis der mündlichen Ueberlieferungslehre ras Unreine für rein, das Falsche als Wahrheit erklären; denn vor seinen Augen schwebten die vielen Gegner der pharisäischen Lehre, welche auf ihre Fahne ewigen Hass der mündlichen Ueberlieferungslehre schrieben. Dies waren die Sadducäer und die Judenchristen. Jochanan ben Sakkais Furcht vor den Sadducäcrn war eine berechtigte, da sie kurz vor Jerusalenis Zerstörung die Hegeinonie halten und mit besonderer Vorliebe es darauf absahen, die Pharisäer in religiösen Controversen in die Enge zu treiben. (Lada Lntra 116, Nennckot 65.) Auch seine Sorge der Judenchristen wegen war eine begründete, da die magnetische Kraft ihrer Theorien das jüdische Volk immer mehr zum Abfalle von der ererbten Lehre zog, nicht minder war fein Kummer wegen der inneren Zerwürfniße zwischen Schammaiten und Hilleliten ein gerechtfertigter, weil Erstere durch ihre drakonische Strenge in der Auffassung und Handhabung der Gesetze die Zahl der Abtrünnigen immer vermehrten. Rabbi Jochanan nahm ferner wahr, dass die ganze Tradition keinen Stützpunkt in der Bibel hatte und nur Sache des Gedächtnißes war, die Reihen seiner Träger jedoch durch Schwert, Feuer, Hunger und Exil gelichtet waren. In Ansehung dieser Umstände bediente er sich kurz vor Jerusalems Zerstörung einer List, um der Gefahr zu entrinnen und durch die Rettung feines eigenen Lebens einen wesentlichen Dienst dem Judenthm zu Ans der Jeschibaxett. Erzählung von Cantor Landau in B u t s ch o w i tz. (Fortsetzung.) Meiner Freude konnte ich damals unmöglich Halt gebieten und selbst jetzt noch, da ich Ihnen diese Begebenheit erzähle, finde ich zur Beschreibung derselben keinen passenden Ausdruck.. Denn wohlgemerkt' Ich, der arme ״Mechali" — so heiße ich nämlich — werde der Schüler des alten Reb Chajim sein, ich werde mit den Söhnen der größten Leut' des Städtchens Schulcolleg' werden, diese Patricier werden keinen Anstand nehmen, öffentlich mit mir ״Hand aus Schulter" zu gehen, ich werde einem dieser stolzen Schüler von Reb Chajim, zu dem die Kinder anderer Schulen, selbst die jungen Leute, die schon im Bet Hamidrasch selbstständig lernen, heraufzusehen fürchten, nach Belieben begegnen und ihn in der Gasse laut rufen dürfen. Welche Freude für mich und meine Eltern!? — Eine halbe Stunde später saß mein armer, gebrochener Vater tief nachdenkend beim Ofen des drei Meter großen Stübchens und baute riesige Lustschlösser. Mit einem Male kam, wie mit einem schweren Seufzer, das Wort ״großartig" über seine bisher schweigsamen Lippen. Diese Expectoration ließ mich auch seinen Gebankengang errathen. Nachdem ich nach Hause gekommen war und dm. Ellern vom großm Glück erzählt hatte, sah mich mein Vater schon als eine Koryphäe des Judenthums, wie ich in einer der großen Landesstädte, wo gerade ein Rabbinerposten vacant gewordm ist, mit allgemeinen! Beifalle eine Predigt hielt.. Aus Ueberraschung, seinen klemm Mechali so groß und bewundert zu schm, vergaß er ganz, dass er fast nackt und barfuß, hungrig und frierend beim kallm Ofen seines kleinen Stübchens saß und stieß das mir zugedachte ״Bravo" aus. erweisen. Es gelang ihm mit Hilfe seiner Schüler und. Freunde aus der belagerten Stadt zu entkommen und den! Feldherr!! Vespasianus vorgestellt zu werden. In der festen Ueberzeugung, dass .Rabbi Jochanan ben Sakkai nicht zu den Revolutionären gehörte, nahm ihn Vespasianus wohlwollend auf. Wohl hätte er verschiedene Freiheiten und Rechte für Israel erwirken können, aber er verzichtete auf alle Interessen politischer Natur, er wollte nur den jüdischen Geist, die Seele der Thora und der Tradition gerettet wissen, daher bat er nur um die Erlaubnis, in Jamnia eine Pflanzstätte zur Verbreitung der Lehre und eine Synagoge zur Verrichtung der Andacht gründen zu dürfen, und um vollständige Neligions- und Gewissensfreiheit. Als ihm diese Bitte gewährt wurde, realisirte er auch sein Vorhaben nach Jerusalems Fall, gründete in Jamnia Lehr- und BethauS und beschäftigte sich mit der Sammlung traditioneller Satzungen, nicht nur solcher, die nicht an Zeit und Ort gebunden waren, sondern auch solcher, die sich auf Heiligthum und Palästina bezogen. Um aber dm vielen Gegnern der Tradition zu begegnen, bestrebte er sich im Vereine seiner zeitgenössischen Gelehrten, jeder überlieferten These auf den Grund zu kommen und deren Ursprung in der heiligen Schrift zu zeigen. Die Erforschung und Begründung der mündlichen Werlieferungstheorim in der Bibel ward nun das eingehende Studium der hervorragendsten Gelehrten dieser Zeit, vornehmlich in der Schule des Rabbi Nechunja ben Hakkanah und des Nachum, Jsch , Gamsu und erreichte ihren Höhe- und Glanzpunkt in der Schule des Nabbi Jsmael und Rabbi Akiba. Nunmehr erschien die überlieferte Lehre nicht mehr als eine Lehre der Alten, Torath Skenim, als Theorie menschlicher Satzungen, sondern als von Gott durch Moses gegebenen Gesetze, da ihr Ursprung aus dem Jungbrunnen der Bibel geschöpft wurde. Demzufolge vermochten ״Was ist, Vater?" frug ich, und die Kinder schaarten sich um die Mutter, mit der ihnen eigenthüm lichen Furcht, wenn in einem Zimmer große Stille herrscht und Plötzlich laute Ausrufe sich hören lassen. ״Nichts", antwortete der Vater. ״Und warum iveinst du?" frug erschrocken die .Mutter, als sie seine thränmvolleü Augen erblickte. ״Es sind keine Thränm!" wehrte der Vater ab, damit er seine Gedanken, die ihn einen Moment glücklich machten, nicht verrathe, ״es sind nichtige Bilder unserer Vorstellungskraft, die jeden Bettler in diesem Augenblicke zum Millionär machen können." — Der lang ersehnte ״Erste" war da, an dem ich mich bei Reb Chajim vorstellen sollte. Da wurde eine genaue, strenge Musterung gehalten. Der Vater putzte den Nock, die Schwester die Stiesel und die arme Mutter glättete mir das Haar, welches von ihren Thränen feucht wurde; galt es doch den ersten Eindruck auf Alle sehr gut zu machen. Begleiten durfte mich Niemand, denn der Vater wollte nicht, dass die stolzen Schüler bei Reb Chajim die Dankesworte oder gar die Thränen meines Begleiters hören und sehen sollen, denn ein solch' gerührter Einzug ins Lehrhaus -könnte von ihnen einmal zu einen! Vorwürfe gebraucht werden. Ich gieng also allein und — jetzt kann ich. es Ihnen offen sagen — mit sehr schwerem Herzen, eine Thräne drängte die andere— aber ich kam, sah und siegte. Wie ich nur die Thüre öffnete, empfieng mich Reb Chajim mit besonderer Freundlichkeit und setzte mich zu seiner Rechten. Tage kommen, Tage gehen, jeder Tag des Lebens. ist reich an Ereignißen und enthält so viel wie ein starker Weltgeschichtenband; jeder Schlag der Uhr ist ein Mahnruf des schwindenden Lebens, die Natur ist ein Bankhaus, sie gibt dem neugeborenen