Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 30 (11.12.1892)
- Date
- 1892-12-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 30 Gesterreichisch-ungarische Santoren-Zeitung. streckte er ihm sehr viel Geld vor und schloss mit ihm einen Ver׳ trag auf ewige Zeiten für sich und seine Kinder. Zu dieser Zeit war Moses noch ein junger Knabe, er wuchs heran in vieler Wissenschaft und genoss darum großes Ansehen. Eines Tages, den er für günstig hielt, flüchtete er sich und gieng zu Schiff, so! wie Abraham sein Land und seinen Geburtsort verließ, und kam nach Holland, wo er sich beschneiden ließ, um ״wieder" Jude zu werden. Von da gieng er nach Wien, die Kaiserin nahm ihn gütig auf, gedachte des Vertrages zwischen ihrem und seinem Vater und machte ihn zu Freiherrn." Auch in den Werken ״Oiwre Schelomo" und ״Zemach hoorez" wird das segensreiche Wirken Aquilars in wenigen Worten sehr gepriesen, allein alle diese Daten sind nicht geeignet, Material zu einer ausführlichen Biographie dieses um Juden und Judenthum so hochverdienten Mannes zu liefern, daher ihn Jost gar nicht und Grätz nur vorübergehend erwähnt. Wahrlich dieser edle, unvergleichlich große Philanthrop, der, wie wir es im Nachstehenden beweisen werden, seinen österreichischen Stammesgenossen ein zweiter Moses war, hätte von den jüdischen Gelehrten seiner Zeit, obwohl er keine pilpulistischen Dissertationen geschrieben — was übrigens auch Moses nicht gethan — mehr gewürdigt und -er Vergessenheit entrissen zu werden verdient. Ich besitze ein Manuseript eines bis nun nicht edirten Werkes, dessen Titel ״Megilat Sedorim" lautet. Der Verfasser desselben nennt sich Abraham, Sohn des Rabbi Mordechai Leipnik. Abrahams Vater bekleidete eine Zeit lang das Rabbinat der sephardischen und aschkenasischen Gemeinden in Temesvar in Ungarn, kam aber später nach Ung.-Brod in Mähren, wo er zum ersten Nabbinatsassessor ernannt wurde. Letztere Stadt nennt Abraham seinen Geburtsort, den er nach seiner Verheirathung verließ, um nach Aussee in Mähren, dem Heimatsorle seiner frommen, wackeren Gattin zu übersiedeln.׳ In diesem in hebräischer Sprache geschriebenen Werke ״Megilat Sedorim" erzählt Abraham ausführlich die Leidensgeschichte der Gemeinde Aussee, die vom Jahre 1722, wo ihr schönes Gotteshaus infolge lügenhafter Verlenn!düngen ״Bilbulim" über hochämtlichen Auftrag auf ihre Kosten demolirt werden musste, bis zum Jahre 1753 keine Synagoge besitzen und den öffentlichen Gottesdienst nicht abhalten durfte. Um ihrem unerträglichen Leiden denn doch ein Ende machen zu können, entschloss sich die Gemeinde, unseren Abraham und seinen Schwager Jsak Kohen, die zu ihren achtbarsten, inielligentesten Mitgliedern gehörten, nach Wien als Deputation zu entsenden, damit sie dort durch Vermittlung hervorragender, äugescheuer, einflußreicher jüdischer Persönlichkeiten bei den höchsten Behörden es erwirken, dass ihr, der Gemeinde nämlich, ihre alten Rechte wieder bewilligt werden, auf dass sie in die Lage versetzt werde, ihre heiligsten religiösen Pflichten erfüllen zu können. Dort angelangt, stellten sie sich vor Allem dem Landesrabbiner Berusch Eskeles, dann den Herren Salomon Sinzheim, Mordechai Jafa, Baron de Aquilar und dessen Schwager Leb Wertheim, der .ein Sohn des-berühmten R. Samson Wertheim gewesen, vor, und schilderten ihnen die höchst traurige Lage der Gemeinde Aussee. Durch Intervention dieser Männer, besonders durch die des Baron de Aquilar, gelang es endlich der Gemeinde Auffee, ihr Recht zu finden und ihre sehnlichsten Wünsche in Erfüllung gehen zu sehen. Es. ist nicht unsere Absicht, den Inhalt dieser sehr interessanten Megilla, die durch den Druck veröffentlicht zu werden verdient, zu reproducireu, sondern wir wollen hier blos jenen Theil der Hakdama- Seite 3. Vorrede, der in gedrängter Kürze die Lebensgeschichte Aquilars enthält, anführen. Derselbe lautet: ״Der würdige Fürst, der Ger Zedek, wahrhaft fromme Proselit Don Moses L. Lopus (Levpez) Baron de Aquilar, entstammte einer hochachtbaren Marranenfamilie aus Spanien. Als Christ führte er den Titel Herzog und bekleidete beim König Karl III., dem nachmaligen Kaiser Karl VI., das Amt eines Kanzlers, Sofer hamelech. Er besaß große Reich׳ thümer und Güter im Werthe von 30 Millionen. Als sein Vater, der ebenfalls ein vornehmer Fürst war, sein Ende herannahen sah. theilte er ihm im Vertrauen mit, dass er von vornehmer jüdischer Herkunft sei. Nach dem Tode seines Vaters verließ Aquilar heimlich Spanien, ließ alle Güter zurück und nahm blos bares Geld, das er von feinem Vater geerbt, ungefähr 16 Millionen, ferner seine Mutter, seine Frau und seine Kinder, einen Sohn und zwei Töchter mit und flüchtete sich nach Holland. In Amsterdam angelangt, ließ er sich und seinen zehnjährigen Sohn beschneiden, seine ganze Familie in den Bund Abrahams aufnehmen. Sich selbst legte er den Namen Moses bei, weil er glücklich dem Wasser entronnen und seinen Sohn nannte er Elieser,weil der Gott seiner Väter ihm beigestanden. Während der Zeit, als Aquilar unter der Regierung des Königs Karl in Spanien das Amt eines Kanzlers inne hatte, bekleidete Fürst Wenzel Lichtenstein, mit dem er sein Leben lang sehr befreundet war, am selben Hofe das Amt eines Obersthosmeisterst Als Karl VI., der nach dem Tode seines Bruders Kaiser Josef I., der keine männlichen Nachkommen hinterließ, den Kaiserthron bestieg, in Erfahrung gebracht, dass sein einstiger Kanzler de Aquila Spanien heimlich verlassen und sich nach Holland geflüchtet habe, um dort ungestört und unbehelligt als Jude leben zu können, ließ er ihn mit seiner Familie nach Wien kommen, wies ihm in der ״spanischen Kanzlei" eine prachtvolle Wohnung an und übertrug ihm wichtige Staategeschäsie. Ja, er wollte ihm auch den Titel Herzog, den er schon in Spanien führte, verleihen, allein Moses lehnte einerseits aus großer Bescheidenheit und andererseits aus Furcht, es könnte den Neid der nichtjüdischen Adeligen erregen, diese hohe Auszeichnung dankend ab und begnügte sich mit dem Freiherrntitel. In Wien erfreute sich Baron Aquilar bald der Gunst und Freundschaft der Hofleute, besonders treu ergeben blieb ihm stets sein Jugendfreund Fürst Menzel Lichten st ein. Da nun auch Abraham Leipnik, obwohl er mit Baron Aquilar häufig verkehrte, über die letzten Lebensjahre desselben nichts zu berichten weiß, so muß ich meinen Aufsatz mit den Worten der heiligen Schrift schließen: Und Niemand hat bis auf den heutigen Tag erfahren, wo Moses seine ewige Ruhestätte gefunden. Gin Kild des israelitischen Staates vor dessen Auflösung. Nach talmudischen Quellen bearbeitet von-Dr.'Abraham Lkwy, Rabbiner und Prediger in Neu-Bidschow (Böhmen). (Fortsetzung.) Die bedächtigen, klugen Gelehrten dieser Zeit, deren Augen nicht trübe geworden, um die nächste Zukunft aus der Gegenwart zu erschließen, merkten die herannahende Gefahr, dass Zsracss Religion in Hinkunst der Vergessenheit anheimfallen könne. Vornehmlich erkannte die große Gefahr, welche für die Fortpflanzung und Er-