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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1892-12-11 · Heft 30 (11.12.1892) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
12 (1892)
Issue
Heft 30 (11.12.1892)
Date
1892-12-11
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 wieder unsere schon oft gemachte Erfahrung bestätigt, dass Angelegenheiten — selbst von allgemeiner Bedeutung — sobald sie nur die cantorale Interessensphäre tangiren, in den maßgebenden Kreisen der Wiener Cultusgemeinde einer gewissen Aversion begegnen, die eine objective und sachliche Behandlung nicht zur Folge haben kann. Wahrhaftig, der Ruf des Rabbinerseminars in Breslau, oder desjenigen in Budapest hat keineswegs dadurch gelitten, dass an demselben auch Cantorscandidaten herangebildet werden, ja vielmehr die an denselben bestehenden Cantorenschulen haben sich als nützliche und segensreiche Institutionen erwiesen, die noch dazu den Bortheil bergen, dass sie fast gar keine oder Nur ganz geringe materielle Opfer für ihre Erhaltung in Anspruch nehmen. Wenn nun in der Organisation des neuen Wiener Rabbinerseminars bisher kein Plätzchen für Cantoratseleven freigelassen wurde, so ist es Ausgabe und Pflicht des Vorstandes des öfterreichisch-ungarischen Cantorenvereines mit aller Energie die nöthigen Schritte einzuleiten, damit das Versäumte baldigst nachgeholt werde. Hiebei genügt es natürlich nicht, wie es kürzlich von Seiten des Präses des Cantorenvereines geschah, in einem Blatte, das der Angelegenheit interesselos gegenübersteht, die Dringlichkeit der Errichtung einer Cantorenschule mit allerdings beredten Worten und schwerwiegenden Motiven darzuthun; das geschriebene Wort, zumal am Unrechten Platze angebracht, gleicht einer flüchtigen Erscheinung, die kaum gesehen, spurlos von der Bildfläche verschwindet. Die Sache muß ernster angefasst werden und wir haben ja bei der durch die Intervention des Vereines herbeigeführten Anerkennung der Cantoren als Religivnsdiener gesehen, dass einmüthiges, zielbewusstes Vorgehen zu ungeahnten' Erfolgen den Weg bahnt. v Und so kann es auch in diesem Falle geschehen. Der Cantorenverein muß in einem Memorandom alle jene Momente zusammenfassen, welche die Wichtigkeit und Bedeutung einer Cantorenschule, sowie Notwendigkeit deren baldiger Errichtung darthun, und dieses Elaborat durch eine aus dem Präsidium bestehende Deputation den maßgebenden Persönlichkeiten und Körperschaften vorlegen lassen. Das Gewicht der Thatsachen wird schließlich die bisher etwa laut gewordenen Bedenken beseitigen und das angestrebte Ziel auch näher rücken. Es wäre endlich wieder Zeit, dass der Vorstand des Can- Lorenvereines, der in den letzten Monaten — wir müssen dies zu unserem größten Bedauern constatiren -— seine Kräfte an der Austragung persönlicher Differenzen zersplittert, und dadurch jedes gemeinsame Vorgehen unmöglich gemacht hat, sich aus seinem Schlummer auftaffe und durch eine offenbare That beweise, dass er sich der Pflichten, die er der Gesammtheit des Cantorenstandes gegenüber zu erfüllen hat, vollkommen bewusst ist. Hieran seien sowohl das Präsidium, wie auch der gesammte Vorstand gemahnt. Zur Kiographie Diego de AquUar. Von Dr. M. H. F r i e d l ä n d e r. Die jüdischen Schriftsteller wissen von Baron Aquilar sehr wenig, fast gar nichts zu erzählen. Grätz theilt in seiner Geschichte 10. B. S. 392 Folgendes mit: ״Moses Lopez Pereyra, mehr bekannt unter dem Namen Diego Aquilar (geb. 1700, gest. 1759), ein Marrane oder marranischer Abkunft, war über Amsterdam und London nach Wien gekommen, hatte durch Ausnützung der Tabakregle für dm Staat Carl VJ. wesentliche Dienste geleistet und Nr. 30. war deswegen in den Adelstand erhoben worden. Eine edle Natur, betrachtete Diego de- Aquilar die Sache seiner Religions- und Stammesgenossen als seine eigene. Er hat zuerst den. Grund zur portugiesischen oder türkischen Gemeinde in Wien gelegt, aus sephardischen Juden, die aus ungarischen Städten sich .in Wien niedergelassen hatten."^) Das ist Alles, 'was der größte jüdische Geschichtsschreiber unserer Zeit über Aquilar zu berichten wusste. Auch der verdienstvolle Historigraph, Dr. G. Wolf, widmet in seiner ״Geschichte der Juden in Wien" S. 68, dem Aquilar einige seine Verdienste um die Tabakregie charakrerisirende Zeilen, deren Schlußworte lauten: ״Diego de Aquilar zahlte anfänglich jährlich fl. 3000 Toleranzsteuer, dann fl. 2000, und als ihm diese Sunime zu groß wurde, zog er von Wien weg." Wohl hat der Dichter L. A. Frankl im Jahre 1855 in den ״Wiener Mittheilungen" die ״Geschichte Diego de Aquilar" veröffentlicht, allein so interessant dieselbe auch geschrieben ist, enthält sie denn doch nur mehr sagenhafte als historische Thatsachen. Die Mittheilung, die der sel. Chacham Rüben Baruch Herrn Dr. Frankl gemacht, dass Diego de Aquilar das Amt eines Inquisitors in Madrid bekleidete, bis einst seine Mutter .im ttefsten Dunkel der Nacht bei ihm erschien- und ihm Ent- Hüllungen machte, die einen solch' tief ergreifenden Eindruck bei ihm zurückließen, dass er noch in derselben Nacht Madrid verließ, beweist zur Genüge, dass Aquilar eine hervorragende, gefeierte Persönlichkeit war, weil sonst sein Leben und Wirken nicht durch die Legende gtorificirt worden wäre. Von historischem Werlhe hingegen sind die von Frankl auf Grund archivalischer Studien gemachten Mittheilungen betreffs der Verdienste, die Aquilar sich als Pächter des Tabakmonopols in Oesterreich erworben hatte. Die wahren Lebensverhältniße Aquilars sind jedoch aus demselben nicht zu entnehmen. Die einzige Quelle, die etwas Näheres über Aquilars Auswanderung aus Spanien rc. zu berichten wusste, und die auch Frankl anführt, war bis nun Trebitsch's ״Koroth haitim". Bekanntlich wurde im Jahre 1742 den mährischen Gemeinden ein Statthaltereierlaß folgenden Inhalts zugestellt: ״Es wird die gesammte Judenschaft im Markgrafthum Mähren ernst gmiessen, dass dieselbe von dato bis den 20. laufenden Monats März fl. 50.000 baar zusammenmachen und anher ׳liefern soll, widrigens alle Juden aller Orten, wo sie in.Mähren anzutreffen seien, geplündert und niedergemacht werden sollen. Brünn, 14. März 1742. Der Statthalter." In ihrer furchtbaren Aufregung wandten sich die Juden Mährens an den damaligen Landesrabbiner Eskeles und an Aquilar mit der Bitte, sie mögen-ihren Einfluss bei der Kaiserin Maria Theresia geltend machen, damit dieses grausame Edict des Statthalters aufgehoben werde, was ihnen auch thatsächlich gelungen ist. Bei dieser Gelegenheit berichtet Trebitsch über Aquilar Folgendes: ״Dieser Mann ist vor zehn Jahren nach Wien gekommen und hieß Moses Baron de Aquilar aus Spanien. Sein Vater war daselbst bei dem nachmaligen Kaiser Carl VI. ein sehr angesehener' Mann. Als der Monarch nach Wien berufen wurde, *) Im reichen Silberschatzeder türkischen Gemeinde in Wien befinden sich noch heute schwere silberne Rimonim, deren Inschrift und Widmung den edlen Lopez Pereyra als Spender bezeichnen. Zum Andenken an den Gründer der Gemeinde wird alljährlich am Kal-Nidrer Abende im Tempel für denselben die übliche Haschkäwah abgehalten. Die Red. Mesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeiking.

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