Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1892-12-01 · Heft 29 (1.12.1892) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
12 (1892)
Issue
Heft 29 (1.12.1892)
Date
1892-12-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/1304829-3453241-3453270--3598-3457971
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 6. Oesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. NU 29. Stimmlagen ausgeglichenen Mezzosopran des Fräulein Finkenstein zu lauschen, die durch ein reichhaltiges Programm die Vielseitigkeit ihrer Kunst bezeugte und sich als eine geistvolle, von wahrhaft künstlerischer Auffassung durchdrungene Interpretin klassischer und moderner Liedercomponisten erwies. Mit Recht bemerkte einer der hervorragendsten Wiener Kritiker: Jettka Finkenstein weiß vor- .trefflich zu individualisiren und jedem ihrer Gesänge eigenes Ge- -präge und eigenen Reiz zu verleihen. Sie hat für Gluck und die alten Italiener die herbe Größe, für Lieder von Schubert ״Doppelgänger" und ״Wegweiser" den tiefen Ernst, für Mendelssohn und Brahms die Milde, für das französische Lied den Esprit und dm vornehmen Geschmack. Zu diesen geistigen Qualitäten gesellt sich eine angenehme Stimme und die seltene Kunst, diese Stimme den künstlerischen Intentionen dienstbar zu machen. Stürmischer und wolverdienter Beifall wurde nach jeder einzelnen Nummer des Programmes sowohl der Sängerin als auch der trefflichen Clavierbegleitung des Herrn Sigmund G r ü n f e l d gezollt. Budapest, 29. November. Eine trauererweckende Kunde verbreitete sich vorgestern in der ungarischen Hauptstadt. Der Präsident der Budapester israelitischen Neligionsgemeinde, Neichsrathsabgeordneter Moriz Wahrmann, ist Samstag halb 10 Uhr Abends plötzlich gestorben. Allzufrüh — der Verblichene stand im 62. Lebensjahre — ist mit. ihm eine der hervorragendsten politischen Persönlichkeiten Ungarns und zugleich, eine leuchtende Zierde des gesammten Judenthums dahingeschieden. Trotz seiner vielseitigen Inanspruchnahme, denn seine reichgestaltige Thätigkeit griff insämmtliche Gebiete des öffentlichen Lebens hinein —- widmete er sich von frühester Jugend an mit ganzem Herzen der Sache seiner ungarischen .Glaubensgenossen, deren Führer er bis zu seinem 'jähen Ende geblieben ist. Als am Ende der Fünfziger Jahre der ״Magyar izraelita egylet" gegründet wurde, schloss sich Wahrmann mit großer Begeisterung dieser Bewegung' an, zu deren Koryphäen er gehörte. Er nahm energischen Antheil an der Ratlirung der sogenannten ungarischen Partei in der Pester israel. Eultusgemeinde und gründete ein eigenes Witzblatt zur Geißelung der Mißstände bei der jüdischen Gemeinde. An den Arbeiten des jüdischen Congresses nahm er als dessen Viceprasident theil, und . seitdem er zum Präsidenten der Pester Neligionsgemeinde gewählt wurde, hat er dieselbe zu einem wahren Musterinstitute umgewan-. delt. Der Eifer und die Pünktlichkeit, wit welchen er sich seinen Obliegenheiten, als Gemeindechef widmete, wurden geradezu sprichwörtlich. Ihm ist auch hauptsächlich der Bau des neuen israel. Spitals zu verdanken, für welches er die Sammlungen mit einer bedeutend! Summe eröffnete. Die Modernisirung und Magyarisimng des ganzen. Gemeindewesens ist hauptsächlich sein Werk. — Wahrmann gehörte zu den einflussreichsten Mitgliedern der liberalen Partei des. Abgeordnetenhauses, aber er stand nicht nur bei seinen Gesinnungsgenossen in hohem Ansehen, sondern seine vielfachen Verdienste um das Vaterland wurden von allen Par- Leien ungeschmälert anerkannt. —Einer der ersten Besucher im Trauerhause war der Ministerpräsident Dr. Alexander Wekerle. Ferner machten Condolezvisiten Gras Julius Szapary, Minister Baron Geza Fejervary, die Reichstagsabgeordneten KolomanTißa, Koloman Szel, Ignaz Helfy, Alexander Hegedüs, Dr. Ignaz Daranyi, Franz Chorin, Alex. Ullmänn, Julius Rosenberg, ' Ferdinand Horanßky, die Magnatenhausmitglieder Conrad Burchard- Belavary und Carl Swab, die Directoren der hervorragendsten Finanzinstitute und Mühlenetablissements, viele Großhändler rc. Baron Edelsheim-Gyulai, der leidend ist, sandte seine Karte. Das nämliche thaten Graf Stephan Keglevich, die Abgeordneten Theophil Fabiny, Heinrich Schwicker, August Pulsky und Julius Wlassics, Ministerialrath Victor Bezeredy und viele Andere. Telegraphisch cvndolirten u. A. Hofrath Ludwig v. Doczy, Brüder Guttman (Wien). Gräfin Ludwig Szapary machte im Laufe des Nachmittags bei Frau Renee Krauß-Wahrmann einen Condolenzbesuch. — Im Club der liberalen Partei wurde der plötzliche Tod Wahrmann's unter dem Ausdrucke der tiefsten Theilnahme allfettig besprochen. ■ Für Montag 10 Uhr Vormittags, knapp vor Eröffnung der Sitzung des Abgeordnetenhauses, ist eine Sitzung der Finanzcommission einberufen worden zu dem Zwecke, um über die Art und Weise zu berathen, wie dem verstorbenen Präsidenten der Finanzcommission, Moriz Wahrmann, die letzten Ehren erwiesen werden sollen. In der Plenarsitzuug des Abgeordnetenhauses gedachte Präsident Banffy der großen Verdienste Wahrmann's um das öffentliche Leben und beantragte unter Zustimmung aller Parteien die Niederlegung eines Kranzes auf-die Bahre, sowie die Theilnahme des Hauses - an der Leichenfeier. Bemerkenswerth ist folgende Episode: Das Abgeordnetenhaus besaß früher eine kleine schwarze Fahne, welche bei Trauerfällen aufgehisst wurde. Anlässlich des Todes des Kronprinzen wurde eine große schwarze Fahne angeschafft, die auch jüngst beim Tode Jrany's in Verwendung kam. Als der Präsident Banffy Montag in das Abgeordneten- Haus kam, sah er die kleine Fahne aufgehisst; sofort stellte er hierüber die Quästurbeamten zur Rede, befahl die Aufhissung der großen Fahne und bemerkte im strengsten Tone, dass er auch nicht den geringsten Schein des Antisemitismus dulden wolle. — Der Vorstand der Pester israelitischen Cultusgemeinde hielt Montag Nachmittags eine Sitzung, in welcher mehrere Redner des schmerzvollen Verlustes gedachten, welchen die Gemeinde durch den Tod ihres hochverdienten Präsidenten Moriz Wahrmann erlitten. Erst vor zwei Wochen wurde er zum zweiten Male einstimmig zum Präsidenten gewählt und in den nächsten Tagen sollte er feierlichst installirt werden. Der Vorstand beschloß, die Veranstaltung des Leichenbegängnißes auf sich zu nehmen und seinen Präsidenten unter Entfaltung des vom ׳ jüdischen Ritus. gestatteten größten Pompes zu beerdigen. — Dienstag 10 Uhr Vormittags wurde Moriz Wahrmann unter außerordentlicher Theilnahme der. Bev.ölkerung zu Grabe getragen. Im Trauerhause hatten sich sämmtliche Minister, die Mitglieder des Abgeordnetenhauses, viele Magnaten, die Vorstände zahlreicher Vereine, die Direktoren der Banken und Industrie-Gesellschaften, der Ober-Bürgermeister und seine Stell- Vertreter, sowie, die Vertreter der Pester, Wiener und anderer jüdischer Gemeinden eingefunden. Die Trauerfeier wurde, durch ein voll ObercaNtor Lazarus unter Assistenz sämmtlicher Cantoren und des Gesammtchores vorgetragenes Trauerlied eingeleitet. Sodann hielt Prediger Dr. Samuel Ko hn die Leichenrede, worauf der Sarg von den Vorstandsmitgliedern über den Franz Josephsplatz bis zur Badgasse getragen und hier auf den Galaleichenwagen gehoben wurde. Der Trauerconduct bewegte sich sodann, begleitet von den fackeltragenden Beamten der Gemeinde bis zum großen Tempel in der Tabakgasse.' In den Straßen, welche der Leichenzug zu passiren hatte, standen Tausende von Menschen, die Läden waren geschlossen, und es brannten die Flammen in den mit Trauerflor umhüllten Gaslaternen. Vor dem jüdischen Tempel machte , der Zug Halt, und es wurde wieder ein Trauerchoral gesungen. Auf dem Friedhose sprachen der Abgeordnete Max Falk, ein Jugendfreund des Verstorbenen, und der Vice-Präsident der Handels- und Gewerbekammer, Karl Rath. Insbesondere die Rede Falk's machte tiefen Eindruck auf die Tausende, welche sich auf dem Friedhofe versammelt hatten. . Budapest» In der kirchenpolitischen Diskussion der jüngsten Tage sind zwei Kardinalpunkte des Programms der neuen Regierung Gegenstand harter Angriffe gewesen. Von oppositioneller Seite wurde ein Gesetz über die Reception der Juden für den Fall als überflüssig erklärt, wenn die Gesetzgebung die allgemeine ReligionSZ freiheit acceptirt, und andererseits wurden abermals. Einwendungen gegen die Einführung der Zivilmatrikeln erhoben. In beiden Fällen entspringen die Angriffe und Einwendungen einer falschen Auffassung der Sachlage und einer mangelhaften Kenntnis der gouvernementalen Intentionen. Was die Reception der jüdischen Religion betrifft, welche von allen Parteien des Abgeordnetenhauses im Princip gutgeheißen wurde, kann dieselbe auch für den Fall der Gewährung allgemeiner Religionsfreiheit nicht überflüssig werden, weil bei uns nicht an die Religionsfreiheit im amerikanischen Sinne, sondern an die Gewährung der freien religiösen Uebung für alle Religionsgenossenschaften und Secten, wann immer sie entstanden sein mögen, gedacht wird. Zwischen dieser liberalen Duldung , und der Reception besteht der gewaltige Unterschied, dass der recipirten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.