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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1892-12-01 · Heft 29 (1.12.1892) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
12 (1892)
Issue
Heft 29 (1.12.1892)
Date
1892-12-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 29 Mesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. ®eite 5, Augenblicken der Begeisterung die lebhaften Inspirationen gehemmt durch die gewöhnliche Notenschrift, die nur träge und mühsam dem Fluge der Phantasie folgt. Wie oft bedauert nicht der Künstler die Unmöglichkeit, den ersten so kostbaren Wurf festzuhalten, wo die Ideen sich in ihrer ganzen Frische und Originalität darbieten! Diesem Mangel suchte man um die Mitte des vorigen Jahrhunderts abzuhelfen durch die Erfindung einer Maschine, die unter dem Namen ״Melograph" damals viel von sich reden machte. An ein Piano geschraubt, schrieb sie mittels einer inwendig angebrachten Vorrrichtung auf ein dazu vorbereitetes Papier ״alles" nieder, was der Improvisator spielte. Die erste Idee dazu fasste ein gewisser Creed in London, der das Instrument 1747 von dem Mechaniker Hohlfeld anfertigen ließ. Es entsprach aber den in Bezug auf Genauigkeit und leichte Lesbarkeit.zu stellenden Anforderungen nur sehr wenig: und dieser Umstand, verbunden mit der unförmlichen Größe (diese überstieg noch die des Piano) und dem eminenten Preis der Maschine, brachte diese bald wieder in Vergessenheit. Da ließ Hippolyte Prevost, ein Mitglied des Athenäums der Künste zu Paris, im Jahre 1834 eine Schrift erscheinen, die eine Lösung der schwierigen Aufgabe versprach. Es war dies die Zeit, wo die stenographische Schrift von England nach Frankreich, herübergekommen war; und die Schwierigkeit, auf dieselbe Weise wie die englischen so auch die französischen Laute stenopraphisch zu fixiren, gab zu angestrengten. Untersuchungen Anlass. Hippolyte Prevost war Redacteur stenographe des Moniteur universel und hatte soeben ein neues Stenographiesystem für Currentschrift veröffentlicht, als er auf den Gedanken kam, dies Verfahren auch auf die Notenschrift anzuwenden. Bald aber erkannte er die Grundverschiedenheit beider Gebiete und überwand nun in einer immerhin geistreichen Weise auf einem anderen Wege die sich ihm darbietenden Schwierigkeiten. Folgen wir in aller Kürze seinen Ideen. Zunächst war es seine Absicht, nur die Melodie fixiren zu lassen, und das ist vielleicht auch das einzig Brauchbare bei seiner Methode. Als Papier behält er zu diesem Zwecke das Fünflinien- System bei und gibt nun jedem Notenwerthe ein durchaus rationelles Zeichen. So wird die ganze Taktnote durch einen nach unten, die halbe durch einen nach oben offenen Halbkreis bezeichnet. Die anderen Notenwerthe markiert er durch einen geraden Strich von oben nach unten in der dem Schreiber gerade bequemsten Richtung, der für das Viertel 3, das Achtel 2, das Sechzehntel 1 und das Zweiunddreißigstel die Hälfte des Zwischenraums des Abstandes zweier Linien umfasst. Steht die Note auf der Linie, so beginnt auch der Strich daselbst, steht sie zwischen zwei Linien, so beginnt auch der Strich auf dem entsprechenden Zwischenraum. Das wäre nun immerhin schon ein bedeutender Vortheil gegen die allgemeine Notenschrift, in der das Zeichen für den kürzesten Notenwerth, das Zweiunddreißigstel, fünf Striche benöthigt. Um die Schnelligkeit der Ausführung bedeutend zu erhöhen, musste Prevost seine Notenzeichen auf eine praktische Weise verbinden; da es ״nun aber dasselbe sei, ob man die Feder aufhöbe oder die Zeit mit dem unnützen, bedeutungslosen Zug von Zeichen zu Zeichen vergeudete", so wandte er den kürzesten Weg, den der Jntervallenbezeichnung, an. Nur die erste Note eines jeden Taktes erhält ihr absolutes Zeichen, von ihr werden alle anderen Noten des Taktes abgeleitet. Die Sekunde wird durch eine gerade Linie dargestellt, die absteigende von oben nach unten, die auf steigende von unten nach oben; die Terz oder Quarte durch einen nach rechts oder links offenen Halbkreis, und in dieser Art hatte er für jedes Intervall ein möglichst einfaches Zeichen. Eine am Anfang der Note gesetzte große, respektive kleine Schleife zeigt an, dass dieselbe durch ein b oder Kreuz versetzt ist. Ein Auflösungszeichen kennt man nicht, jedes Versetzungszeichen nniß wiederholt werden. Die entsprechende Viertelnote, die am Anfang des Tonstücks zwischen Schlüssel und Taktzeichen steht, bezeichnet die Tonart. Da, um die Lesbarkeit zu erleichtern, stets der ganze Takt in einem Zuge, wie ein Monogramm dargestellt wird, fällt der Taktstrich fort. Aus demselben Grunde werden Pausen stets dargestellt durch einen Zug (kleine Halbkreise und entsprechend kleine Sekanten), der das Monogramm schneidet. Aber auch die Harmonie sollte berücksichtigt werden: 7 neue Notenzeichen, die, unabhängig vom Fünslinien-System, sich untereinander verbinden, dienen zu ihrer Bezeichnung. So wird z. B. c durch einen vertikalen Halbkreis von oben nach unten, ä durch eine gerade, vertikale Linie von oben nach unten bezeichnet u. s. f. Die Versetzungsschleifen bleiben bleiben auch hier und ein Punkt über oder unter der Note ist gleichbedeutend dem 8va oder 8va basaa. Die Reihenfolge der Tonverbindung geht natürlich auch hier von unten nach oben. Das sind in kurzem Ueberblicke die Lehren Prevosts, der mit dem seiner Schrift Vorgesetzten Motto: ,,R'accoutumance ain3i nous rend tout familier“ das Erschrecken des Lesers mindern wollte, wenn er die merkwürdigen Schnörkel erblickte. Wer unfern Auseinandersetzungen bis hierher aufmerksam gefolgt ist, der wird leicht einsehen, dass, wie Gabelsbergers Stenographie, auch diese Kurzschrift vollständige Stosskentnis voraussetzt. Ein Musiker, der ein Stück hört und nicht in allen Theilen sich darüber Rechenschaft zu geben im stände ist, der wird dasselbe auch nicht stenographisch fixieren können. Aber die Hauptsache beim Stenographieren ist doch das Wiederlesen, und das ist bei Prevosts Methode mit ungeheuren Schwierigkeiten verbunden. Schreiber dieser Zeilen, ein geübter Gabelsbergerianer, hat sich aus Interesse an der Sache lange damit beschäftigt, aber trotz aller Anstrengung war er nie im stände, Melodie und Harmonie in einer Weise schriftlich zu fixieren, die eine nur angehend leichte Lesbarkeit gestattet hätte, und so muß es wohl allen gegangen sein, die sich an dies System heranwagte: taucht doch nirgends ein solches Notenstenogramm aus. Prevosts Vorschlag war recht gut gemeint und sicher die. Frucht liebevollen und eifrigen Nachdenkens, aber praktischen Werth hatte er so gut wie keinen. Nach ihm hat niemand wieder sich eingehend mit der Sache beschäftigt — vielleicht aber erleben wir noch am letzten Ende des Jahrhunderts der Erfindungen eine Lösung der doch immerhin interessanten und auch nicht ganz bedeutnngslosen Frage! Kleine Chronik. Wien. Sonntag den 27. November veranstaltete die großherzoglich hessische Kammersängerin, Fräulein Jettka Finke: ׳kein, Tochter des Posener Obercantors, im Bösendorser-Saale einen Liederabend, welcher sich schon mit Rücksicht auf das vorjährige, erfolgreiche Debüt der Künstlerin in Wien eines zahlreichen Besuches erfreute. Und wahrhaftig, das kunstverständige Publikum wurde nicht müde, durch volle zwei Stunden dem klangvollen, in allen

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