Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 29 (1.12.1892)
- Date
- 1892-12-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Gesterreichisch-ungarische (Lantoren-Zeitung. keit bezüglich des Hasses gegen die Fremdherrschaft obwaltete, konnte das im Jnnem zerklüftete Volk nicht gegen Noms Uebermacht Stand halten. Im israelitischen Volke herrschte gegenseitiger giftiger Neid, die Triebseder der größten Laster, man hasste seinen Glaubens- und Stammesgenossen ohne triftigen Grund. (Joma9.) Nur eine verschwindende Minorität der Gelehrten aus der Hillel'schen Schule, die dem edlen Muster und Beispiele ihres Meisters, des besonnenen und nüchternen Hillel folgten, erklärt׳( sich entschieden gegen die Auflehnung und Erhebung gegen das damals weltbeherrschende Rom, vor dessen klirrenden Waffen die tapfersten Völker ihren Muth sinken ließen. Die Hilleliten wussten, dass Israel wohl Gottes erstgeborener Sohn sei, wie es in der Schrift heißt ״d'ui decttauri ji83roeI", dass es ein Am seguloh, ein auserkorenes Volk sei, aber sie fassten diese Worte nicht im buchstäblichen, sondern im metaphorischen Sinne auf, dass es vermöge seiner geistigen Gaben einen Vorrang, sogar vor Edom, Nom, sich erringen könne, aber nur in religiöser und geistiger Beziehung, nicht aber in äußerer, politischer und weltlicher Macht. Das verblendete Volk hingegen wähnte, ihm gebühre das Erstgeburtsrecht, daher werde es sich auch über Edom politisch erheben können. Betrübten Herzens und voll Kummer und Sorge blickten die Hilleliten auf die religiösen Secessionen ihres Volkes, insbesondere auf die Secte der Judenchristen, welche dem alten väterlichen Glauben den Rücken kehrten, den Sabbath entweihten und die wichtigsten Institutionen und Symbole des Judenthums verhöhnten. Dazu kam noch der innere religiöse Zwist der Schammaiten und Hilleliten, wobei erstere stets den Unfrieden fäeten und die Flamme der Streitigkeit von Neuem schürten. Fast in jeder Familie gab es Parteien, das eine Glied derselben bekannte sich zu Hillel's Principien, das andere zu den religiösen, zelotischen Maximen des Aus -er Jeschi-aM. Erzählung von Cantor Landau in Butsch owitz. Auf meiner jüngsten Reise von Lemberg nach Czernowitz hörte ich eine wahrheitsgetreue Geschichte, die sich im Hause des allen Reb Chajim zutrug und die ich im Nachfolgenden ganz genau wiedergebe: Reb Chajim war, wie seine Vorfahren, ein Talmudlehrer höheren Ranges, zu seinen Füßen saßen Hörer, welche schon selbstständig talmudische Disputationen durchführten, nur wollten sie noch ״einen Glanz" — wie es der Alte zu nennen pflegte, wenn seine Jünger auch die Bewegungen während des Vortrages ihm nachzuahmen pflegten — bei ihm erhalten. Und wahrlich, wer ihn genau zu beobachten Gelegenheit hatte, war eines allgemein anerkannten guten Benehmens sicher; den Neb Chajim lebte sehr zufrieden, nichts vermochte ihn aufzuregen, und die Praxis, bei der er ergraut war, lehrte ihn, wie man mit jedem Menschen umgehen müsse. Damm wurde er von seinen Schülern geehrt und geachtet und genoss auch das Ansehen aller gebildeten Stände. Der Himmel segnete seine Heirath mit zwei Kindern weiblichen Geschlechtes, und immer sahen wir ihn mit einem sehr vielsagenden Lächeln das Murren seiner Frau, warum sie Gott nicht auch mit einem Sohne segnete, abwchren. Unter dm Schülem Reb Chajim's war ich — so erzählte mir mein Reisegefährte — der jüngste unter allln. Ich trug mich zwar nicht so schön wie die anderen jungen Leute, denn ich war das Kind sehr armer Eltem, und darum wurde ich auch in erster Zeit von den Rabbis in spe so halb wegwerfend behandelt; überhaupt muß es nur einem glücklichen Aufalle zugeschrieben perden, dass es mir gelang, mich unter den Schülern Reb Cha- Nr. 29. Schammai, der dritte zu denen der Judenchristen, die alle Ceremonien des Judenthums verhöhnten. So ward die Religion, die doch jeder Familie die Quelle des Heils und Segens hätte erschließen sollen, gerade zum Streitpunkt, zum Zankapfel erniedrigt worden. Die rationellen Gelehrten erblickten im voraus die trübe Zukunft des israelitischen Staates und behaupteten, dass der Sturz desselben nahe bevorstehe; doch hegten sie die Hoffnung, dass Israels frischer, unverwüstlicher Geist nicht einmal durch die größte politische Uebermacht erdrückt werden könne, weil die Erstgebürt, oder der Vorzug Israels nur in seiner Religion, in seiner klaren Erkenntnis des allerhöchsten Schöpfers, in seiner Moral und in seinem Geiste bestehe. Ein kleiner Nest der Gelehrten sorgte daher zunächst dafür, dass das geistige Erbe, die Thora, bei den kommenden Generationen nicht der völligen Vergessenheit anheimfalle. Dennoch bleibt es eine historische Thatsache, dass die letzten erschütternden Ereigniße einen schädlichen Einfluss auf die Evolution der mündlichen Ueberlieferungslehre übte, da die hervorragendsten Träger der mündlichen Tradition theils durch das Schwert, theils durch Hunger ihr Leben einbüßten. Schon die erste Generation nach der Zerstörung des Tempels seufzte ob des Verlustes so vieler hervorragender Gelehrter. (Lots 49.) (Fortsetzung folgt.). Die Strnographir in -er M1OK. Das Bedürfnis nach einer Schrift, die den Schreiber in den Stand setzt, der Improvisation zu folgen, dürfte von jedem Komponisten, sei es der Schöpfer großer religiöser oder dramatischer Kunstwerke, oder auch nur der Dilettant, der sein bescheideneres Talent in leichteren Formen, wie der Romanze oder des Walzers, versucht, lebhaft empfunden werden. Wie oft werden nicht in den jim's zu bewegen. Casino hatten wir in unserem Städtchen keines, und wenn Neb Chajim sich zerstreuen wollte, so suchte er das ״Bet Hamidrasch" auf. Dort saß immer Feiwel, eine zwei Monate alte Zeitung buchstabirend, ihm gegenüber Mendel Schegetz, der die neuesten Wunder vom Bojaner Wunderrabbi erzählte, und dort pflegte auch ich zu sitzen und mit einem Collegen um die Wette einen Talmudabsatz lernen. Der Mittel- Punkt des ganzen Collegiums, um den sich die Wissbegierigen schaarten, war Neb Chajim. Feiwel frug ihn, was mit Rußland sein wird, ob, wenn die Juden in Palästina sich ansässig machen, sie sofort einen König wählen werden, wer der König sein wird, vom Bojaner oder Sadagorer Familienzweige, und dergleichen ähnliche hochofficiöse Klausnerpolitik. Mendel frug, dem Thema anpassend weiter, und selbstredend beantwortete Neb Chajim alle diese Fragen derartig, dass Niemand sich verletzt fühlte, aber dennoch einsah, dass er besser gethan hätte, gar nicht zu fragen. Eines Tages habe auch ich mich zusammengenommen und nicht achtend, vielleicht kein Gehör zu erhalten, oder gar von Neb Chajim zur Seite geschoben zu werden, schritt ich muthigen Herzens mit offenem Folianten auf ihn zu und fragte: ״Neb Chajim ist es so richtig, wie ich es mir deute?!" ״Wie deutest du es denn, mein Kind?" frug er mich mit seinem milden Lächeln, und nachdem ich ihm Bescheid gethan, schien er besonders Gefallen an mir zu finden, denn er nahm mich' an seine Seite und begann eine Reihe Kreuz- und Querfragen zu stellen, so dass es mir recht heiß wurde. Als er dies bemerkte, lächelte er sanft und sprach: ״Schon gut, mein Kind, sage deinem Vater, dass ich dich mit Monatsanfang als unentgeltlichen Schüler aufnehmen werde. (Fortsetzung folgt.)