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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1892-12-01 · Heft 29 (1.12.1892) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
12 (1892)
Issue
Heft 29 (1.12.1892)
Date
1892-12-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Oesterreichisch-ungarische Luntoren-Zeitung. Nr. 29. 4. Cr ist der Gcuius, die Schönheit, der Ruhm, die Liebe, die Freude, Cr ist der Gipfel Alles, was nur Glück wir nennen. O! wundert Euch nicht.' Wer mag ihn ertragen, Wer, wenn er kömmt, Ihm (Gott) Genüge leisten. 5. Blitzartig fällt er in dein Träumen, Ihn fassen kann weder Meißel, Note noch das Wort. Gott küsste so des Moses Schwester Und von dem Kusse starb das Mädchen (Mirjam). .Grund zu diesem Motiv ist die talmudische Redeweise, dass Moses und Ahrvn durch einen K u s s, d. h. leise und sanft, ohne Schrecken vor den! Tode starben; und auch Mirjam, die würdige Schwester dieses unvergleichlichen Brüderpaares, sei eines gleichen Todes gestorben, nur habe es der guten Sitte widerstrebt, dass Gott Mirjam geküsst habe. Wir bemerken dazu, dass noch heute in Italien bei den Parlezetteln die Redensart: e rnoito (a) nel bacio de Signore ״er (sie) starb im Kusse Gottes" oder prosaisch ausgedrückt, ״er gieng zur Gottheit ein." Dass nach gut jüdischer Anschauung Gott weder im-Sturme, noch in seiner Alles vernichtenden Macht, sondern im leisen Säuseln zu verspüren, erkannte und bekannte der große Elfem׳ und Prophet Elijahu, Ler nicht nur. im Indenthmne, sondern auch bei allen christlichen 'Völkern des heiligstm Ansehens sich erfreut. Vrchlicky hat, wie er n!ir persönlich mitiheilte, auch ein Jahr Theologie studirt und daher seine Vorliebe für Alles, was mit der jüdischen Litteratur zusammenhängt. In seiner Bibliothek fand ich die jüngsten Erzcugniße der diesbezüglichen französischen Litteratur, so Nenans Histoire peuple d'Israel (Geschichte des israelirischen Volkes) und das erst vor einigen Monaten erschienene Werk des Pros. James Darmstetter, Les prophetes d’ Israel (Die Propheten Israels). Dass ein solcher Dichter von den Juden studirt zu werden verdient, muß nach dem Vorangegangenen nicht erst bemerkt werden. Jungbunzlau, den 27. November 1892. Dr. M. Grünwald, Rabbiner. siinger.) Nach der Vernichtung des jüdischen Staatslebens ist man bemüht gewesen, von den religiösen Einrichtungen zu retten, was sich nur immer aus dem erlittenen Schiftbruche habe retten lassen. Man sann auf eine geeignete Liturgie, brachte vor allem die Gebetordnung zu stände und gelangte nach mehreren Jahrhunderten zu der Sammlung unserer Gebete. Die nunmehrige Gebetordnung ist jedoch verschieden gewesen von jener der Cxilzeit. Denn ״drei Momente des srüheren Dienstes waren durch den Untergang dcS jüdischem Staates beseitigt worden: Die Opfer, die musikalischen Auftührungeu und das Prärogativ des Priestertums. *) Den zahlreichen über dieses Thema in uuserem Blatte vcrvffcntlichten Artikeln reihen wir obige von Dr. Ackermann in der A. Z. d. I. unter dem Titel ״Ter jüdischcNorsängcrdienst" angestcllie Betrachtung in einem Auszüge an. von der Ansicht geleitet, dass in diesem Blatte nicht gcnng über das Wesen und die Bedeutung des Lynagogengesanges und des Cantorcnilums gesprochen werden kann. Gleichwohl fehlte es bei der nun folgenden Restauration des Gottesienstes nicht an . Anlehnungen an die vergangenen Zeiten. Wie schon früher, zur Zeit des zweiten Tempels, die Einrichtung bestand, dass während der Opferung des Volkes, die ״ansche nraamad", Gebete verrichteten/ so mussten nun gleichfalls Abgeordnete des Volkes zur Verrichtung der Gebete auftteten. Wie früher dreimal des Tages geopfert wurde, so substituirte man dafür . eine dreimalige Gebetszeit. Wie man früher im Tempel gesungen hatte, so behielt man auch jetzt den Gesang als Theil des Gottesdienftes bei. — Gebete wurden anfangs nur wenige bei dem öffentlichen Gottesdienste gebraucht. Der bei weitem größte Theil derselben ist/ viel späteren Ursprungs. Diese Thatsache ist von! Wichtigkeit für den Gesang. Die auch noch' heute gebräuchlichen, typischen Melodien können nämlich, da viele Gebetete erst später entstanden sind, nicht durchweg als Ueberreste des alten Tempel- ^esailges betrachtet werden. Allerdings hat diese Annahme für manche Stücke ziemlich starke Wahrscheinlichkeit, nämlich für die ältesten, die Psalmenrezitalion, das AchtzehugebeL, die Stücke vor und nach dem Schemah und vielleicht auch die Singweisen dec Thoravorlesung. ... [~ Dass jene ältesten Stücke mit solchen Melodien vorgetragen wurden, dafür haben wir folgenden Anhaltspunk: Der Erzbischof Ambrosius von Mailand sammelte im 9. Jahrhundert die von den abendländischen Christen gebrauchten hebräischen Psalmmelodien und behielt den lebensvollen, symmetrisch gegliederten Rhythmus der Unreifen bei. Da nun unsere Kantilation dieser Psalmen mit den ambrosianischen Melodien starke Aehnlichkeit hat, so kann mit Zuversicht der Ursprung dieser Cantilation auf-die Tempelmelodieen zurückgcsührt werden, indem es sehr natürlich ist, dass, mit dem Worte auch dessen musikalische Deklamation sich fortpflanzte. Nun. fragt es sich: woher stammen die anderen Melodien, die unserer sabbatlichen und festtäglichen Gebete? .... Unsere Schriftwerke beobachten völliges Stillschweigen.über diese Synagogen- Melodien, erwähnen auch nirgends jüdische Tonkünstler, und dies lässt uns ter an Gewissheit grenzenden Vermuthung Raum geben, dass sie nicht auf jüdischem Boden entstanden sind. . . . Manche dieser Melodien waren sicherlich Nachbildungen religiöser Lieder der Nichtjuden: so fand man in neuerer Zeit alte katholische Liturgien, deren Melodien mit jüdischen, die heute noch im Gebrauch sind, merkwürdig übereinstimmen. Andererseits ist es sicher, dass man auch weltliche Melodien mit passenden hebräischen Texten versehen in der Synagoge verwendete. .... In der That ist der profane Ursprung mancher unserer Synagogenmelodien unschwer zu erkennen. Beispielsweise erinnert die Melodie des Pismon ״Ki hinne kachomer" stark an den Typus der spanischen Serenadensänger, der Troubadours, deren' Zeit ziemlich genau zusammenfällt mit der der Piutimdichter, und für eiire tmserer beliebtesten Melodien, die des ״Möaus Zur", hat Eduard Birnbaum nachgewiesen, dass ihr Ursprung auf ein deutsches Volkslied zurückzusühren ist: ״So weiß ich eins, das mich erfteut, das Blümlein auf breiter Heyde", und dass auch Luther dieser Melodie einen seiner Choräle: ״Nun freut euch, liebe Christen gemein!" - untergelegt hat. . . . Alle diese Uebertragungen fremder Melodien sind naturgemäß niemand anders zuzuschreibev, als dm Männern, denen der Gesang in der Synagoge oblag: den Vorsängern. In der ältesten Zeit war der Vorsängerdimst noch nicht/ausschließlich in den Händen einzelner Personen; er wurde für jeden einzelnen Gottesdienst vom Synagogenvorsteher.übertragen.. , -

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