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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1892-11-21 · Heft 28 (21.11.1892) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
12 (1892)
Issue
Heft 28 (21.11.1892)
Date
1892-11-21
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Oesterreichisch-ungarische (Lantoren-Zcitung. Nr. 28. Es war daher ein glücklicher Gedanke, Mittel und Wege zu suchen, um jene armen, nothleidenden, nach Wien kommenden Collegen, die nicht Mitglieder des Cantoren-Vereines sind und denen die strikten Bestimmungen der Vereinsstatuten eine Unterstützung versagen, thatkräftigst zu unterstützen. Zu diesem Behufe bildete sich, außerhalb des Cantoren-Vereines, ein Comits aus den Collegen Bauer, Blatt, Hirsch, Kornitzer, Peterselka, Schiller und Schlesinger zur Veranstaltung von Vergnügungsabenden, deren jedesmaliges Neinerträgnis an dürftige und würdige Cantoren vertheilt werden soll. Diesem Comits, welches den Collegen Blatt zum Obmann und den Collegen Bauer zum Obmann-Stellvertreter wählte, ist es nun gelungen, am 14. d. M. einen solchen Vergnügungsabend zu veranstalten, welcher in jeder Beziehung als großartig bezeichnet werden muß und auch Anlass zu der berechtigten Hoffnung gibt, dass der nächste Abend in größerem Style arrangirt werden ka.:u. Fast alle Cantoren Wiens — nur einige wenige glänzten durch ihre Abwesenheit — waren gekommen, um im Kreise ihrer Berufsgenoffen, Freunde und Gönner einige vergnügte Stunden zu verbringen, und jeder trug sein Schärflein bei, um die Unter- Haltung und GefelligkeiL zu fördern.. Ein anmuthiger Kranz schöner Frauen und Mädchen und viele illustre Gäste zierten die lebenslustige Gesellschaft und die fröhliche Stimmung in derselben hielt bis zum Schluffe an. Und nun zu dem eigentlichen Berichte: Nach einer kurzen Begrüßungsrede des Obmannes, der die Änwesmden mit dem Zwecke des geselligen Abends bekannt machte, wurde das Programm mit einem Claviervortrage des Herm Leo Kornitzer, Sohn des Collegen Kornitzer, eröffnet. Derselbe spielte das ״Impromptu" von Rheinländer mit brillanter Technik, und wir hoffen von dem begabten jungen Manne noch viel Schönes Cm jüdischer Kardinal.') In der Stockhausstraße zu Prag wohnte viele Jahre eine - Wittwe Austerlitz; ihr Mann war bald nach der Geburt ihres einzigen Sohnes Jacob in der dortigen Irrenanstalt gestorben. Die Wittwe, welche einen Greislerladen haue, ließ es sich angelegen sein, ihren Sohn, der schon früh großes Talent für Musik und Sprachen zeigte, aufs Beste zu erziehen. Aus dem Prager Conservatorium lernte er mehrere Instrumente, namentlich bildete er sich zu einem tüchtigen Klavierspieler und Flügelhornisten aus. Nach dem Abgänge vom Conservatorium trat Jacob Austerlitz in die Kapelle des fünften Jäger-Bataillons, wurde bald Oberjäger, verließ aber nach drei Jahren den Dienst, da ihm Freunde die Mittel zur weiteren Ausbildung gewährten. Er gimg nach Paris und besuchte dort die Musikakademie. Dabei beschäftigte er sich auch fleißig mit fremden Sprachen und brachte es so weit, in neun Sprachen sich unterhalten zu können. Mit einem Schiffskapitän Dorre, den er in Paris kennen gelemt, machte er eine Reise nach Westindien und Südafrika. In Kapstadt blieb er einige Zeit als Dolmetsch im französischen Konsulat. Von hier gieng er nach Alexandrien, wo er in einem Geschäftshause den Posten eines Cassiers erhielt, dann nach Brest, Brüssel und endlich nach London. Hier kam Austerlitz ohne einen Pence in der Tasche an. In einem Geschäfte erhielt er einen untergeordneten Dienst. Als er einiges Geld erspart hatte, suchte er *) Anknüpfend an die Aufsehen erregende Wahl des Dr. Theodor K v h n, zum Erzbischof von Olmütz, veröffentlichen wir unter Obige die interessante Lebensgeschichte des vor einigen Monaten in Englanv verstorbenen Cardinal Howard nach einer-Mitlheilung der ״Vohemia". Bemerkenswerth ist der Umstand, dass die ultramontanen Blätter in ihren Nekrologen den Cardinal als Kind hochadeliger Eltern auswiesen. und Gutes zu hören. Als zweite Nummer wurden einige sehr schöne Quartette von den Herrn Collegen Goldstein, Blatt, Rotter und Löwit unter großem Beifall gesungen. Hieran schloss sich Nr. 3 und 4, Sologelang des Herrn Collegen Ober- Cantor Gold stein, welcher bei seinem Erscheinen stürmisch begrüßt wurde. Er sang die Nomance aus dem ״Barbier" und. die große Arie aus dem 4. Acte der ״Jüdin" mit seinem herrlich klingenden, glockenreinen Organe, und als er seinen Vortrag beendet hatte, toste als Ausdruck des Dankes und der Anerkennung ein mächtiger Beifallssturm durch den Saal. Dieser großartigen Leistung gebührt unstreitig die Palme des Abends. Die o. Nummer war ein recht gelungener, humoristischer Vortrag des Professor Nascher, unter dem Titel ״Etwas über Musik, Gesang und Dergleichen", der bei dem animirten Publikunl wahre Lachsalven hervorrief. Eine Clavierpiece, gespielt vvtl Frl. Charlotte Rotter, Tochter des Collegen A. Rotter, bildete die 6. Nummer des Programmes. Das Fräulein löste ihre Aufgabe in ausgezeichneter Weise und unter vielem Beifalle der Anwesenden. In die beiden Schlussnummern theilten sich die Herren Emil und Arnold G o l d st e i n, Söhne des Ober-Cantor Goldst ein. Der erstere trug ein komisches Intermezzo ״Das Niesen", Der letztere eine Declamation von Klesheim ״Das Zeiserl und die Nachtigall" in mederösterreichischer Mundart vor, und während der eine die Zuhörer gar nicht aus dem Lachen kommen ließ, rührte der andere durch seine gemüthvolle Declamation zu Thränen. Nach Schluss der Verträge dankte Herr College Schlesing er in kurzer Rede den Veranstaltern des Abends sowie den mitwirkenden Kräften, und hierauf vereinigte sich die tanzlustige Jugend zu einem rasch improvisirten Kränzchen, das bis gegen Mitternacht währte. durch die Zeitung eine andere Stellung, wobei er seine musikalischen und sprachlichen Kenntniße betonte. Darauf nahm ihn der Londoner Bankier Jackson als Hofmeister ins Haus. Hier erwarb er sich bald die Gunst nicht nur seines Herrn, sondern auch der Tochter desselben. Zwischen den jungen Leuten entwickelte sich schnell das innigste Verhältnis. Als die Brautwerbung um Miß Emma Jackson brüsk zurückgewiesen wurde, flüchtete das verliebte Paar nach Antwerpen. Bei der Uebersahrt herrschte ein gewaltiger Stürm. Der unerschrockene Austerlitz unterstützte den Capitän bei den Anstrengungen zur Rettung des Schiffes in kräftigster Weise. Da die Flüchtigen keine Pässe hatten, so bemühte sich der Kapitän, dem sich Austerlitz anvertraut hatte, sie glücklich durch״ zubringcn; a stellte sie dem Polizeibeamten in Antwerpen als Dr. John Browü, Advokat aus London, sammt Gemahlin vor, und verschaffte ihnen auf diesen Namen auch Pässe nach Wien. Das flüchtige Paar wurde inzwischen von Jackson durch die: Polizei und die Zeitungen verfolgt. Er begab sich von Antwerpen nach Deutschland. In Wiesbaden .und Homburg versuchte Austerlitz sein Glück im Spiel, gerieth aber dadurch bald in solche Geldverlegenheit, dass Emma ihre Schmucksachen verkaufen musste. In Berlin und Leipzig machten sie Schulden und kamen dann nach Dresden, u׳o Austerlitz von einen! Engländer Linien es, mit dem er Freundschüft geschlossen, 100 Pfund erhielt. Sie reisten dann nach Prag, wo Austerlitz auch seine Mutter besuchte. Nach einigen Tagen reiste das Paar nach Wien; in Brünn jedoch wurde es auf Grund eines Telegrammes verhaftet und nach Prag zurückescortirt, trotzdem Austerlitz seinen Pass als Dr. Brown vorwies und sich stellte, als ob er nicht deutsch verstände. Auch im Polizeigefängniße in Prag, wo er fünf Tage behalten wurde, sprach er nur englisch. Am sechsten Tage wurde er dem Strafgerichte. ausgeliefert. Der Prager Dolmetsch im Englischen, Professor!1 t\ ד 4

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