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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1892-11-21 · Heft 28 (21.11.1892) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
12 (1892)
Issue
Heft 28 (21.11.1892)
Date
1892-11-21
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Gesterreichisch-ungarische (Lantoren-Zeitung. Seite 3. Nr. 2 8 Dienste geleistet hat als irgend, ein anderer Schriftsteller seiner Zeit Er war auch der erste, welcher die Monogamie in das Judenthum einführte, und man hat sich seitdem bei den occidentalen Inden streng an seine diesbezügliche Verordnung gehalten. Rabb. Gerschom scheint selbst ein Chasan oder vielmehr ein ״Abgeordneter der Gemeinde" (׳(שליח צבור unter welchen man nicht nothwendig einen besoldeten Vorbeter zu verstehen hat, gewesen zu sein. Auf solchen heiligen Lippen waren die Worte ״wenn ich für deine Kinder bete", keine' bedeutungslose Phrase. R. Meir ben Jsaac, der Chasan, war ein Toffaphist oder eine Autorität auf dem Gebiete der Talmudinterpretation. Er lehre um 1060, schrieb viele Piutim und wird von Naschi, welcher ihn kannte, der ״Fromme" genannt. Noch ein anderer Chasan, N. Moses Hakohen aus Mainz, wird als ״treuer Bote" bezeichnet und als Autorität bei einer liturgischen Frage angeführt. So führt auch der Verfasser des לסף אומץ oft einen in gottesdienstlichen Fragen gelehrten Chasan aus Frankfurt an. Dieser war sehr bewandert in der Grammatik und erklärte es für nothwendig, am Freitag Nachmittag den Sabbath-Schalent (eine Lieblingsspeise der Juden) zu schmecken, um zu sehen, ob er auch gut gebacken sei. Sein Name war Hirsch aus Traves, der auch zugleich Kabbalist war. Das merkwürdigste Beispiel eines schriftstellerischen Chasan bietet aber wohl N. Uri, der Fromme. Er war so vertieft in seinen Beruf, dass er im Traume eine Selicha verfasste, die mit den Worten .אבוא לבניך beginnt und nach her Melodie ישראל DJJWV gesungen wird. (S. Dr. Neubauer's Catalog, p. 350). Die Zahl der Piutdichter, besonders für die hohen Feiertage!st . ungeheuer groß. Wie Zunz nachwies, wurden die Zusätze zu der gewöhnlichen täglichen'Liturgie zuerst für diese hohen' Feste gemacht. Der Gottesdienst an diesen Tagen dauert so lange und ist so mannigfaltig, dass etwas nöthig war, die Zeit auszufüllen und Abwechslung zu schaffen. Alle PoLtanim, große und kleine, welche von der Zeit des Jose bar Jose bis wenigstens zur Mitte des vorigen Jahrhunderts unter den Juden auftraten, haben Gebete für das Neujahrs- und Versöhnungsfest geschrieben. Nur eine einzige Art von Piutim, nämlich die mit אשרי עין לעתה בל אלה beginnenden, dürfte von einer Gesellschaft talentirter Verfasser herrühren. : Wenn man die allgemein reeiiirten Gebete bei Seite setzte, so könnte inan in der That ein Dutzend besonderer Neujahrs- Liturgien aus. den zahlreichen Variationen verschiedener Dichter über ein und denselben Text Zusammentragen. Die Portugiesen haben jedoch trotz der zur Verfügung stehenden reichen Auswahl den Gebrauch, am Versöhnungstage fast die üämlichen Selichoth in allen 4 Gebeten zu sagen, so dass diese Wiederholung sehr monoton wird. Die Pvrtagiesen sagen das .ונתנה ו£51ף nicht und wäre dieser Umstand vielleicht ein Beweis gegen ein allzu hohes Alter dieses Gebetstückes. Die Sage schreibt es bekanntlich dem Märtyrer R. Ammon aus Mainz zu. Cs scheint aber kaum möglich, dass so ein einfaches Gebet, welches auch keine Spur von Nachahmungssucht der Kalic'scheu Weise an sich trägt, erst um das Jahr 1100, zu welcher Zeit R. Ammon' gelebt hat, verfasst worden sein soll. Sollte es nicht eine Variation des אתה זובל welches zur Zeit Naw's verfasst wurde, oder ein anderer, ebenso , früher Versuch gewesen sein, ähnliche Gedanken über die Beziehungen zwischen Gott und seiner Welt in eine neue Form zu kleiden? Nach den in demselben auftretenden ersten Spuren des Reims darf jedoch das Gebet nicht in eine zu weit entlegene Zeit zurückdatirt werden. Der Unterschied zwischen dem portugiesischen und deutschen Gebetstyl für Neujahr und die dasselbe begleitenden Feste kann vielleicht dadurch bezeichnet werden, dass wir sagen, ersteren markirt der Charakter des Harten, letzteren der des Gefühlvollen. Lassen wir die Gebete selbst außer Frage, so finden wir in einigen der deutschen und polnischen Melodien eine hohe Empfindlichkeit, welche den portugiefiischen gänzlich abgeht. Dagegen zeigen letztere eine Combmation von Munterkeit und Traurigkeit, welche den Doppelcharakter der Zeit treffend darstellt, denn das Neujahrsfest war bei alledem ursprünglich ein Freudenfest und nur in zweiter Reibe der furchtbare Tag der Abrechnung. Der polnische Chasan der alten Schule sorgte daher für einen Wioerhall dieser gemischten Stimmung, indem er das Gebet mit einem munteren Kaodisch schloß, oder hie und da die Melodie eines heitern Pismon einflocht. In dem deutschen Ritual ist dagegen die wirkungsvolle Betheiligung der Gemeinde bei dem Vortrag der Gesänge des Neujahrs- und Versöhnungsfestes, welche ein so herrliches Charakteristikum des portugiesischen Gottesdienstes ist, meistens eine sehr geringe. Das steht fest, dass die portugiesischen Piutim singbarer sind; wie das אל 0יףא von Moses Jbn Esra, haben sie sowohl- Rhythmus als Reim. Ich will nicht so weit gehen, zu - behaupten, bafö: sie alle leicht zu übersetzen und gar passend sind. Wenn ihnen aber auch der Nachdruck eines Kalir fehlt, welcher so viele deutsche Piutim verfasst hat, so entschädigen sie hierfür reichlich durch-die Einfachheit ihrer Form. Die Compesirionen der spanischen Schule der Poetanim kommen den Anforderungen idealer Hymnen viel näher als die des Kalir. Das ,TVÜ אל ist jedoch durch die Hin-- zusügung des letzten Verses (über die Engel) etwas verunstaltet worden; dieser Vers kann nicht zu dem Originalpiut gehören. Collegiale Geselligkeit. Schon seit längerer Zeit hat sich das Bedürfnis geltend gemacht, nebst der Hebung der socialen Stellung der Cantoren für die Pflege und Förderung des geselligen Lebens unter denselben eine wirksame Action einzuleiten. Und wo gäbe es für solche Bestrebungen ein fruchtbareren Boden, als gerade Wien, wo nahezu vierzig CaNLoren in Thätigkeit sind. Von welch' erfreulichen Folgen ein vergnügter Geselligkeitsabend im Kreise von Freunden und Bekannten bei uns Juden gewöhnlich begleitet ist, weiß ja Jedermann. Während anderwärts Vergnügungsabende zumeist nur zu dem Zwecke veranstaltet werden, um sich selbst zu illuminiren oder auch zur Abwechslung die Fahne der Rohheit aufzupflanzeu, wird bei uns in erster Reihe ein humanitäres Princip ins Auge gefasst, und auf diese Weise sind oft die schönsten und edelsten Institutionen ins Leben gerufen worden. Den inimer größer werdenden Anforderungen, die an den Cantoren-Verein gestellt werden, konnte leider nicht immer in vollem Maße entsprochen werden, da der Jndifferentismus ein großer ist und man sich an den Verein erst dann erinnert, wenn eine Unterstützung oder anderweitige Hilfe benöthigt wird. Wohin wendet sich aber ein bedürftiger Cantor? Zumeist nach Wien, und es kann hiebei die Beobachtung gemacht werden, dass gerade aus jenen Provinzen, welche die wenigsten beitragenden Mitglieder dem Cantoren-Pereine zusührm, die meisten Bittgesuche vorliegen.,

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