Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 28 (21.11.1892)
- Date
- 1892-11-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/1304829-3453241-3453269--3585-3457957- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 Gesterrcichisch-ungarische Lantoren-Zeitung Nr. 28. . S. Wallenstein, einer seit Jahren auf dem Felde der Wohlthätigkeit thätigen Dame, gegeben. Herr Jonas Weil stellt der Gesellschaft vier Lots an der 160. Str. und Westchester Avenu zur Verfügung, um dort ein geeignetes Gebäude zu errichten. Die folgenden Beamten wurden gewählt: Präsidentin Frau S. Wallenstem; Vicepräsidenttn Frau M. Schmith; Schatzmeisterin Frau D. Haymann; Secretärinnen Frau I. Bruckner und Frl. Lilie Bleyer; Trustees die Frauen: Jonas Weil, Franklin Seligman, Frank und Fräulein Lilie Gottheimer; als berathende Beisitzer die Herren: Jonas Weil, S. Wallenstein, M. Cohen,Frank Davis, Max Bleyer, Jonas A. Wallach, Chs. Goldschmith, I. R. Seligman und Anwalt N. Levinson. — Vor der Gesellschaft ״Hebrew National Library" hielt Herr. Dr. Drachman einen Vortrag über die ״Wiedergeburt des jüdischen Geistes". Er schilderte in beredten Worten den vergleichsweisen Niedergang und das Wien verstehen des jüdischen Geistes, in den verflossenen Geschichtsepochen, die gegenwärtige Bewegung zur Neuansiedlung Palästinas und das erwachende Streben, das Studium der jüdischen Litteratur mit Eifer wieder aufzunehmen, was von dem Redner als das Wiedererstehen des ״Jüdischen Geistes" bezeichnet wurde. Herr Dr. K. Köhler wird den zweiten historischen Vortrag am 6. November halten über ״Die Theilnahme der Juden.an der Entdeckung Amerikas und seiner Ansiedlung." — Die Special-Sitzung der Großloge des 1. Distritts des Ordens ״Bnai Brich" ist für den 13. November in die Männerchor-Halle einberufen worden. Die Frage der Fortführung des ׳ Sterbecasse-Jnstituts soll dann zur Entscheidung gelangen. Seitens des General-Comites wurde ein Heft an die Logen versandt, welches erschöpfende, statistische Tabellen enthält, sowie das Schema verschiedener Pläne für die Sicherstellung der Versicherungssumme, eiche von ogen sowohl als von Herm Isidor Busch von St. Louis unterbreitet wurden. Herr Busch, welcher vor mehreren Monaten sein siebzigstes Geburtstagsfest begieng, entwickelt noch immer eine, rastlose Thätigteit. im öffentlichen Leben. Vor fast einem halben Jahrhundert glänzte er als Litterat in Wim, gab dort im Verein mit dem Dichter Leopold Kompert ein litterarisches Jahrbuch heraus und auch nach seiner Ansiedelung in Amerika nahm er Anlauf zu einer gleichen Carriere. Unterdessen wurde er nach St. Louis verschlagen, und verlegte sich auf den Weinbau, oder vielmehr die Rebenzüchte Als die Phyloxera so schreckliche Verheerungen in den Weinbergen. Frankreichs anrichtete, waren es die Schößlinge der Busch'- scheu Weinberge, welche als Retter in der Noth erschienen. Die in Tausenden dorthin versandten Reben erwiesen sich philoxera-sicher. Außerdem nahm er thätigen Antheil am öffentlichen politischen Leben in Missouri, trat für die Erhaltung der Union beim Ausbruch des Bürgerkrieges ein, wurde mehrmals in die Legislatur gewählt und war eine Zeit lang Commissär für Schulangelegenheiten. Während dieser Jahre war er Schatzmeister des Ordens, und seine prattischen Kenntniße des Versicherungswesens haben ihm den Ruf eines Experten eingebracht. Wahrscheinlich wird der von Herrn Busch angedeutete Weg eingeschlagen werden. Die Logen Mount Sinai und Amerika von demselben Orden werden am 9. November eine gemeinschaftliche Unterhaltung abhatten, um die 400jahrige Feier der Entdeckung Amerikas durch geeignete Vorträge zu begehen. — Major John T. Blake, Mitglied des republikanischen Staats-Cvmttes in Cansas, hatte sich vor Kurzem von seinen antisemitischen Gesinnungen hinreißen lassen, Herrn Jsaac Jsaacs, früheren Sekretär der Staats-Liga republikanischer Klubs, seiner -israelitischen Abstammung wegen in gehässiger Weise anzugreifen.׳ Zu spät sah der Antisemiten-Major ein, dass er einen argen politischen Fehler, begangen und bemühte sich, seine unbedachte Aeußerung möglichst wieder gut zu machen. Zu diesem Zwecke verfasste er einen deh- und wehmüthigen Schreibebrief an Rabbi M. Spitz, den Herausgeber des ״Jewish Voice" in St. Lous, Mo., und bat in aller Form um Verzeihung. Er hofft, durch diesen Schritt die israelitische Bevölkerung im Staate wieder zu versöhnen, doch wird man eine solche aus politischen Gründen in ’ die Feder dictirte Erklärung gebührend zurückweisen. Liturgische Aphorismen. Ein englisches Blatt brachte jüngst mehrere Aphorismen, die von Herrn Cantor L. Cohen in Rees a. Rh. für das Familienblatt der ״Israel. Wochenschrift" in Magdeburg ins Deutsche übertragen wurdet!.und das hervorragende Interesse der Fachkreise erregen dürften. Von dem Wunsche geleitet, dass die Reihe derselben aus den Kreisen unserer geschätzten Mitarbeiter eine Bereicherung erhalte, geben wir die Übersetzung im Nachsolgenden wieder: Eine Geschichte der Liturgie wird nicht früher geschrieben werden, bis wir eine zuverlässige Geschichte über den Chasan (Cantor) und seine Stellung in der Gemeinde besitzen.-In der guten alten Zeit war der Chasan nicht blos ein Sänger, er war der General' (Führer) der Gemeinde. Die Heilsarmee hat , keinen militärischen Ausdruck für das Wort ״Beim" erfunden. ״Komm und eröffne die Schlacht!" Pflegten die Männer von Ansehen dem Chasan Jahrhunderte vor der Geburt des General Booth zuzurufen. In einem handschriftlichen Midrasch finde ich, dass man den zur Leitung des Gottesdienstes Berufenen aus einem so gefährlichen Posten (בחזקת סננה) vermeinte, dass man es fast für nöthig hielt, ihm zu rathen, vor dem Beginne seiner heiligen Function sein Testament zu machen. Dies mag auch mit den verschiedenen Sagen über das furchtbare Geschick gewisser sittenloser Hohenpriester, welche beim Eintritt in das Allerheiligste das Opfer ihrer Gottlosigkeit wurden, in Verbindung stehen. Der Chasan aber hatte mit sichtbaren und unsichtbaren Mächten zu kämpfen und die Phrase ״im Gebete ringen" ist ganz sicher nicht puritanischen Ursprungs. Diese Generäle versahen sich mit den besten Waffen, deren sie habhaft werden konnten und verfassten auch in vielen Fällen die Texte zu ihren eigenen Melodien. Die auf diese Weise entstandenen Gebete hatten haüptsächtlich den Charakter einer Jntroduction (Einleitung), z. B. היה עם פיפיות;. ferner das Gebet ״Komm mir zuvor mit gnädiger Antwort,--wenn ich für deine Kinder bete"!יאחה מקדם היום בהתפללי על בניך, welches ursprünglich für den Versvhnungstag bestimmt war, aber aus irgend einem unbekannten Grunde in die Wochentag-Selichoth ausgenommen wurde?) Der Verfasser der erwähnten ,בליהד war kein geringerer als N. Gerschou! ״das Licht des Exils", welcher dem Judenthum mehr *) Eine Selicha mit diesem Anfänge existiert, nicht. Es ist aber die von Rabbeinu Gerschom für den 3. Selichothtag verfasste, beginnend אתה מקדם אלהינו אדונינו, mit cem Schluß היום הזה-בהתפללי בעד בניך in dem vorletzten Verse gemeint. Die Bemerkung Landsyut's (Eolumnal Cultus S. 57), nach welcher diese Selicha mit ger mit אתה הוא אבינו beginnenden identisch sein soll, ist mir nicht klar. Zunz führt' in Litt. Gesch. d j. P. eine solche nicht an. *׳ -