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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1892-11-11 · Heft 27 (11.11.1892) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
12 (1892)
Issue
Heft 27 (11.11.1892)
Date
1892-11-11
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 27 Mesterreichisch-ungarische <Lantoren-Zeitung. Seite 5. Die ich rief die Geister, merd' ich mm nicht los. Berlin, im November 1892. Das war das Thema, welches der antisemitisch-christlichsocial-konservative Hofprediger a. D. Stöcker gestern in einer in Berlin gehaltenen Versammlung in allen Tonarten variirte. Herr Stöcker hielt über die antisemitische Bewegung eine lange Rede, der wir im Nachstehenden das Bemerkenswertheste entnehmen: Der Redner gieng davon aus, dass die antisemitische Bewegung, die eine große Ausdehnung angenommen habe, vor Schritten bewahrt werden müsse, die ihr schädlich sein könnten — und bereits sehe er einzelne dunkle Punkte am Horizont aufsteigen. Er tadelte zunächst, dass in Arnswalde-Friedeberg Herr Ahlwardt hinter dem Rücken Liebermann v. Sonnenbergs aufgestellt sei, und vertheidigte sodann die christlich-sociale Partei gegen die Angriffe, denen sie ausgesetzt sei. Zwar sei sie etwas zurückgegangen, aber ihre Ideen hätten in der konservativen Partei gesiegt, ״und die Regierung geht sogar im Großen und Ganzen die Bahnen, wie wir sie uns gedacht hatten." Er glaube nicht, dass die antisemitischen Ideen diesen Erfolg haben würden. Dem Dummkopf, der in der Neuen Deutschen Zeitung geschrieben, Stöckers Einfluß reiche nicht über die Ehristlich-Socialen hinaus, könne er. hundert Einladungen von ״deutsch-socialen" Vereinen zeigen, die das Gegentheil bewiesen. Wenn der Schreiber jenes Artikels weiter Unwahrheiten verbreite, könne es ihm gehen wie dem Pfarrer Witte, bei dem schließlich Ouerulantenwahnsinn konstatirt sei. Ihm (Stöker) sei vorgeworfen, dass er im Parlament den Antisemitismus zu schwach vertreten habe. Davon freilich, das man im Parlament nicht alles sagen könne, was man in Bersammlungen unter großem Beifall aussprechen könne, hätten die gewohnlichen Antisemiten keine Ahnnng. Bezüglich Ahlwardts solle inan doch erst einmal abwarten, was aus den Prozessen gegen ihn herauskomme. Die Antisemiten sollten sich die Achtung der Eonservativen nicht verscherzen, ohne die sie im Parlament nichts ausrichten könnten. Auf die Behauptung, die Ehristlich-Socialen würden zusammenbrechen, wenn sie sich vom Boden des Antisemitismus entfernten, entgegnete er: Man kann doch nicht zwölf Jahre hindurch Jahr aus Jahr ein jede Woche lediglich über die Judenfrage sprechen; dessen würde sogar der wildeste Antisemit schließlich überdrüssig. Er könnte freilich nicht begteisen, dass die Negierung dem Ueberwuchern des Judenthums unlhäng zusehe. Aber bei der Bekämpfung der Juden dürfe man nicht m die Hehler des Rassenantisemitismus verfallen. Das Christenthum fordere Bekämpfung von Lastern, aber nicht von Wrenschen und Rassen. Alan habe doch noch nie von einem Kampf gegen den Besitzer der chinesischen Theehandlung in der Leipzigerstraße gehört. Mit einent vernünftigen Ehristenthum sei der Rassenanlisemitismus absolut unvereinbar. Auch gegen die Person solle sich der Antisemitismus nicht richten. ״Man glaubt es mir leider im Allgemeinen nicht, dass ich keine Antipathie gegen die Person der Juden empfinde! (Heiterkeit.) Es gibt in allen Kreisen dem Judenthum angehörende Personen, die in jeder Beziehung durchaus volle Anerkennung verdienen. Eine politische Bewegung aber, die Erfolg haben soll, muß auch Wahr- Hastigkeit genug besitzen, um Anerkennenswerthes auch wirklich anzuerkennen. Auch nicht gegen die Religion soll sich der Antisemitisnrus richten! Steht doch das Alte Testament mit unserem Neuen Testammt im engstm Zusammenhang! Jesus ist ja aus dem Alten Testament herausgewachsen, und die Apostel waren doch getaufte Juden. Den Antisemiten ist das allerdings unangenehm, und sie wollen sich zuweilen wohl mit der albernen Behauptung heraushelfen, Jesus sei gar kein Jude gewesen. Wenn man die Juden nicht durch das Alte Testament bekämpft, sondern sie und das Alte Testament, so sinkt der Antisemitismus zur wüsten Agitation herab." (Diese Aeußerung wurde theilweise mit Beifall, theils aber mit Lärm und Pfuirufen ausgenommen). Wenn auch die Einführung der Judenemarnipation zu be dauern sei, so sei es doch thöricht, jetzt die Aufhebung derselben in den Mittelpunkt der Agitation zu stellen; damit thue man nur den Juden einen Gefallen. Die Bekänipfung sei nur dadurch möglich, dass man das deutsche Nationalgefühl immer mehr kräftige; dann gehe es auch ohne Aufhebung der Emanzipation. ״Die Politik ist die Kunst des Möglichen, nicht der Fanatismus des Unmöglichen. Ich glaube nicht, dass sich in unserer Zeit noch eine Kammermajorität, die Majorität eines Ministeriums, die Fürsten finden würden, welche die Aufhebung der Judenemanzipation gut׳ heißen lnöchten. Also: Nicht zu radikal! Die radikalen Bewegungen erreichen nichts, wenigstens nichts nach der guten Seite hin, wohl nach der schlechten!" Im Talmud ständeN neben Manchem Schlimmen auch die schönsten Tugendsätze. Religion sei nur mit Religion zu bekämpfen, und es wäre sehr bedauerlich, dass die Antisemiten der Religion so gleichgiltig gegenüberstehen. Man solle national, aber nicht chauvinistisch sein! Man dürfe die Juden nicht hassen. Man solle sie nur vom konservativen Standpunkt aus bekämpfen: ״Die Judenfrage ist nicht die politische Frage, nicht die sociale Frage, sondern nur ein allerdings wesentlicher Theil derselben — so müssen Sie sie behandeln; sonst haben Sie keine Aussicht." In der Debatte griff zunächst ein radikaler Antisemit Krauts das Alte Testament so heftig an, dass er unter einem Sturm des Unwillens abtreten musste. Ein Herr Petri vom ״Dtsch. Antis. Bund" machte die Juden für den Kampf zwischen Katholiken und Protestanten verantwortlich. Ein Talmudkenner habe ihm gesagt, die Juden seien solche Bestien, dass sie durch Thierbändiger behandelt werden müssten. Stöcker entgegnete, wer die Schuld an dem Kampf zwischen Protestantismus und Rom den Juden gäbe, beweise vollständige Urtheilsunfähigkeit. Ein Mann, der sich so albern über seine Glaubensgenossen äußere wie der ״Talmudkenner", sei für politische Agitation unbrauchbar. Der Antisemit Kretzer vertheidigte Ahlwardt und forderte, dass die Conservativen sich auf den Boden des Antisemitismus stellen, nicht umgekehrt, und befürworte Boykottirung der jüdischen Geschäfte. Herr Stöcker, welcher es für nöthig hielt, noch einmal zu antworten, hat aus dem Verlaufe der Versammlung gesehen, dass es leicht ist, den Antisemitismus zu entfachen — dieses ״Verdienst" nimmt-er ja für sich in Anspruch —dass aber, wenn der Pöbel die Sache in seiner Weise ausbeutet, Mahnungen zur Mäßigung ׳׳'chts nützen. Im Uebrigen hat Stöcker sich in einem großen Theil seiner Ausführungen, ohne dass er es wollte, einer scharfen Selbstkritik unterzogen.

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