Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 27 (11.11.1892)
- Date
- 1892-11-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 27 Vesterreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung. Seite 3. aber auch nicht, dass in den Bethäusern der Gemeinde etwas Wesentliches geändert werde, da der Ritus thatsächlich den Anforderungen und dem Bedürfnis eines großen Theiles der Mitglieder der Gemeinde entspricht, und findet man die Bethäuser nicht nur an hohen Festtagen, sondern auch an gewöhnlichen Sabbathen gefüllt. Ich gedenke in dieser Beziehung stets eines Ausspruches, den ich wiederholt vom sel. Prediger Mannheimer hörte. Dieser sagte nämlich, ich habe nichts gegen Reformen beim Gottesdienste, wenn ich wüsste, dass dann mehr Leute in das Gotteshaus kommen. Wie jedoch die Sachen liegen, kann es kommen, dass der Eine oder der Andere, wenn Reformen eingeführt werden, vom Gottesdienste wegbliebe, dauernd gewinne ich jedoch Niemanden. Auf Grund meiner eigenen Wahrnehmnngen und der Kenntnis der Berhältniße kann ich nun ganz und voll diesem Urtheile beistimmen und würde es geradezu als ein Verbrechen betrachten, wenn man an den Ritus, wie er in den Bethäusern der Gemeinde besteht, rütteln wollte. Nun kommt das: Aber. Der Gottesdienst wird hier fast ausschließlich in hebräischer Sprache abgehalten. Ein großer oder der größte Theil der Heranwachsenden oder der in den letzten Jahren herangewachser.en Jugend versteht jedoch kein hebräisch und derselbe Fall tritt auch bei den Frauen ein. Dazu kommt aber noch Folgendes: Die Heranwachsende Generation findet in dem weitaus größten Theile unserer Gebete keine Erbauung. Ihr liegt der Wunsch ganz fern, dass der blutige Opfecdienst wieder herbestellt werde; sie sehnt sich nicht darnach, dass ein jüdisches Reich wieder erstehe und es muthet sie ganz fremdartig an zu glauben, dass ein Sprößling David's den Thron besteigen werde m ן\ w. U. s. w. Vor kurzer Zeit schüttete mir gegenüber ein junger Mann, dessen Familie zu den angesehensten gehört, sein Herz -aus. Er theilte mir mit, dass er am Jom Kippur vom Abend bis zum Abend faste und fleißig bete: da er jedoch den Inhalt vieler Gebete nicht kennt, so dachte er deutsch zu beten, um die Andacht zu erhöhen. Doch da kam er aus dem Regen in die Traufe. Er betete um Vergebung von Sünden, die er nie begangen, da er nie geraubt oder gestohlen rc. hat, und da dachte er, es sei besser, was er nicht verstehe, zu beten statt derartige Bitten auszusprechen. ILsbus hic stantibus fragt es sich, ob es nicht angemessen wäre, einen Gottesdienst einzurichten, der für die Heranwachsende und für die herangewachsene Jugend, sowie für Frauen und für alle jene, die eben einen anderen Gesichtskreis haben, als man früher hatte und wie ihn noch heute viele haben, angemessen wäre. Es wäre eine diesbezügliche Abhilfe um so angemessener, wenn man nicht will, dass ein großer Theil der Mitglieder der Gemeinde dem Judenthum ganz entfremdet werde; und da so viele Riten vertreten sind, so sehe ich nicht ein, warum nicht auch dieser Richtung Rechnung getragen werde. Meiner unmaßgeblichen Meinung nach hat die Reform eben so viel Berechtigung, wie der Chasiidismus. Derartige Berhältniße, wie sie hier in betreff des Gottesdienstes bestehen, finden sich wohl in jeder größeren Gemeinde und wäre es dringend nothwendig, den vorhandenen Uebelständen abzuhelfen, damit nicht die Zeit komme, '״ א־וריהם אל היכל דda man dein Tempel ganz den Rücken kehrt." Ich habe schließlich noch ein Moment zu erörtern. Der Vorstand wendete sich an einige Großgemeinden und zwar motivirte er diesen Vorgang damit, weil die Großgemeinden beispielgebend Und wirkend sind. Es ist außer Frage, dass dieser Satz den Erfahrungen entspricht, und will ich nur darauf Hinweisen, dass der Wiener Ritus, wie er 1826 eingeführt wurde, zahlreiche Nachahmungen im Inwie im Auslande fand. Das gleiche ist der Fall in betreff des Jugendgottesdienstes, welcher 1870 eingeführt wurde. Man sindet ferner in Gebetbüchern nach polnisch-deutschem Ritus da und dort die Bemerkung: In Prag wird dieses gebetet. Es fiel jedoch Niemandem ein, anzuführen, was in dieser oder jener kleinen Gemeinde gebeten wird. Nichtsdestoweniger waren wir gegen jede ״Erclusivirät". Wir wünschen, dass Vertreter der großen Gemeinden, Männer der Wissenschaft, und zu diesen zählen doch auch die Rabbiner, sowie Personen, die eine geachtete oder gar hohe soziale Stellung einnehmen, bei diesen Conferenzen erscheinen und dann soll kommen, wer da will. Bei den Katholikentagen erscheinen Cardinäle, Erz- und Bischöfe, Fürsten und Grafen und breite Schichten aus dem Volke. In ähnlicher Weife soll es auch bei diesen Eonferenzen gehalten werden. Wir können nur wünschen, dass die hiesige Gemeinde, welche das gute Werk begonnen, dasselbe auch ausführen wird, und zweifle ich nicht daran, dass diese Conferenzen Heil und Segen bringen werden. Gin peinliches Gericht über Prof. Uohlins. Anlässlich der Judenverfolgungen in Eorfu hat der evangelische Theologie-Professor Dr. Hermann Strack, einer der gründlichsten Kenner der hebräischen Sprache und Litteratur, in ' einer Schrift ״Der Blutaberglaube bei Christen und Juden" die lügnerische Sage, dass die Juden Christenblut zu rituellen Zwecken verwenden, durch eine gründliche geschichtliche Untersuchung widerlegt. Strack begnügte sich aber nicht mit der einfachen Widerlegung dieser Beschuldigungen aus dem Wortlaute der jüdischen 2leligionsv^-׳'chriften und mit dem historischen Nachweise, dass alle angeblichen geschichtlichen Beweise für einzelne Fälle angeblicher Ritualmorde erlogen sind oder die geschichtliche Kritik nicht vertragen können, sondern er erfortsche auch den Ursprung der Sage. Er wies nach, dass der Aberglaube von der geheimnißvollen Bedeutung des Blutes ein uralter Bestandtheil des Seelencultus der Naturvölter ist, dass er sich aber bei den christlichen Völkern weit lebendiger erhalten hat, als bei den Juden, bei denen die strengen Vorschriften des alten Testamentes gegen Gebrauch und Genuß des Blutes bereits eine wirksame Schranke gegen die Einwurzelung jenes Aberglaubens und des abergläubischen Gebrauches von Blut bildeten. Professor Strack zeigte ferner, dass, wo sich im Mittelalter Spuren solchen Aberglaubens bei den Juden zeigen, er davon herrührte, dass die Juden von dem Aberglauben der Christen beeinflusst wurden, unter denen sie lebten. Die soeben in erweitertem Umfange erschienene vierte Aufläge der genannten Schrift mit dem veränderten Titel ״Der Blutaberglaube in der Menschheit, Blutmorde und Blutritus" (״München, E. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung) erhalt noch ein erhöhtes Interesse dadurch, dass der gelehrte Autor einen eigenen Abschnitt der bekannten Talmud-Autorität der Antisemitenpariei, dem Prager Canonieus Professor Rohling, widmet und darin dessen Unwissenheit und Verlogenheit in grellem Lichte zeigt. Unter Hinweis auf diese gediegene Schrift theilen wir nachfolgend die Einleitung des Capitels über Rohling, sodann die Briefe mit, welche dieser unerschrockene Kämpfer für die Angehörigen einer