Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 26 (1.11.1892)
- Date
- 1892-11-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Gesterreichisch'ungarische (Lantsren-Zeitung. Nr. 26. Erlaß des helsifchr« Ministeriums gegen den Antisemitismus. Trotz der offenen Mißbilligung seitens des Großherzog hat der Antisemitismus in Hessen, namentlich in der Beamtenschaft, nicht nachgelassen und das Ministerium hat darum folgenden Erlass tfl1 sämmtliche Behörden gerichtet: ״Bei besonderer Gelegenheit ist zur Kenntnis des Ministerium gelangt, dass eine größere Anzahl Beamter, insbesondere der mittleren und unteren Dienstclassen, sich durch Wort und Schrift, durch Mitgliedschaft an Vereinen und Besuch von Versammlungen an den antisemitischen Bestrebungen betheiligt. Auch ist dem Ministerium befaunt geworden, dass es selbst Beamte gibt, welche glauben, sich für ein solches Verhalten auf dem seinerzeit amtlich veröffentlichten, an den Rabbiner Salfeld als Nepräsentauten einer vom verstorbenen Großherzog empfangenen Deputation israelitischer Staatsangehöriger gerichteten Erlass berufen zu dürfen und mit den darin kundgegebenen a. h. Anschauungen und Absichten in Uebereinstimmung zu sein. Nichts könnte verkehrter sein, als diese Auffassung jenes im a. h. Aufträge ergangenen Erlasses. Letzterer betont vor Allem, dass der Großherzog mit Bedauern von den seit einiger Zeit in mehreren Theilen des Großherzogthums stattfindenden, von Außen hereingetragenen gehässigen Anfeindungen seiner israelitischen Unterthanen Kenlnis genommen hat, spricht sodann aus, dass der Großherzog diese Anfeindungen aufs ernstlichste mißbilligt und ein baldiges Aufhören derselben erwartet, und hebt am Schlüsse hervor, dass nach dem Willen des Großherzogs seine isrraelitischen Unterthanen in ihren verfassungsmäßigen und gesetzlichen Rechten ebenso wie die Unterthanen anderer Confessionen zu schützen seien. Wenn inzwischen gesagt wurde, dass es zum Aufhören jener Gehässigkeiten wesentlich mit beitragen werde, wenn der sittlich höher stehende Theil der israelitischen Bevölkerung sich nach Kräften werde angelegen sein lassen, den Ursachen zu Klagen über die Handlungsweise mancher seiner Glaubensgenossen nachzuforschen und denselben mit geeigneten Mitteln abzuhelfen, so ist damit nicht mehr ausgesprachen, als eine wohlwollende landesväterliche Mahnung, bei welcher nichts ferner lag, als der Gedanke, den unmittelbar vorher ausgesprochenen schärfsten Tadel der gegen die Israeliten gerichteten Angriffe und deren a. h. Mißbilligung wieder aufzuheben oder auch nur abzuschwächen und den so gekennzeichneten Bestrebungen irgend welche Berechtigung zuzugestehen. Eine derartige Auffassung ist gänzlich ausgeschlossen und steht in geradem Gegensätze zu den a. h. Intentionen. Uebereinstimmend hiemit sind auch stets die Anschauungen der Staatsregierung gewesen. So wenig es an sich tadelnSwerth sein kann, im öffentlichen Leben Bestrebungen zu unterstützen, welche rein und ohne Nebenabsichten die Erhaltung und Hebung deutschen Wesens und christsicher Sitte bezwecken, so verwerflich erscheint es, wenn dieselben, wie bisher fast ausnahmslos bei der antisemitischen Bewegung im Großherzogtbum hervorgetreten ist, ganz wesentlich darin gipfeln, Hass und Bosheit gegen die israelitische Bevölkerung zu erregen und mehr oder weniger offen zur Verfolgung und Beeinträchtigung der Letzteren in ihren Rechten anzureizen und aufzufordern. Die großherzogliche Regierung kann in der Betheiligung von Beamten an solchen Bestrebungen nur eine unstatthafte Außerachtlassung der von ihr mit a. h. Billigung befolgten Grundsätze bezüglich der israelitischen Staatsangehörigen erblicken, welche sie unmöglich fernerhin dulden darf. - Indem die Regierung diese ihre Auffassung zur Kenntnis der ihr untergeordneten Beamten bringt, mahnt sie von jeder Bethätigung, von jeder Theilnahme an den betreffenden Bestrebungen ab und erwartet die gewissenhafte Befolgung dieser Mahnung. Sollten gegen Erwarten gleichwohl künftig Zuwiderhandlungen in der angegebenen Richtung Vorkommen, so würden sich die Betheiligten es selbst zuzuschreiben haben, wenn ein disciplinarisches Einschreiten die Folge davon wäre. Kleine Chronik Wien. Auf Grund des neuen jüdischen Cultusgesetzes, sowie infolge der Vereinigung sämmtsicher Vororte-Gemeinden mit der Wiener Cultusgemeinde hat sich die Nothwendigkeit ergeben, für die letztere ein neues Statut auszuarbeiten, welches den! Ministerium zur Genehmigung vorgelegt wurde. Das Ministerium sah sich nun veranlasst, dieses Statut nicht zu genehmigen, was, wie das ״Neue Wiener Tagblatt" meldet, hauptsächlich darauf zurückzuführen ist, dass jetzt beim Cultus- und Unterrichtsministerium neuerliche Berathungen stattsinden niüssen, da von Seite der Orthodoren verlangt wird, dass denselben im Nahmen dieser Statuten eine gewisse Autonomie eingeräumt werde, insbesondere bei Ernennung ihrer Rabbiner. Die Regierung hat den! Begehren der Orthodoxen Folge gegeben, und wurde zu diesem Zwecke eine gemeinsame Berathung der Vertreter des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde und . der Vertreter der orthodoxen Gemeinde mit Hinzuziehung der von der Negierung ernannten Vertrauensmänner angeordnet. In diese Commission wurden von den Orthodoxen berufen die Herren Bernhard Hofbauer und Moses Hirschler, von der Regierung wurden berufen die Herren Emanuel Baumgarten, Dr. Th. Berger, Mor. Dub und Polizeirath Frankl, außerdem zwei Vorstandsmitglieder der Wiener israelitischen Cultusgemeinde. Diese Berathungen haben unter Vorsitz eines Sectionschefs im Ministerium für Cultus und Unterricht' bereits begonnen. Unter den von der Negierung berufenen Experten ist das ehemalige Vorstandsmitglied, Herr Emanuel Baumgarten, als ausgezeichneter Kenner jüdischer Gemeindeverhältniße bekannt. Wien, 31. October. Heute Vormittags fand unter zahlreicher Theilnahme das Leichenbegängnis des NeligiouSschul-Jnspectors Dr. Gerson Wolf statt. Im Trauerhause, Landstraße, Untere Viaductgasse Nr. 41, erschienen . unter Anderen: Herren- Hausmitglied Baron Königswarter, Stadtrath Dr. Stern, Gemeinderath Baurath Stiaßny, EomMereialrath H. Ctiaßny, Director Heller vom Blinden-Jnstitute auf der Hohen Warte, Instituts-- Director Simon, kaiserlicher Rath Dr. Wölfler, der Präsident des Journalisten- und Schriftstellervereines ״Eoucordia", Professor Warhanek, mit seinem Stellvertreter Negierungsrath Winternitz und mit den Mitgliedern der Verwaltung. Wilhelm Frey, Moriz Neuda und Isidor Fuchs, die Schriftsteller Emanuel Baumgarten und Fritz Singer, Docent Dr. Grüufeld, Stadtbaumeister Zifferer, Vice-Präses Simon und fast sämmtliche Vorstandsmitglieder der Wiener israelitischen Cultusgemeinde und zahlreiche Freunde und Bekannte der Familie. Im Sterbehause executirte Ober-Cantor Singer und in der Ceremonienhalle auf dein Central-Friedhofe Ober-Cantor Goldstein mit dem gesammten Ehorpersenal die Trauergesänge, worauf Ober-Rabbiner Dr. Güdemann dein Verblichenen einen warmen Nachruf hielt. Der Sarg wurde nun Ulk letzten Ruhestätte getragen, und aitt offenen Grabe sprachen noch Rabbiner Dr. Jonathan Wolf UUd zuletzt Professor Warbänek namens des Journalisten- und SchriftsteUervereines ״Coucordia", dem der Verstorbene angehört hatte, ehrende Worte der Erinnerung. Wien. Von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist die jüngste Entscheidung des Reichsgerichtes gegen die Bildung antisemitischer Vereine. Das Ministerium des Innern hat nämlich die Bildung des ״Vereines der Anhänger Dührings", welcher, unter dem Deckmantel der Verbreitung der wissenschaftlichen Werke Dührings, antisemitische Agitation in praktischem Sinne betreiben wollte, verboten. Gegen dieses Verbot haben die Autisemileu den Recurs beim Reichsgerichte eiugereicht, welches in folgender ,Weise entschieden hat: ״Durch die Untersagung der Bildung des Vereins der Anhänger Dühriug's hat eine Verletzung des im Artikel 12 St.-G.-G. gewährleisteten Rechtes, Vereine zu bilden, nicht stattgefuuden. In den Motiven wird gesagt: Ter Regierungs- Vertreter hat bei der Verhandlung aus verschiedenen Werken Dühring's zahlreiche Stellen verlesen, welche einerseits unverhohlene Feindseligkeit gegen das Judenthum und die Absicht, sie de!n Leser einzuflößen, bekunden, andererseits gehässige Angriffe gegen das