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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1892-11-01 · Heft 26 (1.11.1892) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
12 (1892)
Issue
Heft 26 (1.11.1892)
Date
1892-11-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Nr. 26. en droit (Doctor iuris) Theodor Rainach ganz an, wenn er von diesenl Werke behauptet, dass er weder mit den Prämissen, noch mit den Schlüssen, noch überhaupt mit der Methode Renaus bei der Bearbeitung dieses Werkes harmonieren könne (je ne suis d’accord avec 1’auteur.de THistoire d’Isrel ni sur les pre- Misses, ni sur la conclusion, ni sur la methode de son ouvrage). Und^ auch die deutsche Kritik hat dasselbe Urtheil vollinhaltlich bestätigt. Es erübrigt noch, über Renan als Bekämpfer des Antisemitismus zu sprechen. Und da müssen wir es anerkennen, dass so ungerecht Renan auch gegen das jüdische Alterthum war, so gerecht war er gegen das gegenwärtige Judenthum; zu wiederholten Malen sowohl in Vorträgen in der Societe des Etudes juives in Paris, als auch bei Interviews, immer und überall betonte er die erhabene Mission des Judenthums, das die Menschheit zu vereinen und zu verbrüdern berufen sei, und anerkannte gerne und freudig die Leistungen der französischen Juden, sowie — was ihm besonders nahe lag — die Leistungen der deutschen Glaubensgenossen aus dem Gebiete der Wissenschaft des Judenthums. Unermüdlich an der Selbstvervollkommnung thätig, hat Renan sehr viel dazu beigetragen, dem Studium der jüdischen Geschichte Anhänger zu gewinnen, neue Bahnen gewiesen, und wir schließen mit dm Worten Reinachs, dass es für 'Renan ein seltenes Glück gewesen, zweimal, am Anfänge und am Ende seiner glänzenden Laufbahn, der verführendste, am meisten gehörte und der beliebteste der Hierophanten zu sein (ce sera la rare bonne fortune de Mr. Renan d’avoir ete deux fois, au nebut et au torme de sa brillante carriere, le plus seduisant, le plus ecoute et le plus aime des hierophantes). ’) Von diesem Werke, das 5 Bände umfassen soll, sind bis jetzt 3 Bände erschienen; der erste Band erschien im Jahre 1887 im Verlage von Calman Levy (Paris). — Wir werden später noch auf dieses Werk zurückkommen und verweisen ganz besonders aus die meisterhafte Kritik Theodore Reinach’s in der Revue des Etudes juives (deren Mitglied Ernest Renan vom Beginn der Gesellschaft bis zu seinem Lebensende gewesen) XV. Band Seite 302—315. Auch Joseph Halevy hat mit dem ihm eigenen Freimuth die bedeutenden Mängel dieses Gcschichtswerkes cnrhüllt. — "־) Catalogue de la Bibliotheque de feu M. J. Mohl. Paris 1876. F. Leroux editeur p. VII. — *) Die Dramen erschienen 1888 unter dem Titel: Orames philosophiques. — ״) Im Vereine mit Adolf Neubauer gab Renan in dem monumentalen Werke: La France litteraire (das litterarische Frankreich) im 27. Bande eine Geschichte dcS französischen Rabbinates unter dem Titel Les rabbins fran^ais (die französischen Rabt!!K- . - 1 ’ 1—.1.11 ■■י— — .. - ' Die Wrmderrmge. Ein morgenländischcs Märchen. In einem fernm Meere war einmal eine wunderschöne, palmenbewaldete Insel, deren Bewohner glücklich und zufrieden unter einem guten Khalifen lebten. Ein kleiner Theil dieser Inselbewohner befand sich im Besitze von kostbaren Ringen, die er vor vielen tausend Jahren von seinem Gotte empfangen hatte. Diese Ringe besaßen die Eigenschaft, dass sie deren Träger Gesundheit und langes Leben gaben, nur mussten dieselben davor in Acht genommen werden, dass sie nicht mit Wasser in Berührung kamen, denn sobald einer der Ringe feucht wurde, verlor er seine Wunder- Kraft. Die Besitzer der Ringe hüteten denn auch diese auf das Peinlichste und es war in den vielen tausend Jahren nie vorgekommen, dass einer der Ringe ins Wasser gefallen wäre, oder dass man jhn beim Waschen anbehalten hätte. Eines Tages indess bekamen die übrigen Bewohner der Insel, die häufig krank wurden und unter deren Mitte viele in früher Jugend sterben mussten, einen großen, unbesiegbaren Hass auf die Ringbesitzer. Mt dem Tragen der Ringe nämlich waren auch strenge Vorschriften über Mäßigkeit, Sparsamkeit, Nüchtemheit und sonstige Das Moschst. Nach seiner Bedeutung und Anwendung in biblischen und nachbiblischen Schriften. XXVIII. Rabbi Simon ben Asai hat in einem Vorträge die Herrschsüchtigen geißeln wollen, da bezog er sich auf eine Bibelstelle in der Schöpfungsgeschichte, die sich zu widersprechen scheint. Zuerst heißt es (1. M. 1, 16): ״Gott schuf die zwei großen Lichter", da werden Sonne und Mond große Lichter genannt, und gleich darauf folgt: ״Da große Licht, die Sonne, zu herrschen bei Tag, und das kleine Licht, der Mond, zu herrschen bei Nacht."׳ Diesen scheinbaren Widerspruch erklärte der Rabbi durch folgende Fabel: Als Sonne und Mond, diese zwei Lichter des Weltalls, geschaffen wurden, trat der Mond vor Gottes Thron und sprach: Herr der Welt! wozu zwei Lichter, zwei Könige mit einer Lichtkrone. Da antwortete Gott: So werde dein Licht kleiner und erleuchte nur die Nacht. Ach Herr, bat der Mond, ich habe doch nur Billiges vorgebracht, und soll deshalb gestraft werden. Hier hast du, sprach Gott, die Sternlein dazu und fei ruhig - (Chulin 60). Daraus erfolgt die Strafe des Herrschsüchtigen. Ein Agadist, der über die Barmherzigkeit Israels selbst dem Feinde gegenüber sprach, mahnte zur Vorsicht gegen listige und gefährliche Widersache und bekräftige das durch folgende Fabel: Ein Hirt weidete im Walde seine Heerde und fand eines Tages das Junge eines Wolfes. Er erbarmte sich desselben und ließ es von den Ziegen säugen. Da überraschte ihn sein Herr, der den jungen Wolf sah, und sofort befahl er denselben zu tödten, da er in Zukunft der Heerde schädlich werden kann. Einem solchen listigen und grimmigen Feind, wie der Wolf, dem ist nicht zu trauen, selbst wenn man ihm Wohlthaien erweiset. Der Hirte aber hörte nicht darauf und war anderer Meinung. Der Wolf wurde groß und zerriss bald ein Lamm, bald ein Zicklein von der Heerde und verzehrte es. Voll Entrüstung stellte der Herr den Hirten darüber biner) heraus. — ׳') Siehe unser Gedenkblatt in den Monatsblättern August 1892. — ") Ich war damals Mitredakteür der vom Jahre 1875—78 von Charles d'vjlalo)- redigirten Monatsschrift: Revue de Philologie et d’ethnographie (Zeitschrift für Sprachwissenschaft und Völkerkunde) die im Verlage von Ernst Leroux in Paris erschien. — ') In der Nacht vom 3. auf den 4. Januar 1876. — ״) Der schöne Spruch lautet: ״Wirf hin die Form, den Sinn ergreife; denn er ist Zucker, sie gemeines Rohr". Tugenden verknüpft, so dass viele der Ninginhüber im Laufe der Zeit große Schätze an Gold, Silber und edles Gestein sammeln konnten. Das erregte den Neid der anderen Insulaner,jie gründeten Antiringbesitzende Vereine, hielten große Versammlungen ab und brachten es soweit, dass sie den Großvecier bewogen, eine Ministerial-Verordnung zu erlassen, die anscheinend gar nicht gegen die Ringbesitzet gerichtet war, sondern wonach im Interesse der Reinlichkeit in Zukunft jeden Morgen die Ringe von sämmtlichen Bewohnern der Insel durch einen Beamten des Khalifen einer gründlichen Waschung unterzogen werden sollten. Sofort entwickelten die Besitzer der Wunderringe eine fieberhafte Thätigkeit, stm die Kraft ihrer Kleinode, die durch das Waschen ja verloren gieng, zu erhalten. Die Gemeinden und Seelsorger der Ningbesitzer machten an maßgebender Stelle darauf aufmerksam, dass das Waschen den Ringen deranderenJnwöhnernichtschade, dass man aber ihre Ringe hievon ausnehme» solle, umsonst — man erwiderte ihnen, sie erstrebten eine Ausnahmstellung im Lande, man könne ihnen zu Liebe keine besonderen Gesetze machen und jeden Freund der Reinlichkeit entsetze es, wenn er sehe, wie schmutzig die Ringe seien. Die Ringebesitzer ließen sich hierauf Gutachten von vielen ärztlichen und anderen Autoritäten aus der ganzen Welt kommen,

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