Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 26 (1.11.1892)
- Date
- 1892-11-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 26 Oesterreichisch-unaarische Dantoren-Aeitung. Seite 3. durch seine bedeutende oratorische Begabung zum mindesten äugenblickliche Erfolge erzielt haben würde. Hingegen hat Renan im Jahre 1878 der litterariscben Welt sich als Dramatiker vorgestellt, und zwar war sein erstes DramcE) Caliban bezeichnend genug eine Satire, und wie man allgemein annahm, gegen Gambetta; und bis auf sein jüngstes antobivgraphisches Buch Feuilles detachees (Lose Blätter) hat er sich litterarisch furchtbar erwiesen und dadurch einen neuen Beitrag zrr dem von England herrührenden Oxymoron geliefert, dass die am meisten beschäftigten Personen am meisten freie Zeit haben. Und in der That liegt in diesem auf den ersten Blick befremdenden Ausspruch das große Geheimnis der Kraflfammlung und der Zeitersparnis. Theilung der Arbeit und Anspannung sämmtlicher Kräfte für die jeweilige Arbeit sind unbedingt notbwendig, soll irgend Ersprießliches in der kurzen dem Menschen zugemesseuen Zeit erzielt werden. Renan, der König der Stylisten Frankreichs, sprach mit dem großen römischen Imperator, Marcus Aurelius Antonius Versus, auch Antoninus philosophus genant. Homo sum, humani nihil a me alienum esse puto. ״Ein Mensch bin ich, und nichts Menschliches glaube ich von mir ferne halteit zu dürfen," und er wollte seine Kraft ~ und die war nicht geringe — auf allen Gebieten, zu tcnen er sich berufen fühlte und zu denen man ihn beruse.t hielt versuchen. Auch hierin erinnerte er an den talmudischen Gelehrten Ulla, der den Ausspruch that: Ich bin kein Priester; wenn jedoch meine Genossen sagen: ״Besteige die Priesterstufe, so thue ich es;" Und die größte Kraft seines Schaffens schöpfte Renan aus .orientalischen Ouellen, aus der Bibel (dem alten und neuen Te- . stamente), dem Talmud und den Kirchenvätern und aus persönlichem Verkehre mit den hervorragenden jüdischen Gelehrten, von welchen ich unter Anderen nur den verewigten Salon,on Munk, Professor am (.'ollege de France, Professor Jules Oppert, den Begründer der Assyriologie, Josef Derenbourg, den Busenfreund Abraham Geiger's und ׳Nestor der Pariser Orientalisten Josef Halevy, den Ritter ohne Furcht und Tadel und den nunmehrigen Bibliothekar der Bodleiana in Oxford, Dr. Adolf Neubauer^) und Isidor Löb'f) s. A. erwähnen will. Auch mir ward die Befriedigung zu Theil, von Angesicht zu Angesicht diesem bedeutenden Manne näher treten zu dürfen; es war. im Deoember des Jahres 1875, als ich das erste Mal ihn besuchte und zwar war er es, der um meinen Besuch bat. Ich hatte damals ausschließlich sprachwissenschaftliche Studien betrieben und widmete meine besondere Ausmerksamkeit den Ural-altaischen Sprachen"), und Ernest Renan sollte wie alljährlich in dem journal asiatique einen «apport annuel (Jahresbericht) über die Fortschritte der orientalischen Studiert veröffentlichen und wollte auch mich persönlich kennen. Und da konnte ich nicht genug seine Leutseligkeit und Bescheidenheit mir dem Anfänger gegenüber — den er stets mon eher coufrere (mein weither Milbruder) ansprach, wie andererseits die fast unglaubliche Bersalität seines Geistes bewundern. :Aach einstündigem Besuche entließ er mich und ich hatte die Freude in dem «apport annuel (der Jahre lang nachher noch von 'Renan abgefasst wurde), des Jahres 1870 auch meinen Namen unter den um die orientalische Wissenschaft sich Bemühenden verzeichnet zu sehen. Diese persönliche Erinnerung glaubte ich nicht vorenthalten zu dürfen, weil sie zeigt, das Renan Nichts seiner Aufmerksamkeit unwerth hielt und seinen Pflichten, die er übernommen, gewissen- Haft nachzukommen stets bemüht war. Es kann auch durchaus nicht unsere Absicbt sein, das Leben Renan's schildern zu wollen. Sämmtliche Eonversationsleriea und in dieser Woche sämmtliche Blätter bringen eine Skizze seines Lebenslaufes und ein Verzeichnis feiner hervorragendsten Schriften, die seinen Namen weltbekannt gemacht haben. Die Vielseitigkeit seines Geistes kann nicht genug bewundert werden. An den hervorragendsten Zeitschriften, wie da sind das journal asiatique. das Journal des Savants lZeilschrist der Gelehrten) die Revue des Dcux Mondes deren Milarbeiter in der Regel Akademiker werden, war er ständiger Mitarbeiter. Die Zabl der von ihm verösfeittlichten Werke ist sebr groß. Aber auch sonst folgte er jedem Rufe, so es galt einem Eollcgen Ehre zu erweisen. Im Jahre 1871F) starb Professor Jules Mobl — ein Deutscher von Geburt und Bruder des berühmten National- Oekonom Professor Moritz Mohl — und als dessen Bückereatalog veröfsentlicht wurde, hParis 1876, E. Leroux) har kein Geringerer als Ernest Renan eine Notice biographique geschrieben. Renan's erste größere Schrift ist eine Studie über das Griechische im Oeeident während des Mitlelalters (Etüde de la la langue grecque dans 1‘Oceident au moven ägo l 1848) und wer weiß, welche Bahnen Renan betveteu haben würde, wenn nicht die Prcisarbeit ausgeschrieben worden wäre, eine vergleichende Studie über die orientalischen Sprachen pt iierent, Aber er hatte Nicht Renan sein müssen, um sich an der Lösung dieser Preisfrage nicht zu betheiligen. Jrn Jahre 1852 hatte er sein Buch A\orrod.4 et l'averroisme lessai historiquo) veröfsentlicht. Der Erfolg krönte seine Bemühungen, Renan erhielt den Preis und int Jahre 1805 cufa;:11־ der erste Band seiner Historie generale et Systeme comparee des iangues semitiquos ( Iere parlin seul publice) ״Allgemeine Geschichte und vergleichendes Svstem der semitischen Sprachen." Dieses Buch begründete den Ruhm Renans nicht nur als Orientalist, sondern auch als Stylist, der es verstand, einen so spröden Stofs meisterlich zu handhaben ur,d in sehr fesselnder Weise vorzubringen. Rienau machte das persische Wort zu Schanden, dass die Form gemeines Rohr"- sei. Denn man mag dem Inhalt und der Argumentation Renan's nicht folgen, seinem Stvle cm zieht man sich nicht. Mir vielem Rechte sagt Th. Reiuach; dn peüt ne pas ouvrir VHiätoire d’Israel, rnais une fois ou verte, je de he quiconque de la lermer san5 l’avoir lue jusquau bout. On est partois agace ou choque. plus souvent — entraine et seduit presque toujours. Man muß die Geschichte Israel nicht öffnen: aber sobald man sie einmal geöffnet hat, wette ich, dass Niemand das Buch ans der Hand gibt, ohne es bis zu Ende gelesen zu haben. Man ist manchntal gereizt, öfter noch gerührt — hingerissen und verführt immer." Sein Meisterwerk ist.vie Geschichte des Urchristenthnms, wozu sein Vie de Jesus (1808) den Anstoß gab und wurde letzteres Werk ganz besonders in fast sämmtliche europäischen Spracheit übertragen. ׳ Im Jahre 1858 erschien eine metrische Uebersetznng des Buches Hieb und im Jahre 1860 eine selche des Hohen Liedes, Nachklänge seines ehemaligen geistlichen Berufes. Von größerem Interesse für uns ist jedoch seine Geschichte Israels, von welcher 8 Bände bisher et schienen sind. Wir schließen uns hier all das eompetentente Unheil res hervorragenden ])octeiu׳