Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 26 (1.11.1892)
- Date
- 1892-11-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 müther haben sich beruhigt; man kann daher objectiv über, die Angelegenheit sprechen. Zunächst will ich erklären, dass die Idee, eine Conferenz zusammen zu berufen, welche über Fragen, die Juden betreffen, berathen soll, gewiss eine vortreffliche ist. Sie ist nicht neu und gab es auch in früheren Zeiten derartige Conferenzen, sei es einzelner Gemeinden oder ganzer Länder, und erinnere ich diesbezüglich nur an die שיאתקונות in Mähren, welche, nachdem sie bereits abgeschlossen waren, auf Grund von Beschlüssen späterer Conferenzen ergänzt und erweitert wurden. Man kann über die Rabbinerversammlungen und die Synoden, die ihnen gefolgt sind, welche im Laufe der letzten Jahrzehnte, gehalten wurden, denken, wie man will, so wird man doch zugeben, dass sie zahlreiche Anregungen geboten haben. Doch abgesehen von allem Anderen, möchte ich auf folgendes Moment Hinweisen. Man weiß, welche Stellung bei uns in Oesterreich die katholische Kirche einninnut, und trotz der Gleichberechtigung der Confessionen, welche gesetzlich festgestellt ist, ist die Lage der Katholiken doch eine ganz' andere, als die der Juden. Nichtsdestoweniger werden Katholikentage abgehalten und ähnliches geschieht in protestantischm Ländern. Warum sollte nicht auch (roir sagen nicht ein ״Judentag", denn diese Bezeichnung wäre vielen ein Greuel) eine freie Versammlung von Israeliten von Zeit zu Zeit stattfinden? לדעת מה יעשר. ישראל Der Vorschlag verdient daher alle Anerkennung. Wenn er aber nichtsdestoweniger nicht zum Durchbruche kam, so sind die Ursachen anderswo zu suchm. Ich will dieselben angeben, da es mir darum zu thun ist, dass der Vorschlag wieder ausgenommen und zwar in einer Form, die es als möglich erscheinen lässt, dass er auch durchgeführt werde. Der nächste Fehler lag darin, dass die Einladung zur Beschickung der Conferenz kein Programm enthielt. Cs wird über Jndifferentismus geklagt, aber nicht angegeben, in welcher Weise derselbe etwa zu bekämpfen wäre. In der Einladung wird aus die Conferenz in Koblenz hingewiesen. Die Erfahrungen, die man damals machte, hätten jedoch diesmal benutzt werben müssen. Damals stellte man nämlich ein Programm auf. Es sollte der Gottesdienst in der Landessprache gehalten werden u. s. w. Man hat jedoch alle diese Vorschäge über Bord geworfen, da die Mitglieder der Conferenz nicht über theologische Fragen entscheiden wollten und man berieth, in welcher Weise Galizien kulturell zu fördern wäre. In der jüngst erfolgten Einladung wird auf den wunden Punkt, den Jndifferentismus, hingewiesen. Die Conferenz sollte berathen, wie demselben in wirksamer Weise abgeholfen werden tonnte; aber eigenthümlich genug wird ausdrücklich hervorgehoben, dass die Konferenz nicht in das theologische Gebiet, welches die Domäne der Rabbiner ist, eingreifen wolle, da die Conferenz selbst nicht aus Fachmännern besteht. Nun sind wir wirklich neugierig, zu erfahren, wie man berathen will, in welcher Weise der religiöse Jndifferentismus zu bekämpfen wäre, wenn man nicht weiß, was verboten ist. Kompert legt in der Novelle: ״Die Verlor'ne" der Großmutter die Worte in den Mund: ״Nicht sollst Du wissen, was man alles thun darf." Es gieng ganz gut an, dass in Koblenz Kaufleute rc. darüber berathen konnten, in welcher Weise die kulturellen Verhältniße in Galizien gefördert werden könnten. An diesen Berathungen Nr. 2«. hätten auch Christen, die das Herz auf dem rechten Fleck haben, theilnehmen können, aber wie dem religiösen Jndifferentismus beizukommen wäre, da müssten doch auch Fachmänner, seien es Rabbinner oder Männer, die mit dem jüdischen Schriftthume vertraut sind, gehört werden." (Schluss folgt.) Grnelk Renan ). Ein Gedenkblatt. Von Dr. Al. Grünwald in Jnngbunzlan. Noch sehe ich sie vor mir die gedrungene kurze Gestalt, den unverhältnismäßig großen Kopf, der an Cäsar und Napoleon gemahnte, die durchdringenden und doch so leuchtenden Augen, den sarkastisch lächelnden Mund, kurz die gallische Höflichkeit und die kühne Zurückhaltung des Sohnes der Bretagne innig miteinander verbunden, die gewaltige Denkerstirne und das stramme Haar, die dem Gesichte Ernest Renan's erst seinen eigentümlichen Reiz und Zauber verliehen. Renan hatte etwas Fascinierendes in seinem Wesen, das inimer noch an den katholischen Priester und an die Weiberherrschaft gemahnte, - denen er eingestandenermaßen einen großen Einfluß auf sein Denken und Streben zuschrieb, (ganz besonders in den keuillss detaekes). Nun ist er heimgekehrt zu seinen Vätern und es lohnt sich wohl, ganz besonders für unsere Glaubensgenossen, das Lebensbild dieses glänzenden Stylisten — und das war Renan in erster Reihe — vor unserem geistigen Auge vorüberziehen zu lassen. E. Renan bewährte an sich in glänzender Weise das Wort der talmudischen Weisen, dass die wirklichen Gelehrten (Jünger der Weisen) in ihren! Alter nicht nur nichts von ihrer Geistesfrische verlieren und einbüßen, sondern im Gegentheil je älter sie werden, desto mehr Klarheit und Lauterkeit gewinnen, und als ob sie jede Minute ausnützen wollten, gerade im Alter Werke schaffen, welche allein genügen würden, ihren Namen der Nachwelt zu überliefern. Die Wahrheit dieses Ausspruches haben Männer wie Alexander v. Humboldt durch den ״Kosmos", Ranke durch seine ״Weltgeschichte" und — last not least Renan — durch sein noch nicht veröffentlichtes, wie es aber heißt, druckreifes Werk ״üistoire du peuple d’Israel') (Geschichte des Volkes Israel), erhärtet. Aber auch sonst hat Renan im Alter gezeigt, wonach seine Seele sich sehnte, fein Herz dürstete; ihm genügte nicht der Ruf des Gelehrten, nicht das Forschen in der Vergangenheit war die Grenze seines Strebens. Er war zu sehr Franzose und Weltmann. Auch auf ihn lassen sich die Worte,' die er auf I. Mohl^) anwandte, brauchen: On voulait tout savoir; on croyait tont trouver, des esperances illimitees remplissaient les coeurs. (Man wollte Alles wissen, man glaubte Alles zu finden, grenzenlose Hoffnungen erfüllten die Herzen) — hatte er doch nicht vergeblich dein geistlichen Stande entsagt — um auf die Lorbeeren des Dichters und die Dornenkrone des Politikers zu verzichten. Wenn ihn ein französischer Denker einst mit dem Philosophen Plato verglichen hat, der den Staat, wie er sein sollte, geschildert hat, so war es Renans Ehrgeiz, auch in der Politik eine leitende Rolle zu bekleiden. Dass ihm dies nicht geglückt, ist nicht zu bedauern; wenn es auch keinem Zweifel unterliegt, dass Renan *) Geboren 27. Februar 1823 zu Trögnicr im Departement Obre» du Nord, gestorben am 2. Oktober 1892 in Paris. Gesterreichisch-ungarische (Lunte ren-Aeitung.