Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 25 (17.10.1892)
- Date
- 1892-10-17
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. unter Jubel einstimmig genehmigt, folgenden Verlauf: Nachdem der Vorsitzende, Baron Suttner, die Anwesenden begrüßt und noch bekannt gegeben, dass aus mehr flls 20 Städten von Vereinen und hervorragendcu Persönlichkeiten Zustimmung^- kundgebungen eingelaufen seien, nahm Hofrath 4tothnagel unter jubelnde!!!' Applaus das Wort zu folgenden Ausführungen: ״Die traurigen und schmachvollen Vorromniße, welche die unmittelbare Veranlassung zur Einberufung dieser Versammlung gegeben haben, sind als Ausschreitungen des Antisemitismus bezeichnet worden. Das sind sie nicht, der Antisemitismus macht keine Ausschreitungen, er ist eine solche, (Beifall) er ist ein Frevel an der Moral, an der Gerechtigkeit, an der Menschlichkeit. Wer überrascht gewesen sein sollte von jenen Seenen, der hat nie eine Vorstellung gehabt von dem eigentlichen Wesen des Antisemitismus, welcher schlecht ist in seinem tiefsten Kern und deshalb nur Schlechtes erzeugen kann. Jene Vorkommnisse mussten eintressen, als unausweichliche Eonsegnen;, und geben Sie sich keinen Täuschungen hin, wenn jene Individuen die Herrschaft gewännen, dann müsste der Genius der Menschheit schweigend sein Antlitz verhüllen: denn in schändet׳- vollen Thaten würde sich verwandeln, was bis jetzt nur in Worten sich äußern kann. Uebcr jene Individuen als solche ist nichts zu sagen — sie selbst haben sich das moralische Kainszeichen auf die Stirne gebrannt. (Beifall.) Aber der frevelhafte Hass, den sie mit wahnsinniger Wuth gegen die Mitbürger schüren, ist zu gefährlich, als'dass man ibn'mit kalter Gleichgiltigkeit, mit vornehmer Ruhe hingehen lassen könnte. Der Antisemitismus nimmt seinen Ursprung aus dem ©ememen der Menschennatur, er ist einer der schwersten Vorwürfe gegen das menschliche Herz. Und wer ihn nicht von Anfang an als Frevel empfunden, wer sich nicht. von Anbeginn über seine unbedingte Verwerflichkeit klar gewesen ist. dem müssen doch allmälig die Augen geöffnet sein. Wehrlose zu überfallen, ist. feig, schutzlose Frauen zu insultiren, ist gemein. Frauenehre ist selbst dem Rohen heilig, dem Antisemiten ist sie es nicht. (Stürmischer: Beifall.) Der Berns des Arztes — fuhr der Redner fort — ist. geweiht; opferwillig schont er nie sein Leben, der Pest, dem Tode ׳ schaut er pflichtgelreu ins Angesicht; die Hospitäler sind Gottes- Häuser, Erbarmen und Menschenliebe haben sie gestiftet für das unsägliche Elend der Armen und Verlassenen. In lichte Höhen erhebt die Wissenschaft ihre Jünger, welche mit ernstem Sinne ibr dienen, aber hinab in den Staub in den Schmutz zerrt sie Alle der Antisemitismrs." Mit einem Mahnruf an einen irregeleiteten Thcil der Jugend, schloß Hofrath Nothnagel seine Rede unter stürmischem Beifall. Es sprachen noch Dr. Scholz als Vertreter der Aerzte, NeichSrathsabgecrdneter Dr. Kronawetter, Landtagsabgeordneter Noske u. A. Hieraus -wurde folgende, vom Gemeinderathe Frauenberger beantragte Resolution einstimmig angenommen: ״Die im Saale Wimberger versammelten Männer aus allen Schichten der Bevölkerung, aus allen Bezirken Wiens, auf das׳ tiefste empört über das verderbliche, allen -Gesetzen der Menschlichkeit und Gerechtigkeit Hohn sprechende Treiben der Antisemiten, welches in f ahrelangen, zahllosen, täglich sich wiederholenden Worten und Handlungen gegen Mitbürger sich offenbart und jüngst in den scandalösen Scenen des niederösterreichischen Landtages einen geradezu ruchlosen Höhepunkt erreicht und bis zu einem anarchistischen Wuthausbruche geführt hat — erheben ihre Stimme zu einem feierlichen und errergischen Protest gegen diese Schmach für ihre Vaterstadt und erwarten, dass die berufenen autoritativen Persönlichkeiten diesem Treiben mit jener Energie cntgegcntreten werden, welche die Moral, die Gesittung, die Versassnngsgesetze zur Pflicht machen." — Nachdem noch mehrere Redner dem Wunsche Ausdruck gegeben, dass die heutige Versamnrlnng den Ausgangspunkt einer intensiven Agitation der freifiiniigcn Bürgerschaft gegen das Neberhandnehmen des Antisemitismus bilden nröge, wurde die Versammlung geschlossen. Wrerr, 13. Oetober. Die Professoren Dr. Rudolf Ehrobak (Vorstand der;weiten gebttrtsbr!f!!ch-gynäkoleg׳!chen Klinik) und Hvfrach Dr. Carl Stellwag Ritter v. Carion (Vorstand der ersten Augenklinick) nahmen in ihren gestrigen Antrittsvorlesungen Gelegenheit, sich über die . rohen Angriffe ausznsprechen, welche im niederösterreichischen Landtagssaale gegen den ärztlichen Stand von antisemitischer Seite gerichtet waren. Pilsen. Balken um Balken fällt vom Gerüste, immer deutlicher tritt die prächtige Front unseres neuen Tempels hervor. Die mattgrauen, maurischen Bogenfenster von zierlichen Arabesken umrandet, der niassive steinerne Unterbau heben sich vornehm und plastisch von der iu Nohziegelmanier errichteten Faeade ab. Beiderfettes streben zwei Thürme in die Höhe; die mit Knpferschnppen gedeckten Kuppeln imponieren schon weit vor der Stadt in ihren! goldenen Glanze. In Bälde wird an die innere Einrichtung ge׳ schritten werden, so dass wir schon bettle annehmen können, dass das neue Gotteshaus, welches dem opferwilligen Gemeinsinn sämmtlichcr Stencrzahler der hiesigen Cultusgemeiude alle Ehre macht, im Monat August 1893 seiner Bestimmung übergeben sein wird. Die schweren materiellen Opfer, mit welchen der Tempelbau die Cultusgemeiude belastet, ließen esnnthunlich erscheinen, die israelitische Volksschule weiter zu stützen, welche seit vielen Jahren mit bedeutendem Deficit erhalte!: worden war. In den nächsten Tagen wird als Ersatz eine Neligionsschule eröffnet werden. Mit welcher Theilnähme die Mitglieder der Cultusgemeiude diesem Projecte sich geneigt zeigen, werden die nächsten Tage erweisen. Gewitfch. Kurz vor den hohen Feiertagen wurde in unserer Gemeinde der Cantorposten mit Herrn Frischmann aus Wien, Schüler des Obereantor I. Bauer, neu besetzt. Dis Gemeinde hat an dem genannten Herrn eine gelungene Aeq,!׳sitw>! gemacht, da sich derselbe sowohl als Cantor, wie auch als Sekretär und Neligionslchrer trefflich bewährte und trotz seiner kurzen Amts-׳ thätigkeit hier sich bereits allgemeiner Beliebtheit erfreut. A?Kd. In dem Bewusstsein, der Sache und den Interessen zu dienen, welche die Cantoren-Zeitung vertritt, erlaube ich mir im Nachstehenden Einiges über den Gottesdienst an den letztverstoffenen hohen Feiertagen zu berichten, wobei ich mich jedoch auf den musikalischen Theil desselben beschranken will. In -erster Reibe gebührt nngetheilteS und allgemeines Lob unserem trefflichen, und sicherlich den Lesern dieses Blattes nicht unbekannten Chordirigenten, Herrn Adolf Grün zweig, der trotz seines nicht zu unterschätzenden Alters noch sozusagen jugendkräftig den Chor leitet und mit seinen Compositionen unsere Gemeinde zur Andacht und Erbauung führt. Am Rvsch-Haschono wurde der Abendgottesdienst mit einem ״Neujahrslied" (ujevi dal) eröffnet und mit einem ״Jigdal" beschlossen. Beide Piecen sind sehr stimmungsvoll gehalten. Selbstverständlich bildeten an diesen Tagen die Mußafim den Glanzpunkt des Gottesdienstes. Der En־Komocho, ein echtes und rechtes Entrslied von Chor und Cantor exeeutirt, ist charakteristisch durch das darin zur Geltung gebrachte Ninjone; vor den! Schofarblasen ertönt ein Schofarlied, welches wahrhaftig geeignet ist, den eitlen Menschen an Neue und Bekehrung --zu mahnen. Besonders gelungen ist hiebei das Jnterludium der Orgel, die die Tekio, Schworim, Truo getreulich wiedergibt. Ein Sochrcmi und MechalkekChajjim, die nach alten Weisen contponirt sind, tragen den Stempel des denkenden Componisten, der sowohl den Text mit der Melodie in Einklang zu bringen, als auch das Motiv zu wahren versteht. Doch wie treffend auch die bisherigen Piecen geschaffen sind, müssen wir besonders den ״Berosch- Haschonoh" und ״Uszeschuwoh" hervorheben. Der elftere klingt, wie von von einem Himmelschore gesungen, furchtbar und majestätisch; erhebend und zerschmetternd wirken seine Töne und wenn die letzten Aeeorde desselben verklungen, erfolgt das alles aussöhnende und tröstend antönende Usze* schuwoh, nach welchem Jeder, hingerissen von der Fülle und Macht dieser Gesänge, bekennen muß: ״Gott, mein Herr! Du bist groß." In würdiger Weise reiht sich diesen Gesängen ״Hajjom Haras Olom" an, ein Choräle, strotzend von inbrünstigen, andächtigen Tönen. Der ״Jomkipur" beginnt bei uns mit dem Ribono Sehe! Olom auf der Rolnidre-Melodie gesetzt und und arrangirt für Chor und Cantor. Eine ganze Serie von kleinen Piecen gibt Zeugnis dafür, dass Herr Grünzweig auch Oesterreichisch-ungarische (Kantoren-Zeitung. Nt. 25. Die Versammlung nahm