Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 24 (2.10.1892)
- Date
- 1892-10-02
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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^eile 0. Gesterreichisch-uiizarische (Lantoren-Zeitung. Nr. 24. einem Städtchen unweit von Neapel, wo ihm die vaeante Stelle eines Dirigenten der städtischen Musikcapelle mit einem Monatsgeholte von hundert Francs angeboten wurde. Es war nicht viel, aber diese Summme war wenigstens sicher. Schon hatte sich Mascagni resignirt, in der Dunkelheit und in Armut zu leben, als mit Einemmale ein Lichtstrahl die Finsternis erleuchtete. ES kam der vrn Sonzoguo im Jahre 1889 ausgeschriebene Eoneurs für einactige Opern. Dieser Wettbewerb, der lediglich zu dem schonen Zwecke ausgeschrieben wurde, den Muth und das Vertrauen junger Eomponisten zu heben und das eine oder andere verborgene Genie zu ״entdecken", sicherte dem Sieger unter den Concurrenten eine Prämie von mehreren tausend Gulden zu. Mascagni entschloss sich, an diesem Wettbewerbe theilzunehmen. Obwohl er Tag und Nacht arbeitete, war er doch einer der Letzten, welche das Mauuseript einsendeten. Es laugte beim Richter-Collegium wellige Stunden vor dem sestgesetzteu Termine au. Dieses Mauuseript war die .,Cavalleria rusticana". Im Ganzen liefen 73 Arbeiten ein, aber die Commission, die aus den Maestri Sgambati und Galli und dem bekannten Musik-Kritiker D'Arcais zusammengesetzt war, befand sich nicht einen Augenblick darüber im Zweifel, welche Oper mit dem Preise zu krönen sei. Und Mascagni erhielt nach acht Tagen voll unbeschreiblichen Harrens und Bangens, nach wahren Delirien in schlaflosen Nächten die Depesche, die ihn als den Sieger proclamirte. Aber neue Angst, neue Bangigkeit harrten des jungen Componisten. Das Publikum! Die ״Cavalleria" sollte gemäß den Bestimmungen des Cvncurses in Nom zur Erstaufführung gelangen. Am 14. Mai 1890 traf Mascagni in der Ewigen Stadt ein, um die letzten Proben zu dirigiren. Ter Tenor Stagno und die Primadonna Signora Bellincivni, dieselben, welche gegenwärtig im internationalen Ausstellungs-Theater zu Wien Türridn und Santuzza dürstellen, waren damals bei der Premiere die hervorragendsten Darsteller. Als ÜM Mürgen des 17. Mül 1890, dem Tage der ersten Vorstellung, einige Freunde Mascagni sahen, gewannen sie nur die eine Ueberzeugung, dass er im Falle eines Erfolges in seinem damaligen Anzuge nicht vor die Rampe treten könnte. Seine Toilette verrieth schon meilenweit den Capellmeister von Cerignola. In wenigen Stunden konnte man jedoch diesem Mangel abhelfen. Auch in Nom existiren große Etablissements fertiger Kleiner: man kann durch eine Thür in schr fragwürdige Gestalt eintteten und aus der anderen als vollendeter Gentleman herauskommmen. Als Mascagni aus jenem Kleidermagazin wieder auf die Straße trat, war er elegant metamorphosirt — der Mascagni von heute. Ich werde den Triumph jenes denkwürdigen Abends hier nickt beschreiben. MaScagni war so tief gerührt, dass er weinte. Das begeisterte Publicum stürnite aus die Bühne und trug — im wahren Sinne des Wortes — Mascagni wiederholt zur Rampe hinauf. Der Sturm der Leidenschaft, der durch alle Blätter der ,.Cavalleria" braust, der Zauber ihrer durchdringenden Musik batten an jeiicin Abende ein großes, ein gatiz außerordentliches Talent offenbart. Und während das Publicutn, nachdem es das neu aufgegangene Genie anerkannt hatte, noch tief erregt und jubelnd aus dem Theater heraustrat, saß Mascagni beim Souper unter den Künstlern, welche in der ״Cavalleria" mitgewirkt hatten, an der Seite seines Verlegers und sah zum erftenmale die zarte Farbe jener Tausendfranc-Scheine, die später wie eine rauschende Goldflnth in seine Laschen fließen sollten. Der Ruhm'und das Glück Mascagni's, die sofort in ganz Italien bekannt wurden, überraschten, verblüfften — das Eonservatorium zu Mailand, wo man auf einen Erfolg Mascagni's nicht viel Hoffnungen gesetzt hatte. Es darf nicht vergessen werden, dass dieses Conservatorium dasselbe ist, welches einmal den jungen Verdi mit der Randbemerkung entließ: ״Untauglich!" Kleine Chronik. Prag. Die vorige Nummer der ״Cantoren-Ztg." brachte die traurige Mittheilung von dem Ableben des hochgeschätzten College«, Obereantor Joachim Kerner in Smichow. Obwohl diese Nachricht ziemlich verspätet kam*), ist es noch stummer zeitgemäß, dem Verblichenen, der eine Zierde des Cantorenstandes genannt zu werden verdiente, durch Wiedergabe der wichtigsten Momente seines Lebenslaufes ein eollegiales Andenken in unserem Fachblatte zu widmen. Joachim Körner hat seine cantorale Laufbahn am Prager neuen Tempel begonnen, war hierauf mehrere Jahre in Neubitschow angestellt und wurde von dort nach Smichew berufen, woselbst er durch volle dreißig Jahre als Obereantor und in früheren Jahren auch als Neligionslehrer wirkte. Mit einer prachtvollen Baritvustimme, die bis in seine letzten Lebensjahre sehr wenig von ihrem Wohlklange eingebüßt hatte, verband der Verblichene gediegene nmsikalische Kemttniße und einen reichen Schatz jüdischen Wissens und universeller Bildung. Trotzdem er vor einigen Jahren das Unglück hatte, in Folge eines schweren Augenleidens total zu erblinden, versah er bis kurz vor seinem Tode sein Amt in mustergiltiger Weise und wüsste besonders an den hohen Feiertagen Herz und Gemüth der betenden Gemeinde zu erheben und zur Andacht zu stimmen. Er war wohl einzig. darin, dass er sämmtliche Gebete und Gesänge aus dem Gedächtniße reeitirte. An allen eollegialen Bestrebungen nahm Obereantor Körner regen Antheil, und als vor Jahren der österr.- ungar. Cantorcn-Verein einen Zweigverein in Prag ins Leben rief, wurde für ihn von den Prager Cantoren das Ehrenpräsidium in Aussicht genommen. Auch nach Auflassung des Zweigvereineö blieb er noch Mitglied des Cantoren-Vereines. Die außerordentliche Beliebtheit, deren sich der Verstorbene erfreute, zeigte sich auch bei dem am 12: v.M. stattgehabten Leichenbegängniße, welches von der Cultusgememde Smichow veranstaltet wurde. Nachdem von den Damen des Tempelchores, : die sich freiwillig aus den besten Bürgerkreisen kecrutiren, in der Wohnung des Verblichenen ein ergreifender Choral gesungen ward, wurde der Sarg gehoben und vor den Tempel geführt. Hier wurde ein Psalm angestimm! und schlossen sich sämmtliche, derzeit in Prag weilenden Rabbiner und Cantoren in! Ornate dem Züge an. Fast sämmtlichS Gemeindemitglieder in Smichow und deren Damen gaben dem Verstorbenen das letzte Geleite und auch aus Prag waren viele Trauergäste erschienen. Dem letzten Wunsche des Verblichenen entsprechend, wurde dessen Leiche in seine Vaterstadt Lieben überführt, wohin in mehr als 30 Wagen die Gesammtvorstände der Cultusgemeinde und Chevra-Kadischa nebst vielen Mitgliedern und der ganze Dameuchor dem Leichenzuge folgten. Auf dem altehrwürdigen Friedhofe daselbst wurden von den Prager Obereantoren abwechfelnb die üblichen Trauerpsalmen vorgetragen. Hierauf hielt der Kreisrabbiner von Sinichow, Herr Dr. Samuel Back, einen tiefempfundenen Nachruf, der kein Auge trocken ließ. Der Redner rühmte die Verdienste und Tugenden des Verblichenen, dem sowohl an der Stätte seiner langjährigen Wirksamkeit als auch in dem Kreise feiner Freuüde und Collegen ein ehrendes Andenken gesichert ist. ff3JÖfl Wien. Aus Petersburg kommt eine Nachricht, deren Bestätigung einen erfreulichen Umschwung in der Behandlung det Inden bedeuten würde: Das Projekt zur Lösung der Judenfrage in Rußland, welches in der Herbstscssiott des Petersburger Reichsrathes zür BerathuNg gelangen soll, enthält unter Anderm and) den Vorschlag, einen Theil der Juden aus dem Niederlassungögebiete in den wenig bevölkerten Gegenden des Czareureiches cmzusiedeln und sie zum Ackerbau heranzuziehen. Da die Frage über die Fähigkeit der russischen Inden zum Ackerbau von einigen Mitgliedern der Plehweschen Commission bestritten wurde, so begibt sich demnächst der russische Domänen-Minister Ostrowsky, wie der Graschdanin meldet, nach dem Gouvernement Cherson, um die dort befindlichen jüdischen Ackerbau-Colonien zu besichtigen. Ein hervorragender russischer volkswirthschaftlichcr Schriftsteller hat im vorigen Jahre nachgewiesen, dass die erwähnten Colonien sich in blühendem Zustande befinden, so dass MiilisterMtröwöki, dessen humane Ge- *) Zu unserem größten Bedauern wurden wir von den Prager Collegen nicht rechtzeitig verständigt, und selbst an den Verstand dt ׳ Cantoren-Vereines gelangte die Anzeige von Seiten der Wittwe erst kur; vor Schluss der vorigen Nummer. Die Red.