Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 24 (2.10.1892)
- Date
- 1892-10-02
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 24 Oesterreichisch-ungarische (Lantoren-Zeitung. Seite 8. wenn sie gehört werden wollten, ihre Dichtungen mit einer schönen Stimme vortragen mussten, zumal in Bagdad, wo nur die Sanggeübten den öffentlichen Gottesdienst mit dein Borbeter versahen'.) In Deutschland soll man sich im 12. Jahrhundert für die Gebete um passende Melodien umgesehen haben, damit nian jedes Stück, Pijut, in angemessener Weise vortragen könne. Im 13. Jahrhundert rechnete man zu den Vorzügen eines Vorbeters eine angenehme Stimme und kunstmäßigen ׳ Vortrag. Es gab damals Sänger von Fach .(משודרים), welche die Vorbeter unterstützten. Getadelt wird sehr, wenn hiebei Eitelkeit im Spiele war, wenn der Vorbeter sich durch seine Stimme und seinen Sang gem hören lässt, was, da die Gebetzeit verlängert wurde, eine Belästigung der Gemeinde zur Folge hatte. Ferner wurde gemißbilligt, wenn der Vorbeter sich nach fremden Melodien umsah, um nach denselben die Gebete vorzutragen, was oft schon im 11. Jahrhundert geschah. Aehnlich mahnt Jesaia Horwitz in seinem Buche של״ה S. 250: ״Den Vorbetern und den Meschorerim, Mitsängern, die das Volk mit ihren unjüdischen, profanen Liedern, Melodien ergötzen wollen, rufe ich zu: ״Das Hauptgewicht das Gebetes legen sie auf ihre Stimme, darum sind sie verhasst." Auf gleiche Weise hören wir noch den Oberrabbiner von Prag, Ezechiel-Landau'): ״Die Vorbeter, Chasanim, begehen große Thorhektcn; um ihre Stimme hören zu lassen, ׳ verstümmeln sie die Silben, so dass man von ihnen keine Worte, des Gebetes, aber dafür nur ihre Stimme hört. Salomo b. Aderet schreibt der Gemeinde Hueska^), dass auf solche Vorbcter der Vers anwendbar ist: ״Es erhebt gegen mich seine Stimme, darum hasse ich es!" Aehnlich hören wir später Ascher ben Jechiel in Toledo es tadeln, dass man Vorbeter anstelle, die nur ihre Stimme hören lassen wollen, obgleich sie un-- würdig feien4). Als ein fernerer Uebergriff wurde beklagt, dass die dichtenden Vorbeter eigene Zusätze zu den.Gebeten dichteten und dieselben mit einmischten. (Beracli. jeruscli. Abschn. 9, S. 12. — Miclr. Sclioliar tob Ps. 19.) Vgl. Kohut Arueh s. v. p!). Masragui m Wien. (Schluss.) So sehen wir Maseagni in der sogenannten intellectuellen Hauptstadt Italiens, verloren inmitten einer unruhigen und lärmenden Menschenmenge, ein armer Falter, voll Angst, sich die Flügel an den verlockenden Flammen der Großstadt zu verbrennen. Niemand kümmerte sich um ihn; er war allein und völlig unbekannt; eine liefe Melancholie bemächtigte sich seiner. Am Eonservatorium hatte er zu Lehrern die Professoren Michele Saladino für Harmonielehre und Eontrapunkt und Amintore Galli für Musik-Aestheti'k; er studirte jedoch wenig, wiewol er rasch üuffasste. Er befand sich damals in einem Zustande moralischer Depression. Er hatte in Livorno ein heißgeliebtes Wesen zurückgelassen, und in jenem Pessimismus, der ihn fast niederdrückte, sah er sein Glück entfliehen, denn er glaubte in dem Kampfe um das Leben nichts mehr erreichen zu können, während er sich in Livorno in seiner stürmischen Knabcnzeit oft goldenen Träumen hingegeben hatte. Die Lage eines jungen armen Maöstro war damals in Italien geradezu verzweifelt. Wie einen begabten Librettisten finden, der kein Honorar gefordert hätte? Wie konnte es gelingen, sich im Theater geltend zu machen, welches bei uns zu jenen Zeiten nichts mehr als ein Markt war, wo die enorme und verwegene Concurrcnz, die nur das Geld zum Ziele hatte, Gott weiß wie ') Schöbet Jehuda Nr. 42. Zunz. Svnag. Poesie S. 114. s) Noda Bijehuda Resp. 2. ') Resp. 215. .'')Nesp. 23. viele Genies erstickte? Es waren die Zeiten, wo man in den Scharrfenstern der Verleger eine Unzahl von staubigen Partituren ausgestellt sah, die von den Vorübergehenden nicht einmal eines Blickes gewürdigt wurden. Nur jene Werke wurden einer Prüfung unterzogen, die von einigen Tausendgulden-Banknoien begleitet wurden, welches Geld die zur Mise-en-scene nothwendigen Auslagen darstellte. Und nachdem Maseagni, der bereits den Entwurf zur Oper ״Ratcliff" (nach Heine) gemacht, in der Nähe gesehen, welches Elend die Versuche der italienischen Musiker erwartete, warf er Feder und Papier fort und verlor das Vertrauen zur Arbeit und die Hoffnung. Dieser Riss in einer edlen und leidenschaftlichen Seele wird von Maseagni selbst in einem Briese geschildert. Er schrieb ihn, nachdem er Zeuge des Triumphes der ״Villi", einer Oper seines Freundes Puccini bei der ersten Aufführung im Tratro Dal Verme in Mailand gewesen. ״ . . . Der Eindruck jenes Abends" . — schreibt er — ״wird in meinem Herzen für immer tief eingegraben bleiben; es war nicht Neid, was ich empfand; nein, aber ich sah meinen liebsten Freund ein Ziel errreichen, das von mir schon seit Langem geträumt wurde, und ich brannte vor Sehnsucht, es ihm gleichzuthun; ich sah nur nicht die Möglichkeit, dies zu verwirklichen. Im Geiste kehrte ich in das Zimmer meines Onkels ein, und die berauschenden Visionen traten wieder vor mein geistiges Auge. Oh, die Kunst! Meine schöne Kunst! Werde ich also jenen Ruhm, nach welchem ich so. begierig gelechzt und von dem ich so oft mit offenen Augen geträumt, nicht erreichen können? . . . Von jenem Tage an konnte ich keine Ruhe mehr finden ... Ich fühlte eine große Erleichterung, wenn ich allein, ganz allein auf einsamen entlegenen Straßen wandelte, und ich forschte nach der Zukunft, die mir ganz finster erschien, und die trübsten Gedanken stiegen in meinem Geiste auf. Wenn die unsicheren Schritte mich unbewusst in eine beleuchtete und belebte Straße führten, suchte ich meine Gestalt zu verbergen, denn ich glaubte, dass alle Menschen die Trauer von meinem Ge׳ sichte herablesen, -die Thränen in meinen Augen gewahren müssten, und eskostete mir große Ueberwindung, mich in Gegenwart meiner Freunde zu fassen und . eine heitere Miene zu zeigen . . ." In-dieser furchtbaren Geistesverfassung blieb Maseagni eines schönen-Tages, von der täglichen Zusammenkunft im Cafo Bifti aus, und man sah ihn nicht mehr— er war aus Mailand verschwunden. ' Um - ihn wiederzufinden, müssen wir einer jener zahlreichen Operetten-Gesellschaften folgen, die sich in ärmlichsten Verhältnißen auf -den wurmstichigen Bühnen de» trostlosesten Volkstheater herumtreiben, wo mehr gefastet als gesungen und wo mehr über das Elend geflucht als gelacht wird. Maseagni war bei einer solchen Operetten- Gesellschaft als Orchester-Dirigent mit einem Fixum von 6 Francs täglich angestellt, und in dieser Eigenschaft zog er durch halb Italien nach allen Richtungen herum, die eigene Trostlosigkeit und Betrübnis mit den geflickten Tricots und den schlecht geschminkten Gesichtern der mageren Operetten-Sänger vergleichend. Zu jener Zeit war es, als jenes junge Mädchen, das er so innig liebte, aus Livorno an ihn schrieb, sie gebe ihm sein Wort zurück, da sie niemals einenjungen Mann heiraten würde, der nichts Gutes für die Zukunft verspreche, der eine schwankende sociale Stellung besitze, und der in der Dunkelheit und im Elend sterben werde! Arm am Beutel und krank im Herzen, sah Maseagni feine Tage immer trauriger werden. Das beständige Herumirren von Stadt zu Stadt tödtete ihm Geist und Körper. Im Jahre 1887 treffen wir Maseagni in Neapel' — ohne Beschäftigung, weil die Theater-Gesellschaft, welcher er angehörte, sich aufgelöst hatte. Wir sehen Maseagni von neuem niedergedrückt, ermüdet, elend und zum Ueberflusse krank. Eine edelmüthige Künstlerin, welche an demselben Theater sang, 100. Maseagni dirigirte, hatte für ihn ein liebevolles Mitleid; sie pflegte ihn mit der größten Selbstaufopferung und Maseagni genas und erwachte zu neuem Leben. Sie verehelichten sich. In welch anderer Weise hätte Maseagni seine große Dankbarkeit dieser Frau gegenüber zeigen können, als dass er sie zum Weibe nahm? Und Nachdem er die Idee, Operetten-Orchester zu dirigiren, aufgegeben, reiste er mit seiner Frau nach Cerignola,